Bildungsexperten«Buben werden in der Schule benachteiligt»
Die Schule hätte sich in den letzten Jahren ganz nach den Bedürfnissen der Mädchen gerichtet, so Jugendpsychologe Allan Guggenbühl. Buben würden dadurch systematisch benachteiligt.
«Buben sind die Bildungsverlierer des vergangenen Jahrzehnts», sagt Jugendpsychologe Allan Guggenbühl zu CH Media. Die Schulbildung sei immer mehr ganz nach den Bedürfnissen der Mädchen zugeschnitten worden, Buben werden benachteiligt. So seien soziale und emotionale Kompetenzen, selbstgesteuertes Lernen und Sprachen wichtiger geworden. Für Buben keine ideale Basis. «Sie profitieren stärker von einer klaren Struktur und vom Frontalunterricht», sagt Guggenbühl. Doch dieser gelte als veraltet.
Die Feminisierung des Klassenzimmers halte seit Jahren an. Für den Jugendpsychologen steht fest: «Die Schule lässt Buben heute nicht mehr Buben sein». So haben Buben etwa mehr Mühe, stillzusitzen. Unruhe wird fälschlicherweise als Problem empfunden. Und wenn sie provozieren, gelten sie als sozial inkompetent. Mädchen hingegen würden schneller realisieren, was von ihnen verlangt werde und seien kommunikativer, was ihnen zugute komme, so Guggenbühl.
Auch würde man den unterschiedlichen Interessen und Einstellungen von Mädchen und Buben zu wenig Aufmerksamkeit schenken. Guggenbühl spricht sich dafür aus, dass in der Lehrerausbildung viel mehr thematisiert werden sollte, wie Buben und wie Mädchen abgeholt werden können. So würden sich Buben für Extremes interessieren, wie etwa Schlachten und Katastrophen. Doch statt diese im Geschichtsunterricht zu thematisieren, würden solche Themen in der Schule abgeschwächt, um die Kinder nicht zu traumatisieren.
Vor allem Buben müssen Ritalin schlucken
Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm sieht Buben ebenfalls im Nachteil. Dies treffe manchmal sogar vor dem ersten Schultag zu. So würden lebhafte Buben schnell als unreif gelten, weshalb sie später eingeschult werden. Dabei stimme alles mit ihnen. «Nur weil ein Kind willensstark oder vorlaut ist, ist es noch lange nicht verhaltensauffällig», sagt Stamm zu CH Media.
Für die Schulen sind sie dies jedoch, wie es in dem Bericht heisst. Die Zahl der Kinder, die die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit (ADHS) erhalten, ist gestiegen. Betroffene sind mehrheitlich männlich. Verhaltensauffällige Kinder müssten dann Ritalin schlucken oder in Therapien gehen. Für die Erziehungswissenschaftlerin ein Fehler. Stamm: «Die kinderpsychiatrischen Dienste platzen aus allen Nähten.»
Stamm hält fest, dass aber auch Buben selbst dazu beitragen, dass sie den Mädchen hinterherhinken. So würden sich einige bewusst nicht engagieren, weil sie um ihre Coolness innerhalb der Gruppe fürchten. Laut Stamm sollte man den Buben früh klarmachen, dass schulkonformes Verhalten nicht nur etwas für Mädchen sei. «Am besten können das männliche Vorbilder vermitteln», so Stamm. Dies müsste nicht immer der Lehrer sein, vor allem Väter und Grossväter oder auch ein Trainer oder ein Idol mit einem guten Schulabschluss könnten diese Rolle übernehmen.
Noch nie von einem Mann unterrichtet
Wie erfolgreich Mädchen in der Schule sind, zeigen Statistiken und Studien:
- Mädchen haben in der Regel die besseren Noten.
- Mädchen sind auch in der höheren Bildung erfolgreicher. So liegt die Maturitätsquote bei den Frauen bei 25 Prozent und bei den Männern bei 17 Prozent. Dabei besuchten vor 1990 noch mehr Buben als Mädchen ein Gymnasium.
- Auch gibt es mehr weibliche Studierende.
- Auch beim Schulpersonal gibt es Auffälligkeiten: in der 1. Bis 6. Klasse ist dieses ausschliesslich weiblich. Gemäss aktuellem Bildungsbericht sind rund neun von zehn Lehrkräften auf der Primarstufe Frauen (86 Prozent).
Speziell: Es gibt Kinder, die vom Kindergarten bis zur Oberstufe nie von einem Mann unterrichtet wurden, wie CH Media schreibt.
Gemäss Forschung schlägt sich das Geschlecht der Lehrkräfte jedoch nicht auf die Leistung der Schüler nieder. Entscheidend sei die Unterrichtsmethode.