«Needle Spiking»Das sind die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Nadelattacken in Clubs
Mysteriöse Angriffe mit Spritzen oder Nadeln nehmen zu. Weder über das Motiv noch über die Täter ist bisher etwas bekannt. Zwei Experten ordnen ein.
Die mysteriösen Spritzenangriffe kennt man ursprünglich aus England. Nun hat das sogenannte Needle Spiking Spanien erreicht. Unter den Opfern ist auch ein Schweizer. Hier findest du einen Überblick zu den wichtigsten Fragen und Antworten zum sogenannten Needle Spiking.
Was ist bisher bekannt?
In Grossbritannien häuften sich letztes Jahr Fälle, in denen junge Clubbesucherinnen plötzlich starken Schwindel verspürten, sich kaum noch bewegen konnten und später keinerlei Erinnerungen mehr an den Ausgang hatten. Im April haben dann Dutzende Menschen – mehrheitlich Frauen – in Frankreich Anzeige erstattet, nachdem sie von Unbekannten im Ausgang mit Spritzen betäubt worden waren. Bei den Opfern handelt es sich in den meisten Fällen um Frauen im Alter zwischen 18 und 24 Jahren. Die Spuren der Stiche sind oft sichtbar, aber die toxikologischen Analysen weisen nicht auf eine bestimmte Substanz hin. Zudem konnten die Behörden noch keine Spritzen beschlagnahmen. Seit Anfang Juli ermittelt nun auch die Polizei in Spanien. Laut der Zeitung «El Mundo» ereigneten sich über zwanzig der kürzlich gemeldeten Nadelattacken in der nordostspanischen Region Katalonien, die an Frankreich grenzt.
Was steckt hinter dem sogenannten Needle Spiking?
Laut Thomas Krämer, Professor am Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich, ist bisher wenig bekannt, welche Substanzen beim «Needle Spiking» verwendet werden. Auch wissenschaftliche Arbeiten zum Thema gebe es keine. «Bislang lässt sich nur spekulieren», sagt auch Psychologe Felix Hof. In Betracht kommen vier Motive. «Einerseits könnte der Täter nach Aufmerksamkeit streben. Dabei sucht er den Nervenkitzel und will provozieren», so Hof. Ebenfalls möglich sei ein sadistisches Motiv. «Der Täter will anderen Schmerzen zufügen und Angst und Panik verbreiten.» Auch ein regulierendes Motiv komme in Frage. Hierbei will der Täter laut Hof Unsicherheit schaffen und die Szenedichte im Nachtleben regulieren. Das vierte Motiv könnte ein sexuelles sein. «Das wäre nichts Neues – ausser, dass die Substanzen nun anhand einer Spritze verabreicht werden.» Durch ihre Taten erhalten die Täter persönliche Grösse. «Es gibt ihnen ein Machtgefühl über die Clubs und die Personen, die sie gestochen haben.»
Welche Rolle spielt der Nocebo-Effekt?
Laut Thomas Krämer, Professor am Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich, muss es sich nicht zwingend um ein toxikologisches Problem handeln. «Die Injektion ins Gewebe unterscheidet sich von der intravenösen Gabe. Während letztere fast direkt zu einer Wirkung führt, müssen die Wirkstoffe bei der Injektion ins Gewebe eine oder mehrere biologische Membranen überwinden, bevor sie in den Blutkreislauf gelangen.» Dabei seien nur kleine Volumina und eher dünne Kanülen denkbar. Um einen echten pharmakologischen Effekt zu erzielen, müssten hochpotente Wirkstoffe eingesetzt werden. Eine heimliche Verabreichung mit dickeren Kanülen sei für den Laien nicht ohne weiteres durchführbar. Grund: Beim Empfinden eines Stichs reagieren Betroffene reflexartig und ziehen das betroffene Körperteil zurück. Ein wichtiger Faktor könnte deshalb auch der Nocebo-Effekt sein. «Bemerkt das Opfer einen Einstich, kann es durch die negative Erwartungshaltung zu Symptomen kommen, ohne dass es eine Substanzaufnahme gegeben haben muss. Patienten können kollabieren und müssen in die Notaufnahme gebracht werden», so Krämer. Nichtsdestotrotz stelle die Verletzung mit einer Spritze, auch ohne Einbringung eines Wirkstoffs, juristisch eine Körperverletzung dar.
Wer sind die Betroffenen und wie können sie sich schützen?
Wie Psychologe Felix Hof erklärt, sind hauptsächlich Frauen betroffen. «Um sich zu schützen, sollten sie sich im Club oder in der Bar nur in Gruppen aufhalten, sich gegenseitig beobachten und unterstützen. Ist eine zwielichtige Person in der Nähe, sollten sie auf Distanz gehen», so Hof. Wichtig ist: Die Betroffenen sollen sich outen und nach dem Stich schnellstmöglich untersuchen lassen. «So kann herausgefunden werden, welche Substanzen injiziert wurden», sagt Hof. Ebenfalls sollen die Opfer Strafanzeige gegen Unbekannt einreichen.
Gab es schon Fälle in der Schweiz?
Der Kantonspolizei Waadt wurden etwa zehn Fälle gemeldet. Laut einem Sprecher haben Analysen jedoch keine Hinweise auf Giftstoffe oder Drogen ergeben. Ein Grund dafür könnte sein, dass sich einige Wirkstoffe nur einige Stunden nach einer Injektion nachweisen lassen. «Betroffene müssen deshalb möglichst rasch zum Arzt, um eine Blut- und Urinprobe zeitnah zu asservieren. Dabei muss auch die Injektionsstelle untersucht und fotografisch dokumentiert werden», sagt Thomas Krämer, Professor am Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich. Ein Auftrag zur Analyse in einem rechtsmedizinischen Institut müsse dann über die Staatsanwaltschaft nach einer Anzeige durch das Opfer erfolgen. Dem Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich liegen derzeit keine Fälle vor. Es sei aber wichtig, darüber zu berichten und über das Thema zu informieren, damit mögliche Verdachtsfälle gemeldet werden.
Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?
Hier findest du Hilfe:
Polizei nach Kanton
Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz
Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche
Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein
Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer
LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133
Alter ohne Gewalt, Tel. 0848 00 13 13
Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
Beratungsstellen für gewaltausübende Personen
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