COP29: Frust und Reformrufe nach Weltklimakonferenz in Baku

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WeltklimakonferenzBaku, Erdöl und Lobbyisten: COP29 sorgt für Frust und Reformrufe

Wenig Fortschritt, viel Frust: Die Weltklimakonferenz in Aserbaidschan enttäuschte viele Forscher und Aktivisten mit schwachen Beschlüssen – ETH-Studierende fordern nun Alternativen.

Die 29. Weltklimakonferenz (COP, Conference of the Parties) fand vom 11. bis 24. November in Baku, Aserbaidschan statt.
Bereits im Vorfeld sorgte der Umstand, dass die Veranstaltung in Aserbaidschan stattfinden wird, welches sich zu einem grossen Teil durch Erdölexporte finanziert, für Kritik.
Auch an der Veranstaltung selbst kam es deshalb von Aktivisten zu Protesten.
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Die 29. Weltklimakonferenz (COP, Conference of the Parties) fand vom 11. bis 24. November in Baku, Aserbaidschan statt.

AFP

Darum gehts

  • Die COP29 in Baku enttäuschte mit schwachen Beschlüssen und sorgte für Frust bei Forschern und Aktivisten.

  • Das Gastgeberland Aserbaidschan, das stark von Erdölexporten abhängt, stiess auf Kritik.

  • ETH-Studierende fordern nun alternative Ansätze, wie etwa einen Vertrag zur Nichtverbreitung fossiler Brennstoffe.

In der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku fand bis am Samstagabend die 29. Weltklimakonferenz (COP29) statt. Dass die Klimakonferenz ausgerechnet in einem Land stattfand, das sich grösstenteils durch Erdölexporte finanziert, sorgte bei vielen Umweltverbänden und Klimaaktivisten für Unverständnis.

Gemäss der Koalition «Kick Big Polluters Out» waren mindestens 1773 Lobbyierende der Öl-, Kohle- und Gasindustrie offiziell akkreditiert – was seitens Klimaschützern für Kopfschütteln sorgte. Zwei Dutzend Wissenschaftler, darunter der ehemalige UNO-Chef Ban Ki-moon, forderten in einem offenen Brief, dass Länder, die sich nicht zum Ausstieg aus der Nutzung fossiler Brennstoffe verpflichteten, die COP nicht mehr veranstalten dürften.

Bundesrat Albert Rösti in Baku

Auch Umweltminister Albert Rösti war an der COP29 in Baku vor Ort – im Rahmen seines Auftrittes am Donnerstag bekräftigte er, dass die Schweiz das 1,5-Grad-Klimaziel einhalten wolle. Gleichzeitig betonte Rösti gegenüber SRF, dass die ursprüngliche Forderung der Entwicklungsländer – welche 1300 Milliarden Dollar für die Bewältigung der Auswirkungen des Klimawandels wollten – «jenseits von Gut und Böse» sei.

Umweltminister Albert Rösti besuchte die 29. Weltklimakonferenz.

Umweltminister Albert Rösti besuchte die 29. Weltklimakonferenz.

Getty Images

COP29 lehnt ursprüngliche Forderung ab

Zudem wurde die ursprüngliche Forderung der Entwicklungsländer, die 1300 Milliarden Dollar für die Bewältigung der Auswirkungen des Klimawandels wollten, abgelehnt. Die Industrieländer erklärten sich nach langer Debatte letztlich bereit, 300 Milliarden zu bezahlen. Dieser Abschluss der Weltklimakonferenz mit wenig konkreten Beschlüssen war für viele Länder und Klimaorganisationen enttäuschend – sie taten ihre Unzufriedenheit kund.

Die COP30 nächstes Jahr soll in Brasilien stattfinden – ein Land, welches in der Kritik steht, den Amazonas-Regenwald abzuholzen und für wirtschaftliche Zwecke zu nutzen, was den Klimawandel vorantreibe. Die Kritik dürfte sich auch hier wiederholen.

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Forderung nach alternativen Lösungen

Eine Gruppe junger Studierender und Forschender der ETH fordert nun eine Reform: Sie sind überzeugt, dass die COP alleine nicht die «dringend» erforderlichen Massnahmen zur Eindämmung des Klimawandels herbeiführen könne.

Stattdessen sollen andere Möglichkeiten geprüft werden – etwa ein Vertrag über die Nichtverbreitung fossiler Brennstoffe. Solche Verträge hätten sich bereits in anderen Bereichen wie bei Waffen oder ozonschädigenden Stoffen bewährt, so die Forschenden.

