Inszenieren sich SRF-Journalisten zu sehr?

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«Eigenes Personal im Fokus»Inszenieren sich SRF-Journalisten zu sehr?

Fernsehzuschauer beschweren sich: Journalisten wie Arthur Honegger stellten sich in den Mittelpunkt. Künftig will das SRF den eigenen Leuten noch mehr Platz geben.

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Dem Geheimnis des Glücks ist das SRF zurzeit in der Sendung «10vor10» auf der Spur. Dazu reist Journalist Arthur Honegger etwa durch Norwegen. Das kriegen auch die Zuschauer mit.
So sehen Sie Honegger in einer Folge mit Rucksack und Spiegelreflexkamera vor dem Opernhaus in Oslo, ...
... in der Fussgängerzone, ...
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Dem Geheimnis des Glücks ist das SRF zurzeit in der Sendung «10vor10» auf der Spur. Dazu reist Journalist Arthur Honegger etwa durch Norwegen. Das kriegen auch die Zuschauer mit.

Screenshot SRF

Dem Geheimnis des Glücks will das SRF in einer Serie der Sendung «10vor10» auf den Grund gehen. Viele Zuschauer kommen zum Schluss, dass es etwas mit Arthur Honegger zu tun haben muss. Der SRF-Journalist wird in den Beiträgen prominent inszeniert. Am Dienstag, als Honegger nach Norwegen reist, beginnt der Beitrag mit dem Bild des mit Rucksack und Kamera ausgerüsteten Honegger. In den folgenden Minuten sieht man ihn im Gespräch mit Einwohnern, beim Fotografieren, auf dem Bahnhof und im Boot (siehe Video).

Das ist auch den Zuschauern nicht entgangen. «Werden eigentlich noch SRF-Beiträge produziert, in denen nicht das eigene Personal im Fokus steht?», fragt ein Journalist auf Twitter. Warum er sich immer mit Rucksack und Fotokamera zeige, fragt ein anderer Journalist. «Sie sind doch als Journalist und nicht als Rucksacktourist in den Norden gereist.»

Auch CVP-Präsident Gerhard Pfister mischt sich in die Debatte ein. «Mag diese journalistische Egozentrik nicht», schreibt er. Den Lohn von Honegger bezahle er trotzdem mit der Zwangsgebühr. Es handle sich um «Ferien auf Kosten der Gebührenzahlenden» mit offenem Erkenntniswert – worauf Honegger zurückgibt, Reise-Reportagen als "Ferien" zu bezeichnen sei «etwa so originell, wie im Restaurant laut ‹Fräulein!› zu rufen».

Schon in der zurzeit laufenden Doku-Serie «Mein unbekanntes Amerika» nimmt der Moderator viel Platz ein. Doch Honegger ist nicht allein: In den journalistischen Formaten des SRF wird den eigenen Leuten immer mehr Platz eingeräumt. Im TV-Beitrag zum Interview mit Migros-Chef Fabrice Zumbrunnen marschiert Susanne Wille bestimmt durch die Migros am Limmatplatz, ein Interview mit SBB-Chef Andreas Meyer beginnt mit Aufnahmen der Moderatorin auf dem Bahnhof.

«Berichterstattung wird geschätzt»

In Zukunft dürften die eigenen Journalisten bei SRF noch häufiger zu sehen sein. Seit November 2018 arbeite SRF in neuen Strukturen mit Fachredaktionen, sagt Sprecher Stefan Wyss. Die eigenen Journalisten seien auf verschiedenen Gebieten Experten. «Von diesem Expertentum soll unser Publikum profitieren, indem es nicht nur Schlagzeilen vorgesetzt bekommt, sondern durch Analysen und Einschätzungen auch mehr Hintergründe erfährt.» Die tagesaktuellen Newssendungen gehörten zu den meistgesehenen, so der SRF-Sprecher. «Die Berichterstattung wird also offenbar sehr geschätzt.»

Kritik gebe es nur wenig. «Es gibt immer verschiedene Meinungen. Wir erhalten aber nur vereinzelt kritische Reaktionen.» Dass Anchors wie Arthur Honegger in Serien prominent im Bild seien, sei nichts Neues. «Er fällt vielleicht aktuell besonders auf, weil seine Serie bei ‹10vor10› und die Dok-Serie gleichzeitig laufen», so Wyss.

Dieses Video zeigt Szenen vom SRF Moderator Arthur Honegger, die im Rahmen von 10vor10- und Dok-Sendungen gedreht wurden.
(Video: F. Naef)

So führt Arthur Honegger durch seine Sendungen. (Video: SRF/F. Naef)

Bei der Dok-Serie handle es sich aber quasi um eine Wiederholung. Bei «10vor10» gebe es schon seit langem Serien, durch die die Moderatoren führten – etwa, als Stephan Klapproth 2008 durch die USA reiste oder als Daniela Lager 2009 den Mekong erkundete.

Transparenz dank Inszenierung?

Der Journalismusforscher Guido Keel von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) sagt, es sei auch positiv, wenn der Journalist selber Protagonist einer Geschichte sei. «Er kann transparenter machen, wie die Berichterstattung zustande kommt und welche Rolle er spielt. Es wird keine objektive Wahrheit vorgegaukelt. Man sieht, dass ein Journalist einen grossen Einfluss auf die Berichterstattung ausübt.»

Im Journalismus gebe es einerseits die angelsächsische Form der Berichterstattung, bei der die Objektivität über allem stehe. Weil die Sache im Zentrum stehen soll und nicht der Journalist, verzichte beispielsweise das Wirtschaftsmagazin «The Economist» auf die Zeichnung seiner Artikel durch die Autoren. Auf der anderen Seite gebe es den Journalismus, der selbst Teil der Geschichte sein wolle und Dinge bewerte. Besonders erfolgreich mache das beispielsweise Vice News mit seinen TV-Dokumentationen, die bewusst subjektiv seien.

«Möglichkeit, Träume zu verwirklichen»

Keel sagt, er halte es für sinnvoll, dass der Journalist in den Berichten eine Rolle spiele. Die Kritik daran hänge wohl auch mit den eher egalitär empfindenden Schweizern zusammen. «Am Schluss ist es eine Stilfrage. In den USA werden die Anchors noch viel stärker inszeniert», so Keel. Ein Vorteil sei, dass das SRF mit dieser Form nicht als anonymes Unternehmen rüberkomme.

Als Zuschauer könne man sich auf einen einzelnen Journalisten einlassen. Das Bedürfnis danach verschwinde nicht, das zeigten auch die erfolgreichen Youtuber. Als Fernsehzuschauer hat Keel aber einen Kritikpunkt anzubringen: «Manchmal beschleicht mich bei diesen Sommerserien der leise Verdacht, dass das SRF mit diesen Reisen seinen Mitarbeitern die Möglichkeit gibt, ihre persönlichen Träume zu verwirklichen.»

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