Politische Motive oder doch die Mafia?

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Ausschreitungen in GenuaPolitische Motive oder doch die Mafia?

Nach der «Schande von Genua» bangt Serbien um sein Image: Der Spielabbruch soll von langer Hand geplant gewesen sein, wird vermutet. Damit hätte eine Annäherung an den Westen verhindert werden sollen.

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In den Morgenstunden des 13. Oktobers 2010 konnte die Polizei in Genua den 30-jährigen Ivan Bogdanov verhaften.
Bogdanov ist der Leader des rechtsextremen Flügels von Roter Stern Belgrad.
Die Gruppe gilt als äusserst gewalttätig - wie sie am Abend zuvor beim Spiel Italien - Serbien unter Beweis gestellt hatte.
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In den Morgenstunden des 13. Oktobers 2010 konnte die Polizei in Genua den 30-jährigen Ivan Bogdanov verhaften.

rebubblica.it

Serbien steht nach den üblen Ausschreitungen serbischer Ultras in Italien unter Schock: Die Medien berichten von der «Schande von Genua», «vom Ende des serbischen Fussballs» und betrachten die Attacke als «Angriff auf die serbische Nation». Land auf, Land ab prangt das Bild des Ultra-Anführers: Ivan Bogdanov - von der italienischen Presse zu «Ivan dem Schrecklichen» erklärt. Hinter den gezielten Angriffen auf die Mannschaft und dem erzwungenen Spielabbruch soll aber mehr stecken als ein paar vermummte Idioten, die sich an ihrem Torhüter für einen Wechsel zum Clubrivalen und einer schlechten Leistung gegen Estland rächen wollten.

Einen Tag nach dem Spielabbruch kursiert eine viel weitreichendere Theorie in den Medien und den Köpfen der Politiker: «Das war ein Angriff auf unseren Staat», sagte der serbische Verbandspräsident Tomislav Karadzic. Die Aktion sei von langer Hand geplant gewesen. «Die Rädelsführer sitzen in Belgrad - es ist Zeit, dass die Regierung aktiv wird», so Karadzic gegenüber «Press Online». Der Verbandspräsident hatte bereits zwei Tage vor dem Angriff gewarnt, dass es Informationen gebe, wonach bezahlte Hooligans für Randale nach Genua reisen würden. Vor Ausschreitungen gewarnt hatte bereits am vergangenen Freitag Sasha Djordjevic. Der frühere Basketball-Star unterhält offenbar Kontakte zu Ultras von Partizan Belgrad und verriet der «Gazzetta dello Sport»: «Einige Fans hatten schon am Wochenende gesagt:‹Wir fahren nach Italien und sorgen für Chaos.›»

Die Motive erklärte Ultra «Slobo» aus den Reihen Roter Stern Belgrads gegenüber dem italienischen Fernsehsender Rai: «Wir sind keine Nazis, wir sind Nationalisten und damit gegen den EU-Beitritt Serbiens.» Das Spiel sei die perfekte Bühne für einen Protest gewesen. «Wir sind gegen die Unabhängigkeit des Kosovos und haben deshalb die albanische Flagge angezündet.»

Keine jugendlichen Chaoten

Diese These stützte auch ein Angehöriger des Justizministeriums. «Die Ausschreitungen waren ein Zeichen, dass Serbien nicht bereit sei für den EU-Beitritt», so Slobodan Homen gemäss «B92». Hinter dem Angriff stünden nicht jugendliche Chaoten, sondern gut organisierte Gruppen, die finanzielle Unterstützung erhielten. Gemäss Behörden gibt es viele grosse Firmen, Unternehmer und Institutionen ausserhalb der Opposition, die kein Interesse an einem EU-Beitritt haben: «Viele Leute verlieren Macht und Geld, wenn Serbien der EU beitritt.»

Die Ausschreitungen werden auch im Zusammenhang mit den gewalttätigen Übergriffen an der Gay Parade am Wochenende in Belgrad gesehen. «Es ist der Versuch, Serbien durch Ausschreitungen zu destabilisieren», sagt ein Informant gegenüber «Press Online». Als Drahtzieher wird «Kokain-König» Darko Saric gehandelt, wie «B92» und «Press Online» berichten. «Es bestehen ernsthafte Indizien, dass er dahinter steckt», soll die Quelle aus Geheimdienstkreisen gesagt haben, «er will Chaos auf den Strassen.» Demnach sei es auch nicht der Höhepunkt, sondern der Anfang weiterer Aktionen. Slobodan Homen sagte gegenüber «B92», dass es «logisch und möglich» wäre, dass Saric und auch russische Extremisten hinter den Ausschreitungen in Genua und Belgrad steckten.

Ob Mafia, Nationalisten oder kopflose Chaoten: Sportministerin Snezana Samardzic-Markovic geisselte die Gewaltexzesse und versprach «entschlossene Schritte gegen diese Vandalen». «Sie haben dem mühselig wieder aufgebauten Ansehen unseres Landes einen schweren Schlag versetzt», so die Ministerin weiter. Die Regierung müsse nun handeln.

«Diese Leute hätten niemals einreisen dürfen!»

Die Chaoten kommen nicht aus dem Nichts: Die Namen Ivan Bogdanovs und zahlreicher weiterer Chaoten vom Dienstag sind in Serbien bestens bekannt. Das Verbot der Ultra-Gruppierungen von Bogdonovs «Ultra Bojs» und 14 weiteren gewaltbereiten Gruppen ist längst beantragt worden. Weshalb die Zusammenarbeit zwischen den serbischen und italienischen Behörden nicht klappte, wird nun untersucht. «Man hat uns über die Zahl der anreisenden Fans informiert», sagte Roberto Massucci, Sicherheitschef des italienischen Fussball-Verbandes, «nicht aber über ihre Gefährlichkeit». Und weiter: «Diese Leute hätten niemals einreisen dürfen!»

(amc/sda)

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