SpenderegisterSind Frauen sozialer bei der Organspende?
Frauen tragen sich häufiger im Organspenderegister ein als Männer. Wieso ist das so? 20 Minuten hat Experten und Passanten gefragt.
Befassen sich junge Menschen mit dem Thema Organspende? 20 Minuten hat auf der Strasse nachgefragt. (Video: 20 Minuten)
Die Organspende ist in den letzten Monaten auf die politische Agenda gelangt. Die Volksinitiative «Organspende fördern – Leben retten» fordert, dass ohne Widerspruch des Verstorbenen zu Lebzeiten von einer Zustimmung zur Organspende ausgegangen wird. Der Bundesrat hat daraufhin einen indirekten Gegenvorschlag lanciert, bei dem die Angehörigen miteinbezogen werden sollen.
Ein Blick ins neue Schweizer Organspenderegister, das die Organspende-Karten ablösen soll (siehe Box), zeigt: Bis Ende des letzten Jahres haben sich knapp 80'000 Menschen registriert. Unter den Registrierten befinden sich mit 58 Prozent überdurchschnittlich viele Frauen. Bei den unter 30-Jährigen gibt es sogar etwa doppelt so viele Frauen wie Männer. In der Datenbank gibt man an, ob und welche Organe man im Todesfall spenden will. 91 Prozent der registrierten Frauen und Männer stimmen einer Spende zu.
Frauen sind entscheidungsfreudiger
Franz Immer, Herzchirurg und CEO von Swisstransplant, sagt zum Geschlechtergraben bei den Registrierungen: «Diese Tendenz sieht man quer durch Europa, auch bei Gesundheitsbefragungen und Organspendeausweisen.» Man könne deswegen aber nicht automatisch auf eine negative Einstellung der Männer zur Organspende schliessen. «In Rekrutenschulen etwa ist die Zustimmung zur Organspende sehr hoch.»
Doch wieso machen Frauen häufiger Nägel mit Köpfen? Einen möglichen Erklärungsansatz sieht Immer darin, dass Frauen gesellschaftlich engagierter sind und mehr über das Thema Organspende nachdenken. Nikola Biller-Andorno, Professorin für biomedizinische Ethik an der Universität Zürich, sieht das ähnlich. Sie ergänzt, dass Frauen möglicherweise ihren fürsorglichen Schutzreflex auch auf Unbekannte übertragen. Zu diesem Erklärungsansatz sei aber wenig Wissen vorhanden. «Vielleicht messen Männer dem Thema auch einfach nicht so viel Bedeutung und Dringlichkeit bei, als dass sie sich ins Spenderegister eintragen oder einen Spendeausweis ausfüllen. Frauen kommen in dieser Hinsicht häufiger zu einem klaren Entschluss.»
Dieses Bild zeigt sich auch bei einer Strassenumfrage von 20 Minuten: Während junge Männer oft keinen Organspendeausweis haben, setzen sich junge Frauen deutlich öfter mit dem Thema auseinander und haben sich zur Organspende bereit erklärt (siehe Video).
Mehr Männerorgane transplantiert
Für die Organvergabe spielt das Geschlecht eine untergeordnete Rolle. Immer sagt: «Weibliche Organe können auch für Männer verwendet werden und umgekehrt.» Beim Herz sei man jedoch zurückhaltend, weil ein Frauenherz in der Regel weniger kräftig ist als ein Männerherz. «Die viel wichtigeren Kriterien sind jedoch die Dringlichkeit, der medizinische Nutzen und die Wartezeit des Patienten.»
Laut Immer werden effektiv mehr Männerorgane transplantiert. «60 Prozent der Spender sind Männer, das Durchschnittsalter beträgt 57 Jahre.» Das liege daran, dass der Hirntod die Voraussetzung für eine Spende sei. «Männer sterben häufiger auf der Intensivstation, etwa durch einen Herzinfarkt oder eine Hirnblutung.» Auf der anderen Seite gebe es auch auf der Empfängerseite mehr Männer. «Beim Herz ist das besonders ausgeprägt, 70 Prozent der Organempfänger sind Männer.»
Leber kann 200 Jahre alt werden
Bei der Zustimmung zur Organspende spielt auch das Alter eine Rolle, wie die Zahlen des Organspenderegisters zeigen. Die spendebereiten Registrierten sind durchschnittlich 41 Jahre alt. Die Registrierten, die keine Organe spenden wollen, sind mit einem Durchschnittsalter von 50 Jahren deutlich älter. Immer erklärt das so: «Es findet ein Wertewandel statt. Junge Menschen sind gegenüber dem Thema Organspende aufgeschlossener.»
Laut Biller-Andorno haben ausserdem viele ältere Menschen das Gefühl, dass ihre Organe schlecht seien. Das sei allerdings pauschal so nicht richtig. Auch Immer sagt: «Die Leber etwa kann sich regenerieren und so bis zu 200 Jahre alt werden. 2019 war der älteste Spender 85 Jahre alt.»
Organspenderegister Das Nationale Organspenderegister wurde am 1. Oktober 2018 von Swisstransplant, der Schweizerischen Nationalen Stiftung für Organspende und Transplantation, lanciert. Man kann sowohl ein Ja als auch ein Nein zur Spende nach dem Tod dokumentieren oder den Entscheid einer Vertrauensperson überlassen. Ausserdem gibt es die Option, nur eine Auswahl an Organen und Geweben zu spenden. Das Spenderegister dient als elektronischer Ersatz der Organspendekarte, die jeder Einzelne auf sich trägt. Hier kann man sich eintragen: organspenderegister.ch
Organspenderegister Das Nationale Organspenderegister wurde am 1. Oktober 2018 von Swisstransplant, der Schweizerischen Nationalen Stiftung für Organspende und Transplantation, lanciert. Man kann sowohl ein Ja als auch ein Nein zur Spende nach dem Tod dokumentieren oder den Entscheid einer Vertrauensperson überlassen. Ausserdem gibt es die Option, nur eine Auswahl an Organen und Geweben zu spenden. Das Spenderegister dient als elektronischer Ersatz der Organspendekarte, die jeder Einzelne auf sich trägt. Hier kann man sich eintragen: organspenderegister.ch