Illegale AdoptionenBundesrat entschuldigt sich bei adoptierten Kindern aus Sri Lanka
Trotz Hinweisen auf teilweise schwere Unregelmässigkeiten haben schweizerische Behörden Adoptionen aus Sri Lanka nicht verhindert. Der Bundesrat will nun Betroffene bei der Suche nach ihrer Herkunft stärker unterstützen.
Darum gehts
Ein Bericht der ZHAW zeigt: Hunderte Kinder sind bis in die 90er-Jahre unter fragwürdigen Bedingungen in die Schweiz adoptiert worden.
Erstmals anerkennt der Bundesrat die Verfehlungen der Behörden.
Der Bundesrat entschuldigt sich bei den Betroffenen und kündigt an, sie bei der Suche nach ihrer Herkunft stärker unterstützen zu wollen.
Die Vorwürfe wiegen schwer: Gefälschte Dokumente in den Dossiers, Ersatzmütter, die angeheuert wurden, um vor Gericht für einige Dollar ihre Zustimmung zur Adoption zu geben, Kinderhandel, Korruption und Baby-Farmen. Von 1973 bis 1997 sollen über 11’000 sri-lankische Kinder von europäischen Eltern unter fragwürdigen Bedingungen adoptiert worden sein – davon mehr als 700 in der Schweiz. Vor drei Jahren reichte die damalige Nationalrätin Rebecca Ana Ruiz im Parlament ein Postulat mit dem Namen «Licht ins Dunkel bringen» zur Thematik ein. Das Ziel: Die Adoptionspraxis historisch aufzuarbeiten und zu analysieren – und die betroffenen Personen bei der Suche nach ihrer Herkunft zu unterstützen.
Die Schweiz anerkennt nun als erstes Land die Verfehlungen bei Adoptionen aus Sri Lanka. Wie Bundesrätin Karin Keller-Sutter an der Medienkonferenz am Montag sagt, bedauert es der Bundesrat, dass Bund und Kantone Adoptionen aus Sri Lanka bis in die 1990er-Jahre «trotz früher und eindeutiger Hinweise» auf illegale Adoptionsvermittlungen nicht verhinderten – und die Verantwortung gegenüber den Kindern nicht wahrgenommen haben. Die schweizerischen Behörden hätten es unterlassen, angemessene Massnahmen gegen die Missstände zu ergreifen, wie die bereits im Februar 2020 publizierte historische Analyse der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) aufzeigt.
Bundesrat will Betroffenen auch finanziell unter die Arme greifen
Wie die ZHAW in ihrem Bericht festhält, wiesen sämtliche Adoptionsverfahren sowohl in Sri Lanka als auch in der Schweiz Unregelmässigkeiten unterschiedlichen Ausmasses auf. Der Befund sei eindeutig: «Die Schweizer Behörden waren über die Probleme informiert, ergriffen jedoch nicht die nötigen Massnahmen, um diese anzugehen.» Es sei deutlich geworden, dass Kinder für Eltern gesucht worden seien, nicht Eltern für die Kinder.
Diese Versäumnisse bei den Behörden prägten das Leben der damals adoptierten Personen bis heute, hält der Bundesrat fest. Daher sei er bereit, die betroffenen Personen bei der Herkunftssuche künftig noch stärker zu unterstützen – auch finanziell. Welche Massnahmen dafür zu treffen sind, werde von einer Arbeitsgruppe aus Vertretern von Bund, Kantonen, Betroffenen und privaten Organisationen geprüft.
Der Bundesrat kündigt zudem an, die historische Aufarbeitung der illegalen Adoptionen in der Schweiz auszuweiten. Eine ergänzende Forschungsarbeit zur ZHAW-Analyse soll zeigen, ob es Hinweise auf systematische Unregelmässigkeiten bei Adoptionen auch aus weiteren Herkunftsländern gibt. Um allfällige verbleibende Schwachstellen bei der Schweizer Adoptionspraxis zu eruieren, werde eine Expertengruppe auch das heutige System unter die Lupe nehmen. Sollte die Analyse Mängel an den Tag legen, werde der Bundesrat entsprechende Gesetzesänderungen vorschlagen.
«Meilenstein auf der Suche nach Gerechtigkeit»
Die betroffenen adoptierten Personen schreiben in einer ersten Stellungnahme von einem enorm wichtigen, ersten Schritt «am Anfang eines gemeinsamen Heilungsprozesses». Der Bericht des Bundesrates sei für viele adoptierte Personen aus Sri Lanka ein «Meilenstein auf ihrer persönlichen Suche nach Gerechtigkeit». Sarah Ineichen, Präsidentin des Vereins Back to the Roots, begrüsst den Bericht des Bundes: «Die damit verbundene Anerkennung legt einen wichtigen Grundstein für eine umfassende Aufarbeitung und Wiedergutmachung.»
Diese Wiedergutmachung soll insbesondere in Form unbürokratischer und kostenloser Unterstützung bei der Herkunftssuche erfolgen. Dazu gehöre aber auch eine professionelle Beratung durch unabhängige Fachstellen, psychologische Begleitung sowie Zugang zu Archiven und Suchdiensten.