Keine angestrebte ImpfquoteBAG scheut sich vor Impfziel – Politiker machen Druck
Drei Viertel der gefährdeten Personen sollen sich impfen lassen: Das strebt das BAG an. Ein globales Impfziel hat der Bund aber nicht. Dies gefährde die Herdenimmunität, sagen Politiker und Ärzte.
Darum gehts
Der Bund hat sich kein Ziel gesetzt, welcher Prozentsatz der gesamten Bevölkerung geimpft werden sollte.
Stattdessen besteht nur das Ziel, drei Viertel der Risikogruppen zu immunisieren.
Das kritisieren verschiedene Politiker. Eine angestrebte Impfquote würde auch die Impfbereitschaft erhöhen, so die Kritik.
Ein Kantonsarzt zeigt, bei welcher Impfquote die Schweiz in einer guten Ausgangssituation wäre.
Die Impfstrategie des Bundesamt für Gesundheit (BAG) hält fest, 75 Prozent der besonders gefährdeten Personen zu impfen. Laut BAG liegt die Schwelle zur Herdenimmunität in der jetzigen Lage mit der vorherrschenden Variante B1.1.7 bei etwa 80 Prozent Immunen in der Gesamtpopulation. Dazu zählen auch alle, die bereits an Covid erkrankt sind, was auf rund 700 000 Schweizerinnen und Schweizer zutrifft.
Ein Ziel, wie viel Prozent der Gesamtbevölkerung zur Erreichung der Herdenimmunität geimpft werden soll, peilt der Bund nicht an. Bisher haben sich 28,8 Prozent der Bevölkerung doppelt impfen lassen.
Klarere Ziele hat sich Grossbritannien gesetzt: Dort hat die Regierung ihr Ziel definiert, 60 Prozent der erwachsenen Bevölkerung zu immunisieren. US-Präsident Joe Biden will bis am 4. Juli 70 Prozent der Bevölkerung mit mindestens einer Dosis impfen. Die chinesische Regierung erklärte, man wolle bis Jahresende 80 Prozent der mehr als 1,3 Milliarden Chinesen impfen.
«Das BAG hat Angst zu scheitern»
Eine Impfquote über die Gesamtbevölkerung sei nach wie vor zentral, kritisiert Mitte-Nationalrat Lorenz Hess. «Das BAG muss dringend klare Ziele setzen. Denn wir sehen derzeit, dass viele Leute impfmüde sind. Eine Impfquote, die erreichbar ist, würde sicher die Impfbereitschaft der Bevölkerung steigern», so Hess.
Das BAG habe bei einer angestrebten Impfquote vermutlich Angst zu scheitern, sagt Hess. «Wenn man sehen würde, dass man die Quote nicht erreicht, ist man in einem Dilemma. Denn dann müsste man wohl wieder härtere Massnahmen und Einschränkungen ergreifen. Diese Situation will das BAG verhindern, indem es einfach keine angestrebten Impfquoten einführt.» Trotzdem gäbe es kaum einen Weg um die Impfquote herum.
Auch FDP-Nationalrat Philippe Nantermod fordert, dass das BAG eine bestimmte Impfquote anstrebt. «Wir müssen eine hohe Impfrate erreichen, um uns vor weiteren Wellen zu schützen. Für gefährdete Menschen sollten wir im Idealfall noch höhere Niveaus erreichen.» Auch die Impfung der Kinder trage dazu bei, so Nantermod. «Wir wissen, dass auch Kinder bei dieser Pandemie ein Risiko eingehen, wenn auch begrenzt. Ihre Impfung hilft, die Pandemie zu stoppen, unter der sie auch sehr leiden.»
Weniger überzeugt von der Impfquote ist FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen. Die Impfquote scheint ihm zu willkürlich und habe zu wenig Spielraum. «Ich sehe den Weg zurück in die Normalität viel mehr beim Covid-Zertifikat. Sobald alle Impfwilligen geimpft sind, muss man die Massnahmen dann fallen lassen.» Bei einer starren Impfquote fürchtet Wasserfallen, dass man noch zu lange mit Einschränkungen leben müsste. «Es gibt nie eine Nullrisiko Strategie», so Wasserfallen.
«Quote von zwei Drittel wäre eine gute Ausgangslage»

Herr Steffen, was ist der Sinn einer angestrebten Impfquote?
Mit einer hohen Impfquote sollen in der Bevölkerung so viele Menschen durch Impfung (oder auch frühere Erkrankung) immun gegen die Krankheit sein, dass jede Ansteckungskette schnell abbricht. So kann sich die Krankheit nicht weiter ausbreiten und auch Nicht-Geimpfte sind indirekt geschützt. Dieser Schutz durch die Impfungen tritt, wie die aktuellen Zahlen zeigen, schon zumindest teilweise vor dem Erreichen der angestrebten Impfquoten auf. Vereinfacht kann gesagt werden, dass jede Impfung neben dem Eigenschutz mit einen Beitrag zur Bekämpfung der Ausbreitungsdynamik leisten kann.
Was sind Vor- und Nachteile einer angestrebten Impfquote?
Bezogen auf eine hohe Impfquote und damit erreichbare Bekämpfung des Coronavirus wäre eine breitere Impfempfehlung auch im Jugendbereich zweifellos nützlich. Umgekehrt ist es von zentraler Bedeutung, dass bei allen medizinischen Therapien und Präventionsmassnahmen die Risiko- und Nutzenüberlegungen sehr sorgfältig gemacht werden, damit der Einzelne seinen persönlichen Entscheid dann auf dieser Grundlage machen kann. Dies ist im Moment bei der Impfung von Kindern und Jugendlichen schwierig, weil die Datengrundlage noch nicht so breite Analysen wie im Erwachsenenbereich zulässt. Entsprechend wird es gegebenenfalls wichtig sein, diese differenzierte Vorgehensweise gut der Bevölkerung zu erklären.
Sollte das BAG eine Impfquote für die ganze Bevölkerung anstreben. Was wäre eine realistische Zahl?
Heikel kann eine zu starke Fixierung auf eine bestimmte Zahl sein. Wann genau und wie stark bei welchem Wert der Impfquote die sogenannte Herdenimmunität auftritt, lässt sich wissenschaftlich im Moment gar nicht klar sagen. Tatsache ist aber, dass je mehr Menschen geimpft sind, je einfacher und effizienter wird die Corona-Bekämpfung. Entsprechend sollten nun möglichst viele sich impfen lassen, welche bei den Impfempfehlungen angesprochen sind. Mit einer Impfquote von mehr als zwei Drittel bei der Bevölkerung über 16 Jahren wären wir hier in einer guten Ausgangslage um allfällige kleinere lokale Ausbrüche mittels Testung und Contact Tracing schnell und effizient zu bekämpfen.
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Hier findest du Hilfe:
BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00
BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92
Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona
Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen
Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige
Hotline bei Angststörungen und Panik, Tel. 0848 801 109
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143
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