Ungeimpfte Eltern gefährden ihre Babys

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KeuchhustenUngeimpfte Eltern gefährden ihre Babys

Seit 2012 empfiehlt das BAG Erwachsenen eine Nachholimpfung gegen Keuchhusten. Doch nur wenige folgen diesem Rat. Dies kann für Säuglinge gefährlich werden.

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In der Schweiz erkranken laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) rund 4000 Menschen pro Jahr an Keuchhusten. Petros Ioannou, Ärztlicher Leiter der Kinder Permanence Swiss Medi Kids, spricht jedoch von einer Zunahme - vor allem unter Minderjährigen. Letzte Woche behandelte er vier Kinder mit einer Pertussis-Infektion.
Das Bundesamt für Gesundheit empfiehlt: Säuglinge sollten in ihrem ersten Lebensjahr insgesamt dreimal geimpft werden: jeweils im Alter von zwei, vier und sechs Monaten. Danach sind Wiederholungsimpfungen nötig und zwar: zwischen 15 und 24 Monaten, zwischen dem vierten und dem siebten und dem 11. und 15. Lebensjahr.
Doch die Fälle von Keuchhusten sind in den letzten Jahren in der Schweiz gestiegen.
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In der Schweiz erkranken laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) rund 4000 Menschen pro Jahr an Keuchhusten. Petros Ioannou, Ärztlicher Leiter der Kinder Permanence Swiss Medi Kids, spricht jedoch von einer Zunahme - vor allem unter Minderjährigen. Letzte Woche behandelte er vier Kinder mit einer Pertussis-Infektion.

Steve Kohls

Man werde von innen nach aussen gestülpt. Erniedrigend sei es, sagt H. L.* (41). Sie spricht vom Keuchhusten, der sie seit sieben Wochen buchstäblich in die Knie zwingt. Noch immer muss sie bei einem Anfall innehalten, alles fallen lassen, die Hände auf die Oberschenkel legen, sich vornüber in die «Kotzstellung» beugen, würgen und elend husten. «Während der ersten Zeit habe ich mich andauernd übergeben.» L. hat in den letzten zwei Monaten acht Kilo abgenommen, kaum eine Nacht durchgeschlafen, ihre Muskeln schmerzen und sie ist körperlich am Ende.

In der Schweiz erkranken laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) rund 4000 Menschen pro Jahr an Keuchhusten. Doch die Fälle sind in den letzten Jahren gestiegen. Während 2009 erst 3800 Erkrankungen gemeldet wurden, waren es 2012 bereits 7900. 2013 stiegen die Fälle dann auf 13'200. Seither hat die Tendenz wieder leicht abgenommen. Die Zahlen für 2016 liegen noch nicht vor.

Nur 43 Prozent gehen zur Auffrischimpfung

Petros Ioannou , Ärztlicher Leiter der Kinder Permanence Swiss Medi Kids, spricht jedoch von einer Zunahme – vor allem unter Minderjährigen. Letzte Woche behandelte er vier Kinder mit einer Pertussis-Infektion. «Im Moment häufen sich die Fälle gerade, ich schätze sie haben bald ihren Peak erreicht.» Auch Monika Niehaus, medizinische Leiterin des Kinderarzthauses Zürich, sagt: «In den letzten Jahren traten immer wieder Fälle von Keuchhusten auf.» Die meisten Kinder seien geimpft, die Zunahme betreffe vor allem Jugendliche, Erwachsene und ältere Menschen.

Laut Ioannou ist diese Tatsache auf zwei Faktoren zurückzuführen: «Erstens gibt es in der Schweiz immer mehr Impfgegner, zweitens sind viele Erwachsene schlecht informiert.» Dies zeigen auch die Zahlen des BAG: Die Impfrate der 17- bis 30-Jährigen beträgt nur 43 Prozent. Fast die Hälfte dieser Altersgruppe verzichtet auf die empfohlenen Nachholimpfungen.

Babys sind besonders gefährdet

Vor allem für Babys kann eine Pertussis-Infektion fatale Folgen haben. Weil sie weder im Mutterleib noch über die Muttermilch Antikörper gegen Keuchhusten aufnehmen, sind sie gegen die Krankheit nicht geschützt. Schlimmstenfalls führt der Husten zu einem Atemstillstand.

Vier Menschen sind in den letzten 15 Jahren in der Schweiz an Keuchhusten gestorben, zwei davon waren Säuglinge: 2012 ein zweimonatiges und 2015 ein einmonatiges Baby. Eine Impfung sei die einzige und sicherste Methode, sich vor der Erkrankung zu schützen, so Niehaus. Trete dennoch eine Infektion auf, verlaufe die Krankheit meist weniger schwer als bei ungeimpften Patienten. Um sein Kind wirklich zu schützen, müssten allerdings alle empfohlenen Impfungen durchgeführt werden, sagt Ioannou – und das sind viele (siehe Box).

«Das hätte schrecklich enden können»

Seit 2012 empfiehlt das BAG auch Erwachsenen zwischen 25 und 29 Jahren, eine Auffrischimpfung durchzuführen. «Davon habe ich nichts gewusst», sagt L. Weder ihr Hausarzt noch ihr Gynäkologe hätten sie jemals darauf aufmerksam gemacht. Das sei fahrlässig und gefährlich: «Meine jüngere Tochter ist zum Glück bereits vier Jahre alt und geimpft. Stellen Sie sich vor, ich hätte ein Baby zu Hause gehabt, das hätte schrecklich enden können.»

Ioannou und Niehaus nehmen beide ihre Kollegen in die Pflicht: Die Kinderärzte handelten bereits an vorderster Front, wichtig sei aber auch, dass Hausärzte, Gynäkologen und Geburtshelfer ihre Patienten proaktiv informierten. Ioannou: «Ungeimpfte Eltern sind für ihre Babys eine wandelnde Gefahr.»

Keuchhusten-Impfungen im Kindesalter

Das Bundesamt für Gesundheit empfiehlt: Säuglinge sollten in ihrem ersten Lebensjahr insgesamt dreimal geimpft werden: jeweils im Alter von zwei, vier und sechs Monaten. Danach sind Wiederholungsimpfungen nötig und zwar: zwischen 15 und 24 Monaten, zwischen dem vierten und dem siebten und dem 11. und 15. Lebensjahr.

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