Fast FashionDarum landen billige Altkleider im Müll statt bei Bedürftigen
Billig, billiger, Fast Fashion: Kleider von Textil-Discountern haben eine kurze Haltbarkeitszeit. Auch Kleidersammlern genügt die Qualität nicht. Statt Secondhand daraus zu machen, werden die Textilien verbrannt.
Darum gehts
- Immer mehr billig produzierte Kleidung landet in der Altkleidersammlung.
- Die Kleidersammler können viel davon weder als Secondhand noch fürs Recycling nutzen.
- Ein grosser Teil landet deshalb in der Kehrichtverbrennungsanlage.
Textilsammelfirmen sind am Anschlag. Weil die Schweizer im Corona-Lockdown so viel entsorgen wie nie, quillen die Lager der Kleidersammler über. Immer mehr davon ist sogenannte Fast Fashion. Die Kleider der Textildiscounter sind billig, beliebt und werden entsprechend oft ersetzt (siehe Box).
Wer solche Fast Fashion in die Altkleidersammelboxen wirft, kann nicht sicher sein, dass sie zu den Bedürftigen gelangt. Denn die gebrauchten, aber noch oft einwandfreien Kleider finden oft ein Ende in der Kehrichtverbrennungsanlage.
Billige Chemiefasern
Den Textilsammelfirmen bereitet die Qualität der Fast Fashion Mühe. Diese Kleider bestehen meist aus billigen Chemiefasern oder Fasermixen, wie der «Tages-Anzeiger» berichtet. Die Kleidersammler könnten die Textilien deshalb weder als Secondhand-Ware noch zur Weiterverwendung verwenden.
Auch Oliver Classen von der Menschenrechtsorganisation Public Eye hat Mühe mit Fast Fashion und rät vom Kauf solcher Produkte ab: «Manche Kleider sind schon nach fünfmal Tragen unbrauchbar», sagt er zu 20 Minuten. Fast Fashion sei der Unterbietungswettkampf der Textil-Discounter, was Löhne, Arbeitsbedingungen, aber auch Qualität angehe.
«Trauriger Schlusspunkt der Wertschöpfungskette»
«Das Business-Modell Fast Fashion führt zu diversen Problemen entlang der textilen Wertschöpfungskette», sagt Tina Tomovic von der Forschungsgruppe Produkt & Textil der Hochschule Luzern zu 20 Minuten. Die Entsorgung bilde einen traurigen Schlusspunkt. Doch immerhin werde beim Kleiderverbrennen in der Schweiz aufs Verwerten der Wärme geachtet. Anderswo landeten die Kleider auf der Mülldeponie.
Die Expertin fordert «dringende Reformen» bei den Anbietern der Fast Fashion. Eine Möglichkeit für die Altkleidersammlung respektive fürs Recycling sei, dass das Ende eines Produktlebenszyklus bereits im Produktdesign enthalten sein muss. Das liesse sich etwa durch möglichst wenig Materialkombinationen lösen.
Bis 15 Prozent der Kleider ins Feuer
20 Minuten hat bei den Schweizer Textilsammel-Marktführern Tell-Tex und Texaid nachgefragt. Texaid-Sprecherin Jana Mikulasch bestätigt: «Die Qualität der Fast-Fashion-Kleider ist rückläufig.» Die Fasermischungen, Chemikalien und Farbstoffe würden das Rezyklieren aufwendig und kostspielig machen.
Texaid nutze rund 60 Prozent der gesammelten Kleider als Secondhand. Etwa 30 Prozent würden zu Putzlappen verarbeitet oder fänden als Recyclingwolle in neuer Bekleidung Verwendung.
Die übrigen 5 bis 15 Prozent der gesammelten Textilien verbrennt Texaid mit thermischer Verwertung. In der Quote enthalten sind aber nicht nur die wegen ihrer enthaltenen Fremdstoffe schwer zu verarbeitenden Fast-Fashion-Kleider, sondern auch herkömmliche, aber stark defekte oder verschmutzte Textilien.
Nach Osteuropa und Italien
Keine Kleiderverbrennungen gibt es bei Tell-Tex, wie Sprecher Roland Tegtmeyer versichert. Die Firma verschicke 95 Prozent der Ware unsortiert an Kunden und Zwischenhändler in Italien und im osteuropäischen Raum. Ob dort Ware verbrennt wird, konnte der Sprecher aber nicht sagen.
H&M weist den Vorwurf der ungenügenden Qualität seiner Fast-Fashion-Kleider «entschieden zurück», wie Sprecherin Sileia Urech zu 20 Minuten sagt. Dieselbe Anfrage an den Zara-Mutterkonzern Inditex blieb innerhalb der gegebenen Frist unbeantwortet.
Zwei Dutzend Kollektionen pro Jahr
Das ist Fast Fashion
Zara, H&M & Co. tauschen ihre Kollektionen bis zu zwei Dutzend Mal im Jahr aus. Diese sogenannte Fast Fashion ist beliebt, kommt aber entsprechend schnell aus der Mode. Die meist billig in Massenproduktion in Asien hergestellten Kleider haben denn auch oft eine kurze Haltbarkeitszeit. Oliver Classen von der Menschenrechtsorganisation Public Eye nennt Fast Fashion «das Gegenteil von Nachhaltigkeit». Die eigentlichen Opfer dieses Wirtschaftens würden an den Nähmaschinen in Südostasien sitzen. Doch auch die Schweizer Fashion-Victims würden nun die Qualitätsmängel der Produkte spüren. Tina Tomovic von der Forschungsgruppe Produkt & Textil der Hochschule Luzern registriert eine «klar steigende» Tendenz von Fast Fashion im Altkleidermarkt, wie sie zu 20 Minuten sagt.