Folgen Schweizer Hochschulen?«Scharlatanerie» – Uni spült Homöopathie-Kurs
Nach dem Rauswurf der Homöopathie von einer Wiener Uni wird die Forderung auch in der Schweiz laut. Der Bund stärkt der Homöopathie den Rücken.
An der Medizinischen Universität in Wien werden die Globuli entsorgt: Das Wahlfach Homöopathie wurde aus dem Vorlesungsverzeichnis gestrichen. Die Universität distanziere sich damit «klar von unwissenschaftlichen Verfahren und Scharlatanerie», begründet sie ihren Entscheid gegenüber dem «Standard».
Der Wunsch nach der Abschaffung sei von den Studenten ausgegangen, sagt Michael Freissmuth, Vorstand der Pharmakologie der Universität, zu 20 Minuten. «Die Studenten waren verpflichtet, die Vorlesung zu besuchen. Ihre Motivation tendierte gegen null.» Freissmuth sagt: «Homöopathie ist nicht lernbar, weil sie eine Meinung ist.» Er würde auch anderen Universitäten die Abschaffung solcher Lehrveranstaltungen empfehlen. Ähnlicher Meinung ist der Schweizer Immunologe Beda Stadler: «Es wurde höchste Zeit», sagt er. «Ich hoffe, andere Universitäten, auch in der Schweiz, ziehen bald nach.»
Unis müssen Homöopathie lehren
Schweizer Universitäten denken allerdings nicht daran. Homöopathie wird fast überall in Vorlesungen zur Komplementärmedizin gelehrt. Die Frage, ob damit unwissenschaftliche Verfahren gelehrt werden, beantworten die Hochschulen nicht. Stattdessen berufen sie sich auf den gesetzlichen Auftrag.
Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) schreibt nämlich vor, dass sich angehende Ärzte «angemessene Kenntnisse über Komplementärmedizin» aneignen sollen. «Künftige Ärzte sollen den möglichen Nutzen und Schaden häufiger Verfahren einschätzen können», heisst es etwa bei der Universität Zürich.
Nathalie Matter, Sprecherin der Universität Bern, sagt, die Vermittlung evidenzbasierter Medizin sei Grundlage des Medizinstudiums. Der Grund, weshalb Komplementärmedizin gelehrt wird, ist aber nicht, dass ihre Wirksamkeit bewiesen ist, sondern dass sie beliebt ist. «Es ist eine Tatsache, dass solche Methoden im Alltag von vielen Menschen in Anspruch genommen werden», sagt Matter. «Das ist unabhängig davon, ob im Einzelfall wissenschaftlich eine Wirkung nachgewiesen werden kann oder nicht.»
Uni Basel baut aus
Frank Zimmermann, Studiendekan der Medizinischen Fakultät der Universität Basel, sagt, man wolle den Studenten «belegtes Wissen und bewiesene Tatsachen» vermitteln. Das ermögliche den angehenden Ärzten eine «offene und kritische Beratung» der Patienten. Das sei von Studenten gewünscht. Die Universität Basel will den Bereich nun sogar noch ausbauen und schafft eine Stiftungsprofessur zur Forschung in der Komplementärmedizin. Dass Homöopathie an Universitäten gelehrt wird, sei sinnvoll, sagt Gisela Etter, Präsidentin der Union komplementärmedizinischer Ärzte. «Wenn nur existieren darf, was mit heutigen Methoden messbar ist, wird man dem Leben nicht gerecht.»
Die Schweiz gilt als Sehnsuchtsland für Homöopathen. Seit Mitte 2017 ist die Homöopathie Bestandteil des Leistungskatalogs der Grundversicherungen. Der Bundesrat hatte entschieden, dass die Methode die Kriterien der wissenschaftlichen Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit (sogenannte WZW-Kriterien) erfüllt.
«Keine Aussage zur Wirksamkeit»
Dabei gilt das Vertrauensprinzip. Der Bund nimmt an, dass Homöopathie, die von Ärzten mit der entsprechenden Weiterbildung angewandt wird, vergütet werden soll. «Damit wurde keine Aussage gemacht, dass Homöopathie als Methode wirksam sei», sagt BAG-Sprecher Grégoire Gogniat. Ändern könnte sich das, wenn jemand eine detaillierte Prüfung der Homöopathie auf die WZW-Kriterien verlangt.
Grundsätzlich könnten alle – also etwa Versicherer, Ärzte- oder Patientenorganisationen – ein begründetes Gesuch auf eine solche Prüfung einreichen, sagt Gogniat. «Dann müsste die Fachorganisation der homöopathisch tätigen Ärzte eine Dokumentation im Hinblick auf die Prüfung einreichen.» Die Bevölkerung habe im Rahmen der Abstimmung zur Komplementärmedizin klar zum Ausdruck gebracht, dass der Bund und die Kantone diese berücksichtigen sollen. 2009 hatten sich zwei Drittel der Stimmbevölkerung hinter ein entsprechendes Anliegen gestellt.
«Wissenschaftlich erledigt»
Im Jahr 2015 bezahlten Krankenversicherer 31 Millionen Franken für komplementärmedizinische Konsultationen. Davon entfielen 8 Millionen Franken auf die Homöopathie. Der Krankenkassenverband Santésuisse geht seither von einer Zunahme aus. Nächste Woche will er Zahlen veröffentlichen.
Sprecher Christophe Kaempf betont, der Verband halte sich an den Entscheid der Bevölkerung. «Statistisch gesehen ist der Nachweis der Wirksamkeit nach den Anforderungen der Schulmedizin allerdings sehr schwierig», sagt er. «Im Vergleich mit anderen Fachrichtungen hat die Komplementärmedizin hier einen Nachteil.»
Michael Freissmuth von der Universität Wien glaubt, dass das Pendel wieder in die Richtung der evidenzbasierten Medizin ausschlägt. Er sei gefragt worden, warum die Universität nicht zu Homöopathie forsche, wenn das die Bevölkerung wünsche. «Es gibt nichts zu forschen», sagt Freissmuth. Man kümmere sich auch nicht um die Frage, ob Schweine zum Mond fliegen könnten. «Die Homöopathie», sagt Freissmuth, «ist wissenschaftlich erledigt.»