Heuscher tritt abDer letzte der alten Garde geht
Die Schweizer Beachvolleyball-Szene verliert die letzte Figur der alten Garde. Patrick Heuscher tritt nach 15 Jahren auf der World Tour (davon 12 als Profi) zurück.
Mit Patrick Heuscher hat sich auch der letzte Schweizer Beachvolleyballer der «alten Garde» entschieden, seine Karriere zu beenden. Der Olympia-Dritte von 2004 versucht, in der Finanzwelt Fuss zu fassen.
Nach Sascha Heyer, Martin Laciga und Jefferson Bellaguarda verliert die Sportart die letzte prägende Schweizer Figur der letzten Jahre. Nach dem Rücktritt seines Partners Bellaguarda war schon länger darüber spekuliert worden, ob auch der 36-jährige Thurgauer aufhören wird. Gestern Freitag gab Heuscher nun bekannt, dass er nach 15 Jahren auf der World Tour (davon 12 als Profi) dem Sport den Rücken kehren wird.
Heuscher hätte sich zwar durchaus vorstellen können, in einer «Light Version» noch ein Jahr auf der europäischen oder der nationalen Tour weitermachen zu können. Als aber das Angebot kam, am Institut für Finanzdienstleistungen in Zug ein Weiterbildungsstudium im Private Banking zu beginnen, fasste er den Entscheid. «Seit rund drei Wochen weiss ich, dass ich nicht beide Dinge parallel führen kann. Mir war aber schon früher klar gewesen: Wenn ich etwas finde, was ich neben dem Sport machen kann und was mich auch befriedigt, würde ich aufhören.» Seine neue Aufgabe ist trotz nur einer Woche Schule pro Monat ein Vollzeitjob. Heuscher hat sich im Vergleich mit den Mitstudenten, «die seit zehn Jahren auf einer Bank arbeiten», auf den selben Wissensstand zu bringen.
Seinen Kommilitonen hat er den sportlichen Erfolg voraus. Und Heuschers Verdienste für das Beachvolleyball sind gross. Mit Stefan Kobel gewann er 2004 in Athen Olympia-Bronze. Dies ist bis heute die einzige Schweizer Beachvolleyball-Medaille an Sommerspielen geblieben. Im selben Jahr holte er an der Seite seines ersten Partners den ersten von drei Turniersiegen auf der World Tour und stand er bei fünf weiteren Anlässen (u.a. an der EM) ebenfalls auf dem Podest. Auch am Grand Slam von Paris (2005) und in Roseto (2006) schafften es Heuscher/Kobel ganz nach oben. Als Kobel 2006 zurücktrat, bildete Heuscher mit Sascha Heyer ein menschlich wie sportlich prima harmonierendes Tandem, das gleich zu Beginn der Partnerschaft in Schanghai (3.) und Zagreb (2.) die grössten Erfolge feierte.
Auch mit Bellaguarda, während der letzten zwei Jahre, verstand sich Blockspieler Heuscher ausgezeichnet, auf und neben dem Feld. Und erneut kamen die guten Resultate schnell. In Peking wurden sie 2011 Dritte, in Moskau Zweite. «Am Grand Slam in Moskau befand ich mich auf meinem mit Abstand höchsten Niveau, taktisch wie spielerisch. Der Sieg im Halbfinal gegen Rogers/Dalhausser (Weltmeister und Olympiasieger aus den USA - Red.) kam in jenem Spiel zustande, das ich am längsten in Erinnerung haben werde. Dort hatten wir, leider sehr früh, unser höchstes Niveau erreicht.» Überhaupt bezeichnet Heuscher das Jahr 2011 als jenes, das ihm sportlich am meisten gab. «Zeitweise spielten wir wie aus einem Guss. Das war, was ich mir immer erträumt hatte. Wir