Viele Träume, wenig Erfolgreiche

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Ivorer in EuropaViele Träume, wenig Erfolgreiche

Ahmed Abdoulaye ist 19 Jahre alt. Seit acht Jahren trainiert er beim ivorischen Zweitligisten AS Athletic Adjamé - und er hat denselben Traum wie so viele junge Fussballer von der Elfenbeinküste: «Eines Tages möchte ich in einer europäischen Top- Liga spielen.»

Doch was geschieht, wenn dieser Traum platzen sollte? «Daran verschwende ich nicht viele Gedanken», sagt Abdoulaye. «Ich hoffe einfach, dass ich einmal den Sprung nach Europa schaffe, dass ich irgendwo für ein Probetraining aufgeboten werde.»

Tausende Ivorer möchten dereinst das Trikot eines Nobelklubs wie Milan oder Chelsea tragen. Tausende trainieren jahrein, jahraus verbissen auf holprigen Terrains im ganzen Land. Tausende verlassen vorzeitig die Schule und setzen alles auf die Karte Fussball.

Doch den grossen Karrieresprung schaffen nur die allerwenigsten. In der vergangenen Saison spielten gerade 23 Ivorer in den fünf grossen europäischen Ligen, wie Raffaele Poli vom Internationalen Zentrum für Sportstudien (CIES) in Neuenburg erklärt.

Ein anderes Beispiel: Von zehn Ivorern, die 2005 zu Tests nach Europa eingeladen wurden, scheiterten deren acht. Ein Jahr später wurden gar neun von zehn Testspielern abgewiesen, wie Walter Ammann berichtet. Der gebürtige Interlakner ist Ausbildungschef beim grössten ivorischen Klub ASEC Mimosas.

Super League als «Schaufenster»

Kein Zweifel: Der Sprung direkt nach Spanien oder England ist für die meisten Spieler zu gross. Begehrt sind deshalb kleinere europäische Länder, deren Ligen eine Art «Schaufenster» für die reichen Klubs sind - zum Beispiel die Schweizer Super League.

25 Afrikaner spielen zurzeit in der obersten Schweizer Liga, 5 davon stammen aus der Elfenbeinküste. Besonders enge Kontakte haben die Berner Young Boys, die einen Partnerschaftsvertrag mit der AS Athletic Adjamé in der Metropole Abidjan abgeschlossen haben - zu beiderseitigem Nutzen, wie es scheint.

Notlösung Amateurliga

Doch auch ein Profi-Vertrag in der kleinen, aber reichen Schweiz ist ein seltener Glücksfall. Und so versuchen viele Afrikaner ihr Glück auf eigene Faust. Sie gelangen irgendwie in die Schweiz und heuern bei einem Amateurklub an.

Weil sie dort keinen Lohn beziehen dürfen, akzeptieren sie eine Minimalbezahlung in Form von «Spesen» - gerade genug Geld, um zu überleben. Viele Beobachter halten dies für eine moderne Form der Ausbeutung.

Doch Klagen hört man kaum. Die Klubs sind zufrieden, für wenig Geld zu guten Spielern zu kommen. «Und Sie werden nie einen Afrikaner hören, der sich beschwert, denn immerhin sichert ihm dieser Handel das Überleben», sagt Forscher Poli.

Zehnfaches Einkommen

Gefahren lauern also viele auf dem Weg nach Europa, und die Versagerquote ist hoch - doch das beeindruckt in Abidjan niemanden, wie Ausbildner Walter Ammann versichert: In Europa könne ein Spieler zehnmal mehr verdienen als daheim - das sei Grund genug, am grossen Traum festzuhalten, so illusorisch er auch sein möge.

Für Wissenschafter Poli gibt es nur einen Ausweg: In Ländern wie der Elfenbeinküste müssten endlich richtige Meisterschaften ausgetragen werden, damit sich Talente daheim unter würdigen Bedingungen weiterentwickeln können.

Die europäischen Fussballklubs trügen ebenso eine Verantwortung wie die afrikanischen Verbände, ruft Poli in Erinnerung. Eine engere Zusammenarbeit tut not. Einen Willen zur Verbesserung kann er bislang aber nicht entdecken. Und so träumt Ahmed Abdoulaye seinen Traum von Europa weiter.

(sda)

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