Das bedeutet die sinkende Arbeitslosigkeit wirklich

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Sinkende ZahlenGeht die Arbeitslosigkeit jetzt weiter zurück?

Trotz Corona-Krise geht die Arbeitslosenquote zurück. Doch die Entwicklung ist trügerisch. Experten warnen vor einem düsteren Herbst.

Der Arbeitsmarkt hellt sich auf. Im Juni ging die Arbeitslosenquote leicht zurück. Doch Ökonomen warnen: Im Herbst verschlechtert sich die Situation. Eine Quote über 4 Prozent ist wahrscheinlich.
Es könnte allerdings noch viel schlimmer kommen bei einem zweiten Lockdown. «Wenn man Restaurants, Baustellen und Läden weltweit wieder zumachen würden, wären die Kosten für die Volkswirtschaft immens», sagt Economiesuisse-Chefökonom Rudolf Minsch zu 20 Minuten.
Doch die Corona-Zahlen steigen: Kommt es zu einer zweiten Welle, könnte das einen zweiten Lockdown mit sich bringen.
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Der Arbeitsmarkt hellt sich auf. Im Juni ging die Arbeitslosenquote leicht zurück. Doch Ökonomen warnen: Im Herbst verschlechtert sich die Situation. Eine Quote über 4 Prozent ist wahrscheinlich.

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Darum gehts

  • Die Arbeitslosigkeit ist im Juni leicht gesunken.
  • Das überrascht die Experten. Sie hatten mit einer Zunahme gerechnet.
  • Dennoch gibt es keine Entwarnung: Ökonomen erwarten auf Herbst mehr Arbeitslose.
  • Grund sind Konjunkturunsicherheiten bei den Unternehmen. Das löst eine Kettenreaktion aus.

Es sind gute Nachrichten: Der Schweizer Arbeitsmarkt hat sich im Juni bereits wieder etwas erholt. So ist die Arbeitslosenquote auf 3,2 Prozent von 3,4 Prozent im Mai gesunken – trotz Corona-Krise.

Bereinigt man die jetzige Quote allerdings um saisonale Faktoren (siehe Box), steigt die Quote leicht auf 3,1 Prozent. Dennoch stehen die Zeichen auf Entspannung. «Die Zahlen sind weniger schlimm als befürchtet», sagt Economiesuisse-Chefökonom Rudolf Minsch zu 20 Minuten.

Baugewerbe als Treiber

Treiber der Verbesserung auf dem Arbeitsmarkt ist laut Minsch das Baugewerbe. Viele Baustellen vor allem im Tessin und in Genf seien wieder offen. Auch die Industriebetriebe erholen sich langsam. Sie können wieder ihre Produkte ausliefern, weil die Zulieferer vor allem aus Asien wieder Material senden. «Es zeichnet sich eine Normalisierung der Prozesskette ab», so der Ökonom.

Ist also alles halb so wild mit der Corona-bedingten Wirtschaftskrise? Treffen die düsteren Arbeitsmarkt-Szenarien der Experten nun doch nicht ein, und sehen wir bald wieder eine Quote von 2,5 Prozent wie im Februar vor der Krise? Rudolf Minsch verneint. «Wir erwarten nur eine vorübergehende Entspannung.»

Gemäss Minsch darf man nicht vergessen, dass man es mit der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten zu tun hat. «Die Folgen für den Arbeitsmarkt sowie für Bund und Kantone kommen schleichend und sind durchwegs negativ.» Wie alle Länder stecke auch die Schweiz in einer sehr schwierigen Situation.

Steigende Arbeitslosigkeit im Herbst

Das zentrale Problem sei die Aussicht auf die zweite Jahreshälfte. «Wir erwarten auf Herbst eine steigende Arbeitslosigkeit, sagt Minsch. Weil der Konjunkturverlauf die Unternehmen stark verunsichere, verzichteten diese auf Investitionen. Daher werden neue Bestellungen storniert oder verschoben.

«Das hat letztlich eine Kettenreaktion zur Folge», so der Ökonom. Viele Unternehmen werden dann realisieren, dass ihr Businessmodell nicht mehr so funktioniert wie vor der Krise. Kündigungen sind in diesen Fällen unvermeidlich.

Die jetzige kurze Entspannung auf dem Arbeitsmarkt dürfte sich daher schon bald in Luft auflösen. «Die Arbeitslosenquote sehen wir in diesem Jahr bei durchschnittlich 3,8 Prozent. Im nächsten Jahr dürfte sie bei rund 4,3 Prozent sein.»

Gefahr für die Weltwirtschaft

Es könnte allerdings noch viel schlimmer kommen bei einem zweiten Lockdown «Wenn man Restaurants, Baustellen und Läden weltweit wieder zumachen würde, wären die Kosten für die Volkswirtschaft immens. Das würde die Weltwirtschaft nicht nochmals verkraften», sagt Minsch.

Auch BAK-Chefökonom Martin Eichler geht von einer Verschlechterung bei der Arbeitslosigkeit aus. «Aufs Jahresende hin sehen wir wahrscheinlich saisonbereinigt eine Quote von über 4 Prozent », sagt er auf Anfrage.

Die negative Entwicklung sei daher noch längst nicht ausgestanden. «Der Arbeitsmarkt läuft typischerweise der Konjunkturentwicklung hinterher.» Der starke Einbruch der Wirtschaft mache sich daher verzögert auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar.

Erholung im Jahr 2022

Wichtig ist laut Eichler, dass es nicht jetzt schon zu einer grossen Zunahme bei der Arbeitslosenquote gekommen ist. Grund seien die Massnahmen des Bundes. «Die Kurzarbeit und die sofortige Vergabe von Notkrediten zeigen ihre Wirkung», so Eichler.

Auch für Economiesuisse-Chefökonom Rudolf Minsch ist die funktionierende Kurzarbeit «Dreh- und Angelpunkt» dafür, dass der Arbeitsmarkt nicht zusammenbricht. Doch der Weg der Besserung bleibt lang. Ein Wirtschaftswachstum wie vor der Krise erwartet er frühestens im Sommer 2022. Entscheidend ist für Minsch aber letztlich eine Frage: «Wie lange dauert es, bis wir einen Impfstoff haben?»

Das heisst «saisonbereinigt»

Auf dem Arbeitsmarkt gibt es saisonale Faktoren. «Normalerweise ist die Arbeitslosigkeit im Sommer am tiefsten und im Winter am höchsten», sagt Economiesuisse-Chefökonom Rudolf Minsch. So beschäftigt man im Sommer etwa auf dem Bau mehr Personen, da gewisse Arbeiten nur in warmen Jahreszeiten erledigt werden können. Auch in der Landwirtschaft und im Tourismus benötigt man dann mehr Arbeitskräfte. Im Winter verlieren mehr Menschen den Job, weil Felder nicht bewirtschaftet werden können oder Strassencafés geschlossen haben.

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