Schiessunfall in der Armee: «So ein Unfall hätte verhindert werden können»

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Bremgarten AG«So ein Unfall hätte verhindert werden können»

Bei einem Schiessunfall in Bremgarten verstarb am Dienstag ein Armeeangehöriger der Nachschub-RS 45.  Schiess-Instruktor und Experte für persönliche Sicherheit Marc Baumann über die Hintergründe des Unfalls.

Marc Baumann verfügt über langjährige Erfahrung im Bereich persönliche Sicherheit. Zudem war er auch lange in der Armee aktiv.
Die Armee liess den Duro, in dem sich der Unfall ereignete, am Dienstagnachmittag abschleppen.
Auf diesem Platz ereignete sich der Unfall.
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Marc Baumann verfügt über langjährige Erfahrung im Bereich persönliche Sicherheit. Zudem war er auch lange in der Armee aktiv.

Privat

Darum gehts

  • In einem Duro der Schweizer Armee löste sich am Dienstag ein Schuss aus einer Waffe.

  • Ein am Kopf getroffener Soldat starb später im Spital.

  • Laut Marc Baumann, Schiess-Instruktor und Experte für persönliche Sicherheit, haben wohl verschiedene Umstände zum Unfall geführt.

Am Dienstag kam es in Bremgarten AG zu einem tragischen Armeeunfall: In einem Militärfahrzeug löste sich ein Schuss, ein Armeeangehöriger wurde am Kopf getroffen und verstarb kurze Zeit später im Spital an seinen Verletzungen.

Doch wie konnte es zu diesem Unfall kommen? Hätten nicht alle Waffen gesichert und entladen sein müssen? Wir haben bei Marc Baumann nachgefragt. Der langjährige Berufsmilitär ist Experte im Bereich persönliche Sicherheit und Personenschutz und hat die Firma «Plan B Training» gegründet. Seit 20 Jahren ist er im Bereich Schiessausbildung in der Armee sowie im privaten Sektor und bei Schiessverbänden tätig.

Herr Baumann, was sagen sie zum tödlichen Schiessunfall in Bremgarten?

Es handelt sich einerseits um einen traurigen Unfall. Andererseits handelt es sich um ein individuelles und organisatorisches Versagen der Übungsleitung wie um ein mangelndes Verantwortungsbewusstsein jedes Einzelnen. Da ich beim Unfall nicht vor Ort war, kann ich zum Einzelfall nicht weiter Auskunft geben. Jetzt gilt es, des Untersuchungsbericht der Militärjustiz abzuwarten.

Den Angehörigen möchte ich mein herzliches Beileid aussprechen. So etwas hätte einfach nicht passieren dürfen, so ein Unfall hätte verhindert werden können. Die Armeeangehörigen werden dazu ausgebildet, um genau solche Unfälle zu vermeiden und sicheren Übungsablauf zu garantieren.

Wie meinen Sie das?

Da gibt es einerseits die vier Sicherheitsvorschriften, die jeder Armeeangehörige verstehen und jederzeit leben muss: 1. Alle Waffen sind immer als geladen zu betrachten. 2: Nie eine Waffe auf etwas richten, das man nicht treffen will. 3: Solange die Visiervorrichtung nicht auf das Ziel gerichtet ist, ist der Zeigefinger ausserhalb des Abzugbügels zu halten. 4: Seines Zieles sicher sein.

Zusätzlich ist eine Schiessübung derart durchgetaktet und durchkommandiert, dass am Ende der Übung kein Armeeangehöriger mehr Munition auf sich tragen oder in der Waffe haben sollte.

Wie wird das nach einer Schiessübung sichergestellt?

Wenn das Schiessprogramm beendet ist, wird die Waffe auf Befehl gesichert und entladen. Auch die Magazine werden geleert und die ganze Munition abgegeben. Der Übungsleiter achtet bei der Entladekontrolle darauf, dass nirgendwo eine Patrone im Patronenlager oder im Magazin «vergessen geht».

Im Anschluss wird der Munitionsbefehl verlesen, der zum Ziel hat, Unfälle im Umgang mit Munition zu verhüten und Munitionsmissbrauch zu verhindern. Wer dem Befehl zuwiderhandelt, kann disziplinarisch oder militärgerichtlich bestraft werden.

Was lief in diesem Fall denn schief?

Es muss sich um eine unglückliche Verkettung von Fehlern gehandelt haben. Anders kann ich mir das nicht erklären. Ein grosses Problem ist, dass in der Armee die Disziplin in der Sicherheitserziehung und Waffenhandhabung in vergangenen Jahren klar nachgelassen haben.

Zudem hat auch die Konzentration in der Truppe abgenommen: Auch auf dem Schiessplatz redet man miteinander, man reisst Witze oder ist in den sozialen Medien unterwegs. Auch das kalte Wetter oder Stress durch Unsicherheit könnte eine Rolle gespielt haben. So kann etwa passieren, dass der Schütze nach dem Entladen und der Entladekontrolle sein Magazin wieder einsetzt, und den Verschluss schliesst und dabei wieder eine Patrone in das Patronenlager einführt. Dem Schützen ist dann nicht bewusst, dass er eine geladene Waffe mit sich führt. Das habe ich bei Anfängern – sowohl im zivilen als auch militärischen Bereich – persönlich mehrmals erlebt.

Wie liessen sich solche Unfälle verhindern?

Tempo und Druck herausnehmen. Verantwortung und Disziplin sind grundlegend, wenn es um den Umgang mit Waffen geht. Die Armee hat klare Vorschriften festgelegt, deren konsequente Umsetzung nun in unserer Verantwortung liegt.

Eine Waffe hat das potenzielle Ziel, Leben zu beenden, was höchste Konzentration und kontinuierliche Disziplin im Lernprozess erfordert. Ein tiefes Verständnis für die Ernsthaftigkeit dieser Aufgabe und eine beständige Reflexion unserer Verantwortlichkeit sind essenziell, um Sicherheit zu gewährleisten. Coolness und Nachlässigkeit, aller Übungsteilnehmer haben in der Waffenausbildung keinen Platz.

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