Fotos gegen den Schönheitswahn«Alle Menschen haben einen Makel, bei mir sieht man ihn halt»
Falten, Narben, Rundungen – besonders auf Fotografien sollen sie möglichst verschwinden. Die Nidwaldner Fotografin Melinda Blättler hat davon genug, sie lichtet Menschen ab, die auffällig anders und trotzdem schön sind. Entstanden ist ein eindrückliches Fotoprojekt.
Darum gehts:
Über Andreas Gesicht zieht sich eine unübersehbare Narbe. Als sie noch kein Jahr alt war, musste ihr ein gutartiger Tumor hinter dem linken Auge entfernt werden. Die Operationen hinterliessen ihre Spuren. «Heute bin ich kaum noch eingeschränkt, stehe mit beiden Beinen im Leben und bin im Reinen mit mir», sagt die heute 25-Jährige. Dass sie anders aussieht, bemerke sie nur in der Reaktion ihrer Mitmenschen. «Es kommt vor, dass ich angestarrt werde, die Leute über mich tuscheln oder ich im Ausgang blöd angemacht werde», erzählt sie.
Für Andrea ist klar: «Alle Menschen haben einen Makel, bei mir sieht man ihn halt.» Sie will sich aber nicht darüber definieren lassen. «Schönheit kann ganz viele Facetten haben», sagt sie. Um das zu zeigen, hat sie sich von der Nidwaldner Fotografin Melinda Blättler ablichten lassen.
Beautywahn auf Social Media
Für ihre Fotokollektion «99 x einzigartig» suchte Melinda Blättler 99 Menschen, deren Aussehen nicht unseren Schönheitsidealen entspricht, nicht alltäglich ist oder mit einem Tabu bricht. «Das Projekt war für mich eine Herzensangelegenheit. Es war schön zu sehen, wie viele Leute sich auf meine Aufrufe meldeten», sagt die Hergiswilerin. Unter den Fotomodellen waren auch Menschen mit Über- und Untergewicht, mit Verbrennungsnarben, mit Amputationen, Krebsüberlebende oder Transmenschen.
«Die älteste Person ist 99 Jahre alt und die jüngste war nur wenige Monate alt», erzählt Melinda. Es war ihr wichtig, ein möglichst breites Spektrum der Gesellschaft ungefiltert abzudecken. Die entstandenen Bilder sind schwarz-weiss und schlicht. Nichts soll vom Menschen ablenken. «Es war sehr berührend, wie sich mir meine Teilnehmer anvertraut haben», sagt Melinda. Die Kollektion soll am 17. Juni in einem Buch veröffentlicht und von 18. bis 26. Juni im Sust in Stansstad ausgestellt werden.
Auf die Idee für das Projekt kam Melinda durch ihren Alltag als Fotografin. «Kunden wollen oft, dass ich ihre Makel retuschiere», erklärt Melinda. So sei sie schon gefragt worden, ob sie Narben, Falten und Muttermale entfernen oder Leute schlanker machen könne. «Gerade junge Menschen wollen so aussehen wie ihre Vorbilder auf Instagram», sagt Melinda. Von diesem Schönheitsideal, hält die Nidwaldnerin nicht viel, lieber möchte sie die Menschen ermuntern: «Zeig dich, so wie du bist – auch ohne Photoshop.» So sind für Melinda ihre einzigartigen Models die wahren Vorbilder: «Sie machen Mut, und zeigen, wie man mit einem Schicksalsschlag umgehen kann.»
«Am Anfang hatte ich Mühe mit meinem Anblick»
Ein solches Vorbild ist auch die Rollstuhlsport-Legende Heinz Frei (64). Seit einem Unfall mit 20 Jahren ist Heinz querschnittsgelähmt. Dies hielt ihn jedoch nicht von sportlichen Höchstleitungen ab. An Sommer- sowie Winter-Paralympics holte der Sportler aus Oberbipp BE insgesamt 35 Medaillen, darunter 15 Mal Gold. Dennoch: Die Lähmung war ein tiefer Einschnitt in sein Leben.
«Ich musste damals schmerzlich feststellen, wie sich mein Körper und sein Aussehen auf einen Schlag veränderten» erzählt Heinz. Nach dem Umfall bildeten sich die Muskeln in seinen Beinen zurück. «Am Anfang hatte ich Mühe mit meinem Anblick.» Aus Scham verhüllte Heinz seine Beine für mehrere Jahre, trug immer lange Hosen – auch im Sommer.
Es habe eine Weile gedauert, sein Schicksal zu akzeptieren. «Aber mein Körper bleibt das Kapital für mein Glück», sagt Heinz. «Er ist schön, so wie er ist. Auch wenn er nicht der Norm entspricht.» Für Heinz ist es wichtig, dieses Gefühl Menschen mitzugeben, die in einer ähnlichen Situation sind. Deshalb trat er auch vor die Kamera. «Melindas Fotos haben etwas Besonderes, aber eigentlich sollten diese Bilder für uns alle ganz normal sein.»
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