Ein anderer Vorschlag ist ein «Klimaclub» mit gemeinsamen Regeln für die «fortschrittlichsten Länder im Klimaschutz». «Insbesondere nach der COP29 verlassen sich unsere Generation und generell die Menschen, die bereits heute von Klimakatastrophen betroffen sind, nicht mehr auf einen fehlerhaften COP-Prozess», so die ETH-Studierenden.

Klimaforscherin: «Nicht auf Kurs, 1,5-Grad-Ziel zu erreichen»

Sonia Seneviratne ist ordentliche Professorin für Land-Klima-Dynamik an der ETH Zürich und im Vorstand des Weltklimarats (IPCC).

Sonia Seneviratne ist ordentliche Professorin für Land-Klima-Dynamik an der ETH Zürich und im Vorstand des Weltklimarats (IPCC).

URS JAUDAS

Frau Seneviratne, ist mit den jetzigen Beschlüssen am COP29 der Zug für Klimamassnahmen abgefahren?

Es wurden keine zusätzlichen Verpflichtungen in Bezug auf die Reduktion von CO2-Emissionen eingegangen. In dieser Hinsicht gab es keinen Fortschritt. Das 1,5-Grad-Ziel rückt mit jedem Monat ohne Reduktion der CO2-Emissionen immer mehr in unerreichbare Ferne. Ein definitives Fazit können wir erst im Februar 2025 ziehen, wenn die Mitglieder des Pariser Abkommens ihre national festgelegten Beiträge einreichen werden.

Was müsste bei künftigen COPs anders gemacht werden – und warum?

Solche Weltklimakonferenzen sollten besser nicht in Ländern organisiert werden, die von Erdölexporten abhängig sind und von autokratischen Regimen geleitet werden. Das schadet der Glaubwürdigkeit der Konferenzen – und auch den Entscheidungen. Ausserdem nehmen viele Erdöl-Lobbyisten an diesen Weltklimakonferenzen teil. Das sollte wegen Interessenkonflikten nicht erlaubt sein – an Konferenzen der Weltgesundheitsorganisation werden zum Beispiel keine Tabaklobbyisten eingeladen.

Die Schweiz ist jüngst vom EGMR verurteilt worden und im Klima-Index hinter Indien und Brasilien gefallen – macht die Schweiz nicht genug gegen den Klimawandel?

Das CO2-Budget, das die Schweiz bis 2030 ausstossen möchte, ist proportional höher als der Anteil, der ihr zugeteilt werden könnte, wenn alle Einwohner der Welt gleich viel bis dahin ausstossen könnten. Der Grund: Das globale CO2-Budget wurde seit 2020 schon mehr als halbiert, die Schweiz hat dies in ihren Berechnungen jedoch nicht berücksichtigt.

Ist das alles?

Die Schweiz hat – wie andere entwickelte Länder – historisch mehr proportionale Emissionen verursacht als viele Entwicklungsländer. Dies deutet darauf an, dass die Schweiz sich ehrgeizigere Ziele für die Reduktion von CO2-Emissionen setzen sollte. Global sind wir gar nicht auf Kurs, die Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen – und die Schweiz ist mitverantwortlich dafür.

Energiepolitik «braucht Zeit»

SVP-Nationalrat und Präsident der nationalrätlichen Umweltkommission Christian Imark teilt diese Kritik – wenn auch aus anderen Gründen: Die wirksamen Entscheide bei den vergangenen COP-Veranstaltungen seien «in der Tat eher spärlich ausgefallen» – weshalb Imark sich fragt, ob es sich lohne, «jedes Jahr Heerscharen an Teilnehmenden aus der ganzen Welt einfliegen zu lassen». Energiepolitik brauche Zeit – man könne nicht «jedes Jahr neue Weltwunder erwarten».

Energiepolitik brauche Zeit, sagt Christian Imark. Er ist SVP-Nationalrat und präsidiert die nationalrätliche Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie (UREK-N).

Energiepolitik brauche Zeit, sagt Christian Imark. Er ist SVP-Nationalrat und präsidiert die nationalrätliche Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie (UREK-N).

20min/Matthias Spicher

Von der Kritik, dass die Konferenz ausgerechnet in einem Land mit hohem Erdölexport stattfand, hält Imark hingegen nicht viel. «Die letztjährige Klimakonferenz in Dubai wurde auch schon kritisiert, aber letztlich braucht es ja alle. Grenzt man diese Länder aus, gibt es sicher keine Fortschritte.» Auch die Forderung nach Reformen winkt er ab: Je mehr Nebenschauplätze es gebe, desto mehr schwinde die Wirkung der Konferenz.

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