Darum werden Städte zu Glutöfen

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KlimawandelDarum werden Städte zu Glutöfen

Die urbanen Zentren bringen die Menschen zunehmend ins Schwitzen. Lösungen für Abkühlung sind dringend gefragt.

B. Zanni
von
B. Zanni
Städter leiden häufiger unter der Hitze als ihre Nachbarn auf dem Land, wie ein Bericht des Bundesamts für Umwelt (Bafu) zeigt.
Bis zu 10 Grad betragen die maximalen Temperaturunterschiede zwischen den Kernstädten und dem umliegenden ländlichen Raum.
Dass die Städte mehr Hitze absorbieren, hat auch Auswirkungen auf die Bevölkerung: Sie wird zunehmend hitzeempfindlicher. «In der Stadt Zürich flüchten die Leute bei warmem Wetter schnell in den Schatten oder in klimatisierte Räume», sagt Jeannette Eggenschwiler, Wetterfee beim Lokalsender Tele Züri.
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Städter leiden häufiger unter der Hitze als ihre Nachbarn auf dem Land, wie ein Bericht des Bundesamts für Umwelt (Bafu) zeigt.

Keystone/Gaetan Bally

Eine Hitzewelle mit Temperaturen von bis zu 35 Grad hat die Schweiz seit Mitte Juni fest im Griff. Vor allem Städte verwandeln sich in Glutöfen. Städter leiden häufiger unter der Hitze als ihre Nachbarn auf dem Land, wie ein Bericht des Bundesamts für Umwelt Bafu zeigt. Bis zu zehn Grad betragen die maximalen Temperaturunterschiede zwischen den Kernstädten und dem umliegenden ländlichen Raum.

Der Grund: Viele versiegelte Flächen wie der Asphalt absorbieren die Sonneneinstrahlung. Aber auch Industrie, Gebäude und Verkehr sowie Kühlgeräte- und Klimatisierungsanlagen machen die Städte zu Hitzeinseln. Durch die dichte Bebauung kann der Wind zudem schlecht zirkulieren.

«Kaum Grünflächen für Kühlung»

Eine globale Studie, die im Mai 2017 publiziert wurde, geht sogar davon aus, dass die Temperatur in den grossen Städten bis 2100 um bis zu acht Grad steigen wird. «In den Städten gibt es kaum Grünflächen, die für eine natürliche Kühlung sorgen», sagt Moritz Gubler, Meteorologe bei Meteonews. Der Beton hingegen speichere extrem viel Wärme. «Vor allem in der Nacht sind die Städte signifikant wärmer als im Umland.»

Da häufigere und intensivere Hitzewellen vor allem für die städtische Bevölkerung eine zunehmende gesundheitliche Belastung und Gefährdung darstellen, setzt sich der Bund mit verschiedenen Projekten für eine klimaangepasste Stadtentwicklung ein. «Wenn Städte heisser werden, müssen wir auch langfristige Lösungen dafür haben», sagt Roland Hohmann, Sektionschef Klimaberichterstattung beim Bafu.

Kies statt Teer

Künftig sollen in den Städten begrünte Freiräume und offene Wasserflächen erhalten und gezielt geschaffen werden. «Bei der Neugestaltung des Hardauparks in Zürich wurden zum Beispiel Wiesen angelegt, Bäume gepflanzt und Sprühnebel installiert», so Hohmann. Ein weiteres Ziel sind entsiegelte Böden. «Etwa könnten mehr Plätze mit Kies statt mit Teer geschaffen werden.»

Weiteres Potenzial sieht das Bafu darin, Mauern und Beläge nur mit hellen Farben zu bestreichen. Zudem könnten Stadtbäume angesiedelt werden, um Schatten zu spenden und die Luftzirkulation zu verbessern. Unbebaute Schneisen sollen erhalten bleiben, damit durch sie kühle Luft aus der Umgebung in die heissen Innenstädte gelangt.

Keine nackten Wände mehr

Für den ehemaligen Basler Stadtentwickler Thomas Kessler ist die Schweiz damit auf dem richtigen Weg. «Nackte Wände sollten so präpariert werden, dass Efeu und andere Pflanzen hochgezogen werden können.» In Singapur etwa würden ganze Blumenwiesen, in denen auch Vögel nisten könnten, Wände bedecken. Gegen die Hitze würden auch helle Fassaden helfen. «Vorbild könnten die schneeweissen Häuser in Griechenland sein.» Kessler schwebt zudem vor, die südlich ausgerichteten Dächer mit Solaranlagen auszustatten. «Sie wandeln die absorbierte Wärme gleich in Strom und Warmwasser um.»

Zudem würde er in den Städten vermehrt aus dem Boden schiessende Wasserfontänen einrichten und die Brunnen so umbauen, dass sie bequem zum Trinken und Planschen genutzt werden können. «Künstliche Seen zu schaffen macht dagegen wenig Sinn, da diese meist klein sind und sich schnell erwärmen.»

«Flucht in den Schatten»

Dass die Städte mehr Hitze absorbieren, hat auch Auswirkungen auf die Bevölkerung: Sie wird zunehmend hitzeempfindlicher. «In der Stadt Zürich flüchten die Leute bei warmem Wetter schnell in den Schatten oder in klimatisierte Räume», sagt Jeannette Eggenschwiler, Wetterfee beim Lokalsender Tele Züri.

Auch die Freude am Sünnele sei zurückgegangen. «Früher nutzten Leute in der Stadt jeden Sonnenstrahl, um sich auf den Balkon zu legen und zu bräunen.» Für Menschen, die direkt unter dem Dach wohnten, seien die Nächte qualvoll. «Die Dächer speichern enorm viel Wärme.» Um sich in der Stadt etwas abkühlen zu können, empfiehlt sie, immer einen Fächer griffbereit zu haben.

Christoph Bovet, Hausarzt in der Praxis Ärzte am Rosenberg, stellt fest, dass Städter oft falsch gekleidet sind. Junge Menschen litten deshalb manchmal unter Kreislaufbeschwerden. «Leinenhemden oder am besten Baumwollumhänge schützen am effizientesten vor Hitze.» Häufig werde in den Büros auch falsch gegen die Hitze gekämpft. «Teilweise wird auf unter 20 Grad gekühlt, so dass sich Leute danach eine Erkältung holen.» Ideal sei eine Raumtemperatur von 23 bis 24 Grad.

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