Die Mehrheit im Bundesrat hat nicht studiert

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PremiereDie Mehrheit im Bundesrat hat nicht studiert

Ab heute stellen Akademiker im Bundesrat eine Minderheit. Der Bundesrat werde so volksnäher, sagt ein Lehrstellen-Experte.

Nikolai Thelitz
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Nikolai Thelitz
Mit der Wahl von Karin Keller-Sutter (Mitte) gibt es im Bundesrat erstmals eine Mehrheit von Nicht-Akademikern. Als Adolf Ogi (rechts im Bild) noch Bundesrat ohne Uniabschluss war, galt er als Exot.
Auch Simonetta Sommaruga hat keinen Uniabschluss. Sie ist ausgebildete Konzertpianistin. Ihr Kollege (und Duettpartner) Alain Berset ist Doktor der Ökonomie.
Bundesrat Ueli Maurer hat eine KV-Lehre hinter sich.
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Mit der Wahl von Karin Keller-Sutter (Mitte) gibt es im Bundesrat erstmals eine Mehrheit von Nicht-Akademikern. Als Adolf Ogi (rechts im Bild) noch Bundesrat ohne Uniabschluss war, galt er als Exot.

Keystone/Jean-christophe Bott

Früher war der Bundesrat eine Juristenhochburg, Heizungsmonteur Willi Ritschard (SP) und Handelsschüler Adolf Ogi (SVP) waren Exoten. Mit der Wahl von Karin Keller-Sutter besteht die Landesregierung nun erstmals mehrheitlich aus Personen, die keine klassische akademische Ausbildung hinter sich haben. Ueli Maurer (SVP) hat nach der Sek eine KV-Lehre gemacht, Guy Parmelin (SVP) hat zwar eine Matur, absolvierte dann aber doch eine Bauernlehre.

Simonetta Sommaruga (SP) hat ebenfalls eine Matura gemacht und liess sich dann am Konservatorium Luzern zur Konzertpianistin ausbilden. Sie belegte an der Uni zwar Kurse in spanischer und englischer Literatur, schloss aber nie ab. Karin Keller-Sutter (FDP) hat keine Matura. Stattdessen erwarb sie ein Handelsdiplom und ging dann an die Dolmetscherschule Zürich. Diese ist heute Teil der Fachhochschule ZHAW. 1996 erlangte Keller-Sutter am Pädagogischen Institut der Universität Freiburg ein Nachdiplom für Sprachlehrkräfte.

«Mit einer Lehre wird man heute problemlos Bundesrat»

Die Bundesräte mit Uniabschluss wären in der Minderheit. Ignazio Cassis (FDP) ist Mediziner, Alain Berset (SP) ist Doktor der Ökonomie. Auch die beiden CVP-Kandidatinnen sind klassische Akademikerinnen: Viola Amherd ist Juristin, Heidi Z'graggen ist promovierte Politologin, zuvor war sie Primarlehrerin.

Urs Casty, Inhaber des Lehrstellenportals Yousty, freut sich. «Das zeigt: Auch mit einer Lehre kann man heute problemlos Bundesrat werden. Das ist die beste Werbung für unser Bildungssystem.» Bis zu 70 Prozent der Bevölkerung starte immer noch mit einer Lehre in die Berufswelt. «Dass diese Leute nun auch in der Regierung besser vertreten sind, ist grossartig. Der Bundesrat ist womöglich nun volksnäher und setzt sich weniger dem Vorwurf aus, eine abgehobene Elite zu vertreten.»

«Die Welt ist nicht wie zu Willi Ritschards Zeiten»

Im Gegensatz zu früher sei das Bildungssystem heute viel durchlässiger. «Heute planen die meisten Lehrlinge Weiterbildungen und vielleicht auch ein Fachhochschulstudium. Früher blieb man viel eher sein Leben lang auf dem Beruf oder schlug eine Hochschulkarriere ein. Die Wege waren viel stärker getrennt.» Im Ausland gebe es diese Trennung immer noch: «In Frankreich, England oder den USA gibt es einige wenige Eliteschulen, in denen ein Grossteil der Regierungsvertreter ausgebildet werden. Das schafft einen Graben zwischen Politik und Bevölkerung.»

Am Institut für Übersetzen und Dolmetschen der ZHAW, in dem die Dolmetscherschule aufgegangen ist, ist man stolz darauf, dass es die berühmte Absolventin bis in den Bundesrat geschafft hat. «Auch in den 80er-Jahren war es eine anspruchsvolle Ausbildung, Keller-Sutter hat sich erst zur Übersetzerin und dann zur Konferenzdolmetscherin ausbilden lassen», sagt Sprecherin Christa Stocker. Dafür habe Keller-Sutter viereinhalb Jahre studiert. «Damals war es aber noch nicht so akademisiert wie heute, es war eine höhere Fachschule.» Wissenschaftliches Arbeiten, wie es heute Pflicht sei, habe es damals in dieser Form noch nicht gegeben.

Bei der Rektorenkonferenz der Schweizer Hochschulen Swissuniversities will man die Mehrheit an Nicht-Akademikern im Bundesrat nicht als Statusverlust des Unistudiums sehen. «Die Welt ist heute eine andere als zu Willi Ritschards Zeiten.» Fachhochschulen gebe es in dieser Form erst seit etwas über 20 Jahren, die Bildungswege seien vielfältiger, die Karrieremöglichkeiten mit einem Lehrabschluss viel grösser. «Ob Akademiker oder nicht: Uns ist wichtig, dass wir ein gutes und durchlässiges Bildungssystem haben, das vielfältige Laufbahnen und Bildungswege ermöglicht. Die Besetzung des Bundesrats zeigt: es gibt viele Wege zum Karriereziel», sagt Generalsekretätin Martina Weiss.

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