Heikle DokumenteSo einfach kommt man an Daten der Schweizer Armee
Ein Journalist bringt einen Armeeangehörigen dazu, ihm vertrauliche Dokumente auf eine Fake-Adresse zu schicken. Die Armee spricht von strafbarer Amtsanmassung.
Hier führt Izzy-Redaktor Cedric Schild die Schweizer Armee hinters Licht. (Quelle: Izzy / Zusammenschnitt Tamedia)
Izzy-Redaktor Cedric Schild will für einen Beitrag wissen, wie einfach man die Schweizer Armee kommandieren kann. Für das richtige Feeling steigt er in Armeekleider und bastelt sich das Gradabzeichen eines Majors. Dann ruft er aus einem Radiostudio auf einen Waffenplatz an, wo er sich als «Major Schild» ausgibt.
Sehen Sie hier das ganze Video:
«Ein Mann fickt das ganze System»
Im Armeejargon und militärischem Tonfall meldet er sich an und fordert den Wachtplan an, um angeblich Angleichungen zu machen. Nach einem kurzen Hin und Her wird ihm dieser an seine Fake-Email-Adresse major.schild.admin@mail.ch geliefert. Dann verlangt er von seinem Gegenüber, sich bei ihm militärisch abzumelden, was dieser denn auch tut. Das Video endet mit den Worten: «Das ist mein Militär. Schnell, speditiv und dienstleistungsorientiert. Vor allem, wenn es darum geht, interne Dokumente in der Weltgeschichte herum zu schicken.»
Das Video wurde vor rund einer Woche auf Facebook und Instagram gepostet. Es wurde über eine Million Mal aufgerufen, über 3'000 Mal geteilt und über 11'000 Mal kommentiert: «Ein Mann fickt das ganze System», schreibt ein User. Oder «So läuft das also mit sicherheitsrelevanten Dokumenten?» und «Die Schweizer Armee muss keiner hacken. Die geben selbst alles raus.» Ein anderer schreibt: «Hier noch ein Beweis, dass man das Militär rauchen kann.»
«Heikel für die Sicherheit der Einheit»
Bei der Schweizer Armee hat man Kenntnis von dem Video, wie Sprecher Daniel Reist auf Anfrage bestätigt. Zu diesem Vorfall sei es durch eine «gewisse Naivität der Armee-Angehörigen gekommen». Laut Reist sind die gesendeten Dokumente für die Sicherheit des Landes nicht massgebend. Doch: «Für die Sicherheit der betroffenen Einheit sind sie heikel.»
Wann der Vorfall stattgefunden hat und welche Einheit betroffen ist, sei der Schweizer Armee nicht bekannt. Man gehe aber davon aus, dass es sich um eine Einheit in einem Wiederholungskurs handelt, der längst vorbei ist. Nach diesem Vorfall hat die Armee reagiert: «Die Angehörigen der Armee werden gezielt auf solche Situationen sensibilisiert», so Reist.
Gefängnis wegen «klarer Amtsanmassung»?
Für Redaktor Schild könnte die Aktion rechtliche Folgen haben: «Der Redaktor hat sich aus unserer Sicht einer klaren Amtsanmassung schuldig gemacht», erklärt Reist. Eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe sind in diesem Fall möglich. Die Armee behält sich rechtliche Schritte vor.
SP-Nationalrätin Priska Seiler Graf dagegen rät der Armee den Ball flach zu halten: «Ich denke, es ist zielführender, die Energien in bessere Ausbildung der Armeeangehörigen zu investieren als in Anklagen.» Offenbar seien nicht alle Angehörigen der Armee genügend geschult im Umgang mit internen Daten. Dabei sei es in jedem Betrieb nötig, dass alle Mitarbeiter wüssten, wem sie welche Daten geben dürften, so die Sicherheitspolitikerin.
«Verheerende Folgen bei einem Diebstahl»
Werner Salzmann, SVP-Nationalrat und Präsident der nationalrätlichen Sicherheitskommission, spricht von einem «schwerwiegenden Fehler»: «So etwas darf nicht passieren. Durch die Herausgabe der Daten wurde die Einheit klar gefährdet.» Im Wachtplan seien auch die Ronden (Kontrollgänge, Anm. d. Red.) enthalten, die in unregelmässigen Abständen erfolgen. So wisse man dann wer wann und wo kontrolliert. «Damit öffnet man Tür und Tor für einen möglichen Diebstahl oder einen Anschlag.»
Dennoch nimmt er die Schweizer Armee in Schutz: «Der Wachtdienst wird in der Armee eigentlich gut und mit Priorität ausgebildet. Nur wegen eines Einzelfalls sollte man jetzt nicht verallgemeinern und behaupten, die Armee sei zu wenig gut ausgebildet.» Den Fehler sieht Salzmann hier mutmasslich bei der im Einsatz stehenden Wache. «Ich weiss nicht, ob es an der Unkenntnis des Wachtbefehls, an der internen Kontrolle und Kommunikation oder einfach an der Aufmerksamkeit der Armeeangehörigen lag, doch eigentlich hätten diese gleich den Kommandanten informieren sollen. Dann wäre herausgekommen, dass diese Anfrage nicht echt sein kann, somit die Auskunft verweigert werden und der Vorfall entsprechend gemeldet werden muss.»
Auch sollte man laut Salzmann Izzy-Redaktor Cedric Schild zur Rechenschaft ziehen. «Er hat einen militärischen Grad und – wie im Video ersichtlich – auch die militärische Uniform missbraucht.»
«Obrigkeitshörigkeit hindert Soldaten, Dinge zu hinterfragen»
Izzy-Chef Bernhard Brechbühl kontert: «Wir würden nie vorsätzlich gegen Gesetzesbestimmungen verstossen und haben mit dem satirischen Experiment zu keinem Zeitpunkt eine rechtswidrige Absicht verfolgt.» Die satirische Videoumsetzung habe zum Ziel, «die hierarchiegläubige Kultur in der Armee» aufs Korn zu nehmen: «Obrigkeitshörigkeit hindert Soldaten offenbar daran, Dinge zu hinterfragen. Vielleicht sollte die Armee etwas an ihrer Ausbildung ändern und Soldaten zu kritischem Denken ermutigen.» In einer Zeit, in der man selbst für die Sperrung seiner Kreditkarte mehrere Sicherheitsfragen beantworten müsse, sei die von Izzy aufgedeckte Sicherheitslücke bei der Armee erschreckend.