Der grüne Doppelgänger des Zürcher Bellevueplatzes

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Biodiversitäts-ProjektDas Zürcher Bellevue hat jetzt einen grünen Zwilling

Es ist wohl der erste Zwillingsplatz der Welt: Das neu eröffnete Vuebelle in Zürich Höngg ist eine exakte Kopie des bekannten Zürcher Bellevueplatzes – in biodivers. Ein Erkundungsspaziergang.

Dieselbe Aussicht auf See und Berge wie am Bellevue, bloss sechs Kilometer weit entfernt: der Zwillingsplatz Vuebelle.
Der Steg zeichnet das Dach des Belcafé nach.
Und die Vogelhäuschen des Vuebelle stehen dort, wo am Bellevue die Lichtsignale dem Verkehr den Weg weisen.
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Dieselbe Aussicht auf See und Berge wie am Bellevue, bloss sechs Kilometer weit entfernt: der Zwillingsplatz Vuebelle.

Vuebelle

Darum gehts

  • Den bekannten Zürcher Bellevueplatz gibt es nun ein zweites Mal – und zwar in komplett grün, im Zürcher Quartier Höngg.

  • Der Zwillingsplatz heisst Vuebelle.

  • Auf dem Vuebelle soll die Biodiversität erlebbar gemacht und Forschung betrieben werden.

Scheinbar willkürlich stehen die Vogelhäuschen an Pfosten befestigt inmitten dieser grossflächigen Wiese im Zürcher Quartier Höngg. Blumen und Gräser aller Farben blühen bauchhoch, die Aussicht auf Stadt und See ist spektakulär. Nur: Willkürlich ist hier nichts. Denn diese grüne Oase ist eine Kopie des Zürcher Bellevueplatzes. Ein Zwilling, wenn man so will, aber in grün. Der Name des Bellevue-Zwillingsplatzes: Vuebelle.

Die Idee des Vuebelle ist simpel: Es soll eine exakte Kopie des Bellevues sein, Massstab 1:1, mit allen Elementen, die am Bellevue zu finden sind. Nur: Die Vuebelle-Elemente, die bestehen nicht aus Stein, Beton und Asphalt, sondern aus Pflanzen, Obstbäumen und Tierbehausungen. Die Bellevue-Kopie soll das sein, was das Original nicht ist: biodivers.

Das Belcafé

Die besagten Vogelhäuschen stehen exakt dort, wo am Bellevue die Lichtsignale dem Verkehr den Weg weisen: «Bloss die Ausrichtung der Häuschen stimmt nicht mit derjenigen der Lichtsignale überein. Da sind wir einen Kompromiss eingegangen, damit es den Vögeln nicht ins Häuschen reinregnet», erklärt Vuebelle-Initiant Markus Schaub.

Er steht auf dem Holzsteg, der den charakteristischen Pavillon am Bellevue nachzeichnet, wo zu jeder Tageszeit der Geruch nach Pizza und Kaffee in der Luft liegt. Hier am Vuebelle duftet es nach Blumen, Gräsern und feuchter Erde.

Der Bellevue-Brunnen

Vom Steg aus betritt Markus Schaub einen Trampelpfad und folgt ihm bis zu einer Lichtung mit kleinen Erdhügeln: «Das hier ist die Stelle des Bellevue-Brunnens. Diese Hügel sind Wildbienen-Sandinseln. Es ist ein Angebot an die Bienen – es wäre schön, wenn sie dort einziehen würden.»

Markus Schaub zeigt in die Ferne: «Dort hinten sieht man schön die Perimetergrenze.» Tatsächlich ist leicht erkennbar, wo das Vuebelle aufhört. Auf der Ackerfläche dahinter stehen nur noch Gräser, nicht vergleichbar mit der bunten Vuebelle-Vielfalt. Das lokale Saatgut stammt von einer biodiversen Wiese in 15 Kilometern Entfernung. «Grün ist eben nicht gleich grün», sagt Markus Schaub, als er einen weiteren Pfad einschlägt.

Der Verkehr

Ein älteres Paar bleibt in der Nähe stehen, betrachtet die Blumen, «schön, hä».

Schön ist es, in der Tat, aber die Vielfalt hat auch ganz existentielle Motive, so Markus Schaub: «Viele Menschen verstehen nicht, was mit Biodiversität gemeint ist. Dabei ist Biodiversität lebensnotwendig. Nicht nur für die Tiere, sondern auch für uns.» Das Problem sei, dass diese Zusammenhänge in der Wirtschaft noch nicht angekommen sind: «Die Natur muss einen Wert bekommen.»

Das Vuebelle soll die Biodiversität einerseits erlebbar machen, andererseits aber auch als Forschungsstandort dienen. Beispielsweise planen Forschende der ETH Zürich, die Entwicklung der Wasseraufnahmefähigkeit auf dem Vuebelle-Areal zu erforschen. Biodiverse Flächen können mehr Regenwasser aufnehmen als herkömmlich genutzte Böden. Eine Eigenschaft, die sehr nützlich ist und durch klimawandelbedingtes Extremwetter immer wichtiger wird.

Auch die FH Wädenswil führt eine Studie durch: An 100 Probanden und Probandinnen wird der Stresspegel verglichen – einmal am Bellevue und einmal am Vuebelle.

Der Sternengrill

Geschichten sind wichtig, dessen ist sich Markus Schaub bewusst, während er auf die Stelle zeigt, wo am Bellevue der berühmte Sternengrill steht. Wäre das Vuebelle bloss ein biodiverser Platz in Höngg, wäre das Interesse wahrscheinlich nicht besonders gross. Die Idee des Zwillingsplatzes jedoch schafft eine Verbindung, die unterschiedlichste Themenfelder eröffnet: Wie biodivers müssen Stadtplätze sein? Warum erhalten Autos so viel Platz in der Stadt? Welche Rolle spielt die Beschaffenheit der Böden? Wie heiss ist es an einem Sommertag am Bellevue im Vergleich mit dem Vuebelle?

Die Strahlkraft des Vuebelle dürfte über Zürich Höngg hinausgehen. Markus Schaub ist kein Projekt bekannt, das einen bekannten Platz in biodivers nachgebaut hat – was das Vuebelle zum ersten biodiversen Zwillingsplatz der Welt macht. Aber wahrscheinlich nicht zum letzten: «Ich würde gerne mal einen hässlichen Kreisel nachbauen – oder ein Stück Autobahn.»

Zustande kam das Vuebelle-Projekt durch den Gewinn des ZKB-Wettbewerbs «für Züri». Grün Stadt Zürich stellt das Areal für acht Jahre zur Verfügung. Zahlreiche Privatpersonen, Organisationen und Institutionen arbeiten am Vuebelle mit. Interessierte können sich mit einer Quadratmeter-Patenschaft am Projekt beteiligen.

Was halten Sie von der Idee, biodiverse Zwillingsplätze für bestehende, urbane Plätze zu kreieren?

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