Notenbanken im Dilemma«Das billige Geld war wie eine Droge – jetzt kommen die Nebenwirkungen»
Die Notenbanken müssen sich entscheiden: Erhöhen sie die Zinsen weiter, droht eine Rezession – stoppen sie aber die Zinserhöhungen, könnte die Inflation explodieren.
Darum gehts
Die Wirtschaft schreit auf: Immer mehr Stimmen fordern ein Ende der Zinserhöhungen.
Denn die höheren Zinsen wirken sich negativ auf viele Unternehmen aus.
Ein Stopp der Zinserhöhungen ist allerdings heikel – die Inflation könnte so weiter steigen.
Die Schweizerische Nationalbank, die Europäische Zentralbank und die US-Notenbank Fed haben seit einem Jahr mehrmals die Leitzinsen erhöht, um die Teuerung zu bekämpfen. Widerstand gab es kaum: Viele begrüssten die Zinswende und hoffen, dass die Inflation unter Kontrolle kommt.
Der Plan schien aufzugehen: Die Teuerung schwächelte, der Arbeitsmarkt blieb robust und die Aktienkurse legten seit Oktober sogar zu. Obwohl Zinserhöhungen für Börsen eigentlich Gift sind. So rückte die Zinswende bei Anlegerinnen und Anlegern wieder in den Hintergrund, die Angst vor der Rezession schien verflogen.
Die Wirtschaft schreit auf
Jetzt werden aber Stimmen laut, die fordern, dass die Notenbanken aufhören mit den Zinserhöhungen. Denn diese schlagen nun mit etwas Verzögerung auch auf die Wirtschaft durch. Das zeigt etwa die Pleite der US-amerikanischen Silicon Valley Bank – für viele eine direkte Folge der Zinswende.
Die Bank kaufte US-Staatsanleihen und Wertpapiere, als die Zinsen noch tief waren. Mit der Zinswende verloren diese schnell stark an Wert. Als die Kundschaft begann, Geld von der Bank abzuheben, musste sie die Wertpapiere verkaufen. So resultierte ein Milliardenverlust – und plötzlich war die Bank pleite.
Inflation noch nicht gebändigt
Müssen die Notenbanken die Zinserhöhungen also stoppen? Nein, sagt Matthias Geissbühler, Investment-Chef von Raiffeisen Schweiz. Denn das oberste Ziel der Schweizerischen Nationalbank und der Europäischen Zentralbank sei klar festgelegt: Sie müssen für Preisstabilität sorgen. Und diese sei noch nicht erreicht.
Die Zahlen geben Geissbühler recht: In den 27 EU-Ländern erreichte die Inflation mit 10,6 Prozent zwar bereits im Oktober ihren Höhepunkt, bis Januar ging sie aber gerade mal um zwei Prozentpunkte zurück. Auch in den USA schwächte sich die Jahresteuerung im gleichen Zeitraum bloss von 7,7 auf 6,4 Prozent ab. Und in der Schweiz ist die Inflation zwischen Oktober und Januar sogar gestiegen, von 3,0 auf 3,3 Prozent.
Zur Erinnerung: Die Schweizerische Nationalbank peilt eine Inflation von null bis zwei Prozent an, die Europäische Zentralbank zielt auf zwei Prozent ab. Beide Notenbanken haben dieses Ziel noch nicht erreicht. Auch das Fed dürfte mit über sieben Prozent Inflation nicht zufrieden sein.
Notenbanken stecken im Dilemma
Die Situation ist heikel: Stoppen die Notenbanken die Zinserhöhungen, könnte die Inflation steigen und das Vertrauen in Notenbanken verloren gehen. So leide die eigene Währung, und im Extremfall komme es zu einer Hyperinflation wie in Simbabwe oder Venezuela, so Geissbühler. Darunter würden vor allem Menschen mit tiefem Einkommen leiden.
Steigen die Zinsen aber weiter, droht Ungemach in der Wirtschaft. Kredite für Firmen und Private würden so teurer, ebenso die Hypotheken. Eine Rezession werde wahrscheinlicher und es komme zu Entlassungen. Die Geldpolitik sei 15 Jahre lang sehr expansiv gewesen, sagt Geissbühler, es habe eine unglaubliche Flut von Liquidität gegeben: «Das billige Geld war wie eine Droge – jetzt kommt der Entzug mit Nebenwirkungen.»
Minus 12 Prozent – CS-Aktie stürzt unkontrolliert ab
Die Aktie der Credit Suisse war am Montag zwischenzeitlich noch 2,13 Franken wert – so wenig wie noch nie. Sie verlor damit über zwölf Prozent an Wert – an einem Tag. Mehr darüber kannst du hier lesen.
Wie tief das Vertrauen in unser Finanzsystem ist, zeigt auch die Kursentwicklung von Bitcoin: Die Kryptowährung hat in den letzten 24 Stunden rund 17 Prozent an Wert gewonnen. Auch Gold und Silber haben wieder stark zugelegt. «Das sollte für die Notenbanken ein Warnschuss sein», so Geissbühler.
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