Diese Transfrau befehligt ein ganzes Bataillon

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Christine Hug (39)Diese Transfrau befehligt ein ganzes Bataillon

Trotz Bedenken informierte jüngst Oberstleutnant Christine Hug die Armeeführung, dass sie künftig als Frau lebt. «Ich erhielt keine einzige negative Reaktion», sagt sie.

Pascal Michel
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Pascal Michel

Beim Besuch von 20 Minuten weilte Christine Hug gerade am Kompetenzzentrum Veterinärdienst und Armeetiere, um einen Kurs zu absolvieren. (Video: S. Brazerol)

Oberstleutnant im Generalstab Christine Hug steht im Tarnanzug auf dem Waffenplatz Sand in Urtenen-Schönbühl und beobachtet Rekruten, die im Nebel die Überbleibsel des Besuchstags vom Wochenende verräumen. Die angehenden Soldaten grüssen streng nach militärischem Protokoll, Hug grüsst zurück.

Die 39-Jährige mit der dezent aufgetragenen Schminke und dem halblangen dunkelblonden Haar steht exemplarisch für den Kulturwandel, in dem die Armee derzeit steckt.

Nicht nur kommt in ihrer Gegenwart kaum je das Gefühl des übertriebenen Drills auf – sie witzelt beispielsweise über die mühsamen «Beigümmeli», die man über den Kampfstiefeln trägt. Hug lebt seit Kurzem auch offiziell als Frau und ist die erste Transgenderperson in der Armee in solch einer Funktion. Im Panzerbataillon 12 kommandiert sie 70 Panzer und fast 1000 Soldaten.

Vor knapp zwei Jahren begann sie die Hormontherapie

Im März dieses Jahres entschloss sie sich, ihre Geschlechtsangleichung publik zu machen. Sie informierte den Chef der Armee, Philippe Rebord, und den Personalchef darüber, dass sie vor gut zwei Jahren eine Hormontherapie begonnen habe und sich im nächsten Frühling einer Operation unterziehen werde.

«Ich hatte grosse Bedenken, diesen Schritt zu wagen», erzählt Hug. «Man spielt Szenarien durch: Was, wenn es Anfeindungen gibt? Was, wenn es gar nicht gut ankommt und ich gar meinen Job verliere? Trotzdem wusste ich: Ich muss zu mir selber stehen und den Schritt durchziehen, egal, was die Konsequenzen sind.»

Die Reaktion seitens der Armee sei extrem positiv gewesen, sagt Hug, man habe sie bestärkt, ihren Weg zu gehen. Danach informierte sie nur kurze Zeit später alle Armeeangehörigen, mit denen sie regelmässig arbeitet, dass sie künftig als Frau lebt. «Ich habe mir lange überlegt, wie ich das machen soll.»

Sie habe dann ein Mail aufgesetzt, das sie über einen Verteiler an 700 Personen verschickte. Mit ausschliesslich positiven Rückmeldungen: «Viele haben mir darauf für meinen Mut gratuliert.»

«Keine einzige negative Rückmeldung»

Auch bei der von ihr geführten Panzertruppe sei ihre Transformation gut aufgenommen worden, erzählt Hug. «Bis jetzt gab es nicht eine einzige negative Rückmeldung.» Es könne natürlich sein, dass im Hintergrund Sprüche gemacht würden, oder einige ihre Irritation versteckt hätten. «Das Militär mag als hyperkonservativ gelten, was auch teils stimmen mag. Doch ich bin froh, dass auch Transgender in der Armee Platz haben.»

Oberstleutnant Hug nimmt auch den Ball des scheidenden Armeechefs Philippe Rebord auf, der im 20-Minuten-Interview ankündigte, dass die Rekrutenschule auch für Transgenderpersonen geöffnet werden solle. Bis jetzt gelten sie medizinisch als untauglich.

Transgender sind doppelt untauglich

Das gälte theoretisch sogar auch für Hug: «Zurzeit ist es absurd. Auch Armeeangehörige wie ich müssen sich möglicherweise erneut stellen und werden nach den bestehenden Regeln zuerst als untauglich eingestuft. Erst danach gibt es eine Detailprüfung.» Es sei wichtig, dies nun zu ändern. «Die Armee soll ein Spiegelbild der Gesellschaft sein.»

Dass ein Transmann, der die RS machen wollte, von einem Militärarzt vor Mobbing gewarnt worden war, stellt Hug nicht in Abrede. «Im für Rekruten neuen und ungewohnten Umfeld kann eine Transgenderperson sicher Ziel für dumme Sprüche werden – das gäbe es aber auch abseits der Armee. «Möglicherweise ist es für angehende Rekruten schwieriger, sich in der Armee zu outen als für Personen wie mich, die bereits etabliert sind.» Allgemein sei die Armee in «Diversity»-Belangen zum Glück gut auf Kurs: «Es gibt einen Diversity-Beauftragten sowie grosse Unterstützung auf höchster Ebene.»

Die weibliche Seite verleugnet

Dass Christine Hug anders war, spürte sie schon im Kindesalter. «Schon damals verstand ich nicht, warum man in der Primarschule sagte: Mädchen sind doof», erzählt Hug im Restaurant Bären, rundherum sitzen Armeeangehörige beim Znüni-Kafi.

Sie habe die weibliche Seite jedoch verdrängt, führt Hug aus. «Vor zwei Jahren merkte ich, dass ich in eine Depression stürze, wenn ich jetzt nichts unternehme.» Ihre Frau, die zehnjährige Tochter sowie ihre ganze Familie sei vollkommen überrascht gewesen. «Sie hatten niemals damit gerechnet.» Sie sei sehr dankbar, dass sie ihre Partnerin unterstützt.

«Natürlich ist die Situation nicht einfach, aber wir versuchen jeden Tag, zusammen Schritt für Schritt den Weg zu meistern.» Ihre Tochter habe genial reagiert: «Na und, es ändert ja nichts? Du bist ja immer noch für mich da.» Diese Offenheit habe sie berührt.

Eltern hätten sie Christine getauft

Den Namen Christine hat sie nach einem Gespräch mit ihren Eltern gewählt. «Ich habe sie gefragt, welchen Namen sie mir als Mädchen gegeben hätten. Die Antwort war: Christine», sagt Hug. Zuvor hiess sie Christian. Dann bezahlt sie den Kaffee, lässt die Truppe im Bären zurück und tritt hinaus in den Nebel. Die nächste Sitzung mit dem Armeestab ruft.

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