Chris von Rohr über Steve Lee«Steril, künstlich und emotionsarm»
Niemand in der Schweizer Musikszene kennt Gotthard so gut wie Chris von Rohr. Als Ziehvater und Mentor pflegte er eine Hassliebe mit der Band.
«Only the good die young»: Chris von Rohr war gestern geschockt, als er vom tragischen Tod von Steve Lee erfuhr. «Mir bleibt ein Jahrzehnt grossartiger Erinnerungen, gespickt mit magischen Momenten», meinte der Solothurner am Mittwoch gegenüber 20 Minuten Online als erste Reaktion auf das Drama.
Es ist von Rohr hoch anzurechnen, dass er nach dem Tod des Gotthard-Sängers darauf verzichtete, dreckige alte Geschichten aufzuwärmen. Doch wer die Schweizer Rockszene ein bisschen kennt, der weiss: von Rohr und den Tessiner verband eine innige Hassliebe.
In seinem zweiten Buch «Bananenflanke» widmet der Produzent der Band mehrere unverblümte Kapitel – und dabei kommen die Hardrocker alles andere als gut weg. Einiges was er damals schrieb, dürfte von Rohr nach diesem Drama leid tun, vieles dürfte sich in den letzten Jahren erübrigt haben. Doch angesichts der vielen Nachrufe ist eine unverblümte Stimme aus der Vergangenheit viel Wert.
«Charisma wie lauwarme Wassersuppe»
Der Manager der Tessiner Band Krak, Marco Antognini, wollte Anfang der Neunzigerjahre Chris von Rohr als Produzenten gewinnen. Dieser war nach seinem Ausstieg bei Krokus und dem nicht besonders erfolgreichen Solo-Album «Hammer & Tongue» notorisch unterbeschäftigt. Doch das erste Treffen mit den Tessinern war ein Schock: «Das gute Dinner mit Marco nach der ersten Probe mit Krak konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sowohl der Sound als auch das Charisma so fad waren wie eine lauwarme Wassersuppe.» Und von Rohr doppelt nach: «Die Combo versprühte den Charme von fünf Friburger Kühen, die sich zum Stepptanz treffen.»
«Talent lag in der Luft»
Der einzige, der von Rohr ein bisschen positiv auffiel, war Steve Lee: «Nur der Sänger brachte ansatzweise etwas Vernünftiges heraus. Doch trotz seiner starken Stimme sang er leider völlig falsche, überzüchtete Melodielinien und bewegte sich dazu, als ob er demnächst einen Job als Pantomime antreten wollte.» Von Rohr wollte die Flinte schon ins Korn werfen – hätte er dies getan, wäre aus Gotthard aller Wahrscheinlichkeit nach nie die hierzulande erfolgreichste Schweizer Rockband geworden.
«Unselige Eigenkompositionen»
Der Zufall wollte es, dass der Produzent noch eine weitere Probe von Krak besuchte: «Ich blieb draussen stehen und hörte einen Song, der mir gefiel. Es war 'Walking in the Shadows' von Whitesnake. Als ich die Tür öffnete, kam mir ein volles Brett entgegen – zum ersten Mal spürte ich so etwas wie Wohlgefühl.» Für von Rohr waren die «unseligen Eigenkompositionen» das grösste Problem der Band. Diese sollen wie eine unsichtbare, zähflüssige Melasse den Raum überzogen haben. Wegen Lees Stimme nahm von Rohr den Job aber an. Aus Krak wurde Gotthard. Aus der Tessiner Lokal-Rockband wurden Schweizer Bestseller.
Das erste Gold
Mit von Rohr an Bord kam der Erfolg schnell: Ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung gabs für das erste, schlicht «Gotthard» betitelte Album Gold. «Die Boys konnten es kaum fassen.» Für jeden Musiker ist die erste goldene Schallplatte etwas Besonderes. Doch die Band hatte die Rechnung ohne Hausgrafiker Urs Widmer gemacht. Dieser fertigte statt einer goldenen Schallplatte für jedes Bandmitglied einen kleinen Felsbrocken aus Gotthardgranit an. Die Band war am Boden zerstört: «Es war, als hätte man einem Kind statt eines Fahrrads einen Radiergummi geschenkt», erinnert sich von Rohr.
«Gentleman und Gummibaum»
Als einziger habe Steve Lee gute Mine zum bösen Spiel gemacht: «Als Gentleman und Gummibaum vom Dienst verkniff sich Steve wie immer eine direkte Klartextansage.» Obwohl die ganze Band enttäuscht war, habe sich Lee artig bedankt. Es sollten noch unzählige weitere Gold-Auszeichnungen folgen – und nach dieser unglücklichen Begebenheit war die Plattenfirma jedes Mal bereit, der Band die klassischen, grossen Gold-Schallplatten zu überreichen.
«Andy who?»
1997 bekamen Gotthard den Auftrag, für den Schweizer K-1-Kämpfer Andy Hug die Einzugshymnen zu komponieren. Obwohl sie nicht wussten, wer Andy Hug ist, nahmen sie den Auftrag an, um endlich in Japan Fuss fassen zu können – ein Traum, der ihnen jedoch verwehrt blieb.
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Laut von Rohr träumten Gotthard davon, mit dem Song in Japan Gold zu holen. Davon blieben sie weit entfernt: «Halb gekochte Sachen funktionieren nicht», so von Rohrs Fazit zum gescheiterten Ausflug nach Fernost.
«Mehr Geld- als Herzensangelegenheit»
Im selben Jahr konnten die Tessiner ein Duett mit der Operndiva Montserrat Caballé aufnehmen.
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Ganz die Diva sei sie vier Stunden zu spät zu den Aufnahmen gekommen – und habe Probleme mit dem Song gehabt: «Steve, ganz Gentleman, half ihr mehrmals aus der Bredouille. Er kniff sie auf ihr Verlangen jedesmal leicht in den Arm, wenn sie Gefahr lief, rhythmisch am Song vorbeizusingen.» Laut von Rohr war die Zusammenarbeit «mehr Geld- als Herzensangelegenheit» und nur eine billige Kopie von «Pavarotti & Friends».
«Nichts Neues natürlich»
Um Gotthard aus ihrer musikalischen Nische zu holen, wollte von Rohr eine Unplugged-Session mit ihnen machen. «Nichts Neues natürlich», so von Rohr. Aber im Unplugged-Kontext sollte Lees starke Stimme, «der wahre Trumpf der Band», besser zum Tragen kommen. «Dieses Vorhaben löste natürlich nicht gerade Begeisterungsstürme aus.» Doch die Band liess sich überreden. Und für von Rohr hatte sich das Vorhaben gelohnt: «Steve Lee hatte ich noch nie zuvor mit solchem Ausdruck singen gehört.» Auch kommerziell: «Ab sofort verdoppelten, ja verdreifachten sich die CD-Verkäufe und die Konzertgagen der Band.»
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«Hölzern, altmodisch, zu schweizerisch»
Von Rohr ist der Meinung, damit die Formel für den Grosserfolg für Gotthard gewonnen zu haben. «Wenn ich ganz ehrlich bin, tönte das Fullpower-Gestampfe der ersten drei Gotthard-Alben für mich immer etwas hölzern, altmodisch, zu schweizerisch, nicht genug international.» Nicht hart und elektrisch sollte Gotthards Zukunft laut von Rohr sein, sondern warm und halbakustisch. «Wäre die Band damals bereit gewesen, dieses Potenzial zu erkennen, dann wäre sie heute wirklich eine Weltband mit weltweitem Erfolg», ist von Rohr überzeugt.
«Nicht immer frugale Frauen»
Nach dem dreifachen Platin-Erfolg von «Homerun» fing es zwischen von Rohr und Gotthard an zu kriseln. In «Bananenflanke» ist leider nur die Sicht des Solothurners überliefert – und dieser geht mit den Tessinern hart ins Gericht: «Sie lebten im sonnigen Tessin, in ihrem eigenen, wohlbehüteten Universum, wo sie von ihrem Personal Manager Don Anton permanent nur Zucker in den Arsch geblasen bekamen. Ihre Hauptprobleme waren der neue Star-Status, ihre Autos, ihre zum Teil eigenen Villen und ihre nicht immer frugalen Frauen», zieht von Rohr vom Leder. «Sie kümmerten sich lieber um die taufrischen Fiats und Alfa Romeos, um das Biotop im Garten, um den neuen Standort für die Bonzaizucht oder darum, wann ihr liebes Frauchen in der Stadt abgeholt werden möchte.» Dabei hätten sie ihren eigentlichen Job, den des Musikers, vergessen.
«Weltstarflausen»
Der Starstatus in der Schweiz hat laut von Rohr Gotthard den nötigen Hunger genommen: «Statt neue Songs zu proben, kultivierten die Jungs lieber ihre Weltstarflausen.» Man hatte den Fokus verloren: «Das Schlimmste war, dass sie weder einen drivenden Drumbeat von einem Hetz- oder Bremsbeat noch ein gefühlvolles Gitarrensolo von Tonleitergeraspel unterscheiden konnten.» Darum wurde aus der Sicht von von Rohr auch nichts aus dem Traum vom internationalen Erfolg: «Diese knapp 79 Prozent Herzblut und Professionalität reichen einfach nicht aus, um weltweit zu explodieren.» Die Band sei einfach zu satt gewesen.
«Wer ist eigentlich Steve Lee?»
Noch immer war von Rohr der Überzeugung, dass Lees Stimme das Kapital von Gotthard sei. Doch auch das war für von Rohr nicht genug: «Eine Hammerstimme reicht heute nicht mehr aus, um ganz gross rauszukommen. Im internationalen Rock'n'Roll geht es um Haltung, Ehrlichkeit und Persönlichkeit. Doch genau da fehlt es», schreibt von Rohr. «Trotz der unüberhörbaren stimmlichen Grösse tönte sein Gesang oft etwas steril, künstlich und emotionsarm: Eine Achziger-Imitation von Whitesnake und Journey ohne eigenständigen Ausdruck», so von Rohr damals. «Eine gute Kopie, aber kein Original.» Immer wieder habe sich der Produzent gefragt, wer eigentlich dieser Steve Lee sei. Trotzdem weiss von Rohr: «Ohne sein Powerorgan hätte diese Band nie stattgefunden.»
«Fehlendes Selbstbewusstsein»
Im Kapitel «Im Fadenkreuz des Salamikartells» schreibt von Rohr Sätze, die ihm nach der Tragödie wohl leid tun – und der damaligen, unglücklichen Situation geschuldet sind: «Leider kam Steve meist aalglatt daher. Er vertrat keine eigene Meinung und wollte es allen immer gummibaummässig Recht machen – ja nicht anecken, keine Konfrontation und alle Hintertüren offen halten. Steve misstraute allen und allem», so von Rohr. «Ihm fehlte es an Selbstbewusstsein. Er war zu labil, um in der Band eine wirklich verbindliche Führungsposition zu übernehmen. Er ist unsicher wie eine Fahne im Wind, machte vieles hintenherum im Geheimen und versteckte sich hinter seiner Stimme. Eine wirklich traurige Sache.»
«Verdrängung pur»
Damit nicht genug: «Steve ist der Prototyp eines Menschen, der noch nie den Mut hatte, in seine Abgründe zu schauen, zu ihnen zu stehen und eine Reise ins Ungewisse anzutreten. Vor Gotthard nicht und auch jetzt nicht. Verdrängung pur. Er führte Zeit seines Lebens ein wohlbehütetes, konservatives Leben ohne jegliche Brüche.» Das traurige Fazit von Rohrs über Gotthard: «Diese Truppe hat einfach keine Message! Es fehlt ihnen an Witz und Spritz – und sogar der Charme wirkt berechnet, steif und aufgesetzt.»
Von Rohr und Gotthard gingen nicht im Guten auseinander, 2003 rechnete der Solothurner mit der Band in «Bananenflanke» ab. Seitdem ist viel Wasser den Rhein und die Aare heruntergeflossen. Die damalige Wut des Erfolgs-Produzenten blieb dank dem Buch aber konserviert.