Umstrittenes VorgehenSexualkunde-Gegner kurz vor dem Ziel
Die Initiative gegen Sexualkunde im Kindergarten soll schon einen Monat vor Ende der Sammelfrist zustande kommen. Die Gegner werfen den Initianten «Angstmacherei» vor.
Glaubt man den Initianten, ist es nur noch Formsache, dass das Volksbegehren «Schutz vor Sexualisierung in Kindergarten und Primarschule» zustande kommt. Genaue Zahlen will Dominik Müggler vom Initiativkomitee nicht nennen – es seien jedoch schon «weit über 90'000 Unterschriften» gesammelt worden. An einer weiteren grossen Standaktion Mitte November sollen die noch fehlenden Unterschriften folgen. Das wäre einen Monat vor Ende der Sammelfrist. Zur Erreichung dieses Ziels will das Komitee in mindestens zehn grossen Städten «mit ein bis zwei Dutzend Unterschriftensammlern» präsent sein.
Zu den Gegnern der Volksinitiative zählt die «Interessengruppe für eine vernünftige Sexualkunde». Sie wird von Politikern von links bis rechts sowie von der Lesbenorganisation Schweiz und der schweizerischen Schwulenorganisation Pink Cross mitgetragen. Ihr Sprecher Christian Iten ist besorgt – obwohl er dem Anliegen an der Urne keine Chancen einräumt: «Ich gehe davon aus, dass die Initianten jetzt besonders aggressiv vorgehen werden, weil sie die christlich-konservativen Kreise schon abgegrast haben.» Das Initiativkomitee setze in seiner Argumentation stark auf das Mittel der «Angstmacherei».
«Plüschvagina gehört zur Sekstufe»
So werde von einer «Sexualisierung des Kindergartens» gesprochen, obwohl der Sexualkundeunterricht in der Regel nicht vor der 5. oder 6. Klasse beginne. In diesem Zusammenhang diene die sogenannte Sexbox aus dem Kanton Basel-Stadt auch immer wieder als Argument. Dabei werde ignoriert, dass sich die Materialboxen für Kindergärtner und die für ältere Schüler unterscheiden. Die Plüschvaginas, die schweizweit für Schlagzeilen gesorgt hatten, kämen etwa erst in der Sekundarstufe zur Anwendung.
Dominik Müggler vom Initiativkomitee weist den Vorwurf der Angstmacherei von sich. Das Bundesamt für Gesundheit plane die Einführung eines obligatorischen Sexualkundeunterrichts für Kindergärtler und Primarschüler. «Wer etwas anderes behauptet, streut den Leuten Sand in die Augen.» Auch habe sein Komitee nie falsche Angaben in Bezug auf die Sexboxen gemacht. «Es war tatsächlich der pornografische Inhalt der Materialboxen für Kindergärtler, der uns schockiert hat.»
Präventionsarbeit erschwert?
Grundsätzlich sei Sexualkundeunterricht im Kindergarten und in den ersten beiden Klassen der Primarschule einfach zu früh – mit oder ohne Sexkoffer. Die Initiative will, dass bis zum 9. Lebensjahr gar keine Sexualkunde unterrichtet werden darf – und danach nur mit dem Einverständnis der Eltern. Hier wittern die Gegner der Initiative ein weiteres Problem: Die Initiative verhindere eine wirksame Prävention von Kindesmissbrauch. «Die Kinder müssen Körperteile und unangenehme oder unerwünschte Handlungen an ihrem Körper benennen können», sagt Christian Iten.
«Völliger Unsinn», erwidert Dominik Müggler. Präventionsarbeit sei auch ohne Sexualkunde möglich. «Ein Kind muss nicht lernen, was unterwünschte sexuelle Handlungen sind. Oder gibt es etwa erwünschte sexuelle Handlungen mit Kindern?»
«Anliegen von Schwulenorganisationen»
«So, wie diese Gruppe aufgestellt ist, bezweifle ich, dass sie einen wesentlichen fachlichen Beitrag zur Diskussion leisten kann. Es sind offenbar vor allem Anliegen, die von Schwulen- und Lesbenorganisationen kommen», kritisiert Müggler weiter.
«Bei den Initianten war ursprünglich ein wegen Kindsmissbrauch verurteiltes Mitglied im Komitee», entgegnet Christian Iten. Es sei eben das Ziel von Sexualstraftätern, dass die Kinder möglichst wenig über Sexualität wüssten. «Damit die Kinder die Dinge beim Namen nennen können, müssen auch sexualkundliche Begriffe vermittelt werden.» Doch genau das verbiete die Initiative.