BLICKWECHSELAufwachsen mit zwei Kulturen: «Ich bemerkte, dass ich anders bin»
Third Culture Kids bezeichnet Menschen, die zwischen zwei Kulturen aufgewachsen sind. Für manche junge Migranten ist das nicht einfach, weil sich manche nie ganz zugehörig fühlen. Eine Expertin erläutert, warum das so ist.
Wir haben junge Erwachsene mit Migrationshintergrund gefragt, woran sie gemerkt haben, dass sie nicht wie ihre Schweizer Kollegen sind.
20minDarum gehts
Third Culture Kids bezeichnet Menschen, die zwischen zwei Kulturen aufgewachsen sind und somit eine dritte entwickeln.
20 Minuten hat bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund nachgefragt, wie sie die Mischung zwischen zwei Kulturen erleben (siehe Video).
Während manche dies als etwas Positives sehen, haben andere gemischte Gefühle, da sie sich weder in der einen noch in der anderen Kultur ganz zugehörig fühlen.
Im Interview erklärt die psychosoziale Beraterin Judith Jörg, wie eine ständige Auseinandersetzung mit mehreren Kulturen die Persönlichkeitsentwicklung komplexer machen kann.
Migration beeinflusst nicht nur das Leben der Eltern. Sie hat auch eine Auswirkung auf das Leben der im zweiten Heimatland geborenen Kinder oder auf Kinder, die in jungen Jahren ausgewandert sind. Wir wollten daher wissen, wie Jugendliche und junge Erwachsene das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen wahrgenommen und erlebt haben.
«Es hat mich positiv beeinflusst»
Zaina (15) aus Marokko hat schon früh mitbekommen, dass sie zwei komplett unterschiedliche Kulturen lebt. Die Mischung findet sie aber ganz schön: «Ich bin dankbar, dass ich hier in der Schweiz aufwachse, aber gleichzeitig die Kultur meiner Eltern ausleben kann. Beide Kulturen sind schön.»
Auch Mamadu aus Senegal ist dieser Meinung. Ihn hat das Aufwachsen in der Schweiz positiv beeinflusst. «In meiner Kultur ist man eher laut und weniger strukturiert. Ich konnte es anders erleben und das Beste aus beiden Kulturen haben», sagt der 20-Jährige.
«Kulturen getrennt gelebt»
Emily (15) aus Frankreich und dem Libanon erzählt von ihrer Erfahrung: «Wenn wir auf Schulreise waren, war ich immer die einzige, die keine Wanderschuhe dabei hatte. Meine Eltern wussten nicht, was das ist. Da habe ich gemerkt, dass ich ein wenig anders bin.» Sie habe die beiden Kulturen immer getrennt, weil es so einfacher war. «Ich lebe in der Schule und draussen eine andere Kultur aus, als zu Hause mit meinen Eltern.»
Mahmud (26) aus der Türkei sieht es ähnlich. Er lebt beide Kulturen aus, hat aber eine Präferenz: «Die Türken sind temperamentvoll, man spürt die Liebe mehr. Die Schweizer sind natürlich anständige Menschen, aber wirken eher zurückhaltend.» Für ihn ist es ebenso schwierig, die perfekte Mischung zu finden.
Was ist Blickwechsel?
Judith Jörg, psychosoziale Beraterin und Mitglied von Psyvita, beantwortet die wichtigsten Fragen über die Third Culture Kids und deren Schwierigkeiten.

Laut Judith Jörg, psychosoziale Beraterin und Mitglied von Psyvita, entwickeln Third Culture Kids oft eine hybride Identität.
Luzia Candreia20 Minuten: Wie schwierig haben es junge Menschen, die zwischen zwei Kulturen aufwachsen?
Judith Jörg: Third Culture Kids (TCKs) können vermehrt Schwierigkeiten haben, sich mit einer bestimmten Kultur zu identifizieren. Sie sind oft hin- und hergerissen zwischen «zwei Welten», die manchmal sehr widersprüchlich sind und unterschiedliche Regeln haben. Dadurch fühlen sie sich weder in der Kultur ihrer Eltern noch in der des Gastlandes vollständig zuhause.
Was macht das mit ihnen?
Grundbedürfnisse wie Zugehörigkeit und Geborgenheit sind somit schwieriger zu erfüllen. In beiden Kulturen kann es vorkommen, dass TCKs als «anders» wahrgenommen und ausgeschlossen werden, da sie nicht alle kulturellen Normen und Verhaltensweisen beherrschen.
Hat das Auswirkungen auf die Persönlichkeitsfindung/-entwicklung?
Das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen kann sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf die Persönlichkeitsfindung haben. Viele TCKs entwickeln eine hohe Anpassungsfähigkeit und Flexibilität, da sie früh lernen müssen, sich in verschiedenen kulturellen Kontexten zurechtzufinden. Ausserdem kann es zu einer breiteren Perspektive und einem tieferen Verständnis für unterschiedliche Lebensweisen und Denkansätze führen.
Und was sind die negativen Auswirkungen?
Die ständige Auseinandersetzung mit mehreren Kulturen kann die Persönlichkeitsentwicklung auch komplexer machen. Vor allem in der Jugend und im jungen Erwachsenenalter müssen sie sich intensiver damit auseinandersetzen, wer sie sind und wohin sie sich entwickeln möchten. Um so ihre Identität zu definieren und zu verstehen. Diese Zeit ist oft nicht leicht für die Betroffenen und es ist wichtig, dass sie dabei auf Unterstützung von Bezugs- oder auch Fachpersonen zählen können.
Bist du mit zwei oder mehreren Kulturen aufgewachsen?
Ist es schwierig für solche Menschen, sich für eine kulturelle Identität zu entscheiden?
Viele TCKs entwickeln eine hybride Identität, das heisst, sie bauen sich ihren Charakter aus Elementen aller Kulturen, mit denen sie in Kontakt gekommen sind. Diese einzigartige Identität kann eine eigene «dritte Kultur» darstellen. Manche junge Menschen fühlen sich jedoch häufig zu einer bestimmten Kultur stärker hingezogen, basierend auf persönlichen Erfahrungen, Freundschaften und anderen sozialen Bindungen. Diese Entscheidung ist meist fliessend und situationsabhängig. Ob man sich eher für eine Kultur entscheidet oder sich flexibel zwischen Kulturen bewegt, hängt stark von der individuellen Persönlichkeit und den spezifischen Umständen ab.
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