Klimajugend fordert Lieferservice-Boykott

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VerpackungenKlimajugend fordert Lieferservice-Boykott

Food-Kuriere liefern Bestellungen oft stark verpackt und mit dem Auto aus. Klimaschützer rufen dazu auf, die Angebote nicht zu unterstützen.

B. Zanni
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B. Zanni

Ein Test von 20 Minuten bestätigt, dass Food-Kuriere mit Verpackungen grosszügig umgehen. (Video: B. Zanni)

Essen direkt vor die Tür zu bestellen, ist beliebt. Mit der Expansion von UberEats mischte kürzlich ein neuer Player den Food-Delivery-Markt auf. Mehr als zwei Drittel der unter 30-Jährigen kauft mindestens einmal im Monat Essen bei Lieferservices, Take-aways oder in Restaurants, wie eine Umfrage der deutschen Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen, Forsa, vom August 2019 zeigte.

Klimabewusste sehen das Verhalten aber als mindestens so schädlich für die Umwelt wie das Fliegen. «Es wäre meiner Meinung nach höchste Zeit, die ‹Essen-bestellen-Scham› einzuführen», fordert eine Autorin im Online-Magazin Jetzt.de. Bestelltes Essen werde meist in einer Karton- oder Plastikverpackung geliefert. Nicht selten bestehe das Besteck aus Plastik und sei noch einmal extra in Plastik eingepackt. Dazu komme ein riesiger Haufen Servietten.

«Absurde Verpackungen»

Weiter kritisiert die Autorin, dass die Speisen mit einem Auto oder einem Töff an den Zielort gekarrt werden. Ebenso unökologisch sei, wenn man danach die Pizza zum Aufwärmen noch kurz in den Ofen schiebe. Sie empfiehlt deshalb, das Essen im Restaurant dem Bestellen vorzuziehen.

Auch Schweizer Klimaschützer raten zum Boykott von Heimlieferdiensten. «Die Lieferservices mit ihren absurden Verpackungen und umweltschädlichen Transporten waren in unserer Bewegung auch schon Thema», sagt Jann Kessler, Klimastreikaktivist und Mitglied der Medien-Arbeitsgruppe der Bewegung Klimastreik Schweiz. Er selbst verzichte schon länger auf Food-Kuriere. Er befürworte eine Essen-bestellen-Scham. «Jeder, der ein Herz für unseren Planeten hat, sollte Lieferservices nicht mehr nutzen.»

Essen direkt aus dem Topf schöpfen

Seiner Meinung nach geht Klimaschutz aber nicht mit einem Aus der Lieferdienste einher. Kessler schlägt vor, dass die Kuriere ihre Waren ausschliesslich in wiederverwertbaren Packungen liefern. «Am besten verzichten die Services ganz auf Verpackungen.» Möglich wäre dies laut Kessler, indem die Kuriere das Essen direkt aus dem Topf ins Geschirr des Kunden schöpfen.

Auch für den Transport gebe es Alternativen, so Kessler. «Anstatt mit dem Auto oder Töff sollten die Kuriere das Essen mit Lastenvelos liefern.» Damit diese auch grössere Distanzen zurücklegen könnten, müssten sich die Anbieter stärker dezentralisieren. Dies würde laut Kessler auch bedeuten, dass Lieferservices vermehrt auf lokale Produkte setzen und etwa «Gemüsekörbe von lokalen Bauern im Angebot haben».

Luzian Franzini, Co-Präsident der Jungen Grünen, teilt die Meinung: «Es ist klar, dass man besser handelt, wenn man nicht ständig Essen bestellt.» Die Beliebtheit von Lieferservices sei ein Problem der schnelllebigen Individualgesellschaft. «Um die Anbieter zu einem Umdenken zu bringen, braucht es politische Lösungen.» Als richtigen Weg dazu sieht Franzini eine CO2-Abgabe auf Benzin und höhere Preise für Plastik.

«Salate in kompostierbaren Gefässen verpackt»

Auch Food-Kuriere beurteilen ihre Liefertraditionen kritisch. «Bei Kurieren Essen zu bestellen, ist sicher nicht die nachhaltigste Konsumform», sagt Patrick Bircher, Geschäftsführer vom Pizza-Kurier Dieci. Sie hielten die Augen stets offen nach nachhaltigen Lösungen. «Unsere Salate verpacken wir zum Beispiel nicht mehr in Plastikbehältern, sondern in kompostierbaren Gefässen.» Der Deckel jedoch bestehe nach wie vor aus Plastik. «Da der Kunde den Salat sehen will, kommen wir um einen durchsichtigen Deckel nicht herum.»

Auch für Pizzaschachteln gibt es laut Bircher noch keine umweltfreundliche Lösung. «Esswaren darf man aus Gründen der Lebensmittelsicherheit nicht mit rezykliertem Material verpacken.»

Mühe mit Elektrorollern

Die Pizzas in Retourenschachteln zu liefern, würde den logistischen Aufwand sprengen. «An einem Sonntagabend müssen pro Standort ein paar Hundert Pizzas raus. So viele Retourenschachteln könnten wir bei uns gar nicht lagern.» Die Pizza direkt auf den Teller des Kunden zu servieren, sieht Bircher nicht als Lösung. «So könnten wir die Pizza nicht gleich frisch liefern.»

Ein Verzicht auf Autos sei derzeit unmöglich. Laut Bircher liefern die Mitarbeiter die Bestellungen teilweise zwar bereits mit Elektrorollern aus. «In der Praxis bewähren sich die Roller leider nicht. Bei feuchtem Wetter müssen unsere Fahrer immer wieder mal damit kämpfen, dass sie ihre Elektroroller nach der Lieferung nicht mehr starten können.» Sobald es eine bewährte nachhaltige Transportlösung gebe, sei sein Lieferdienst aber der erste, der darauf umsteige.

Mittagessen mit viel Verpackung

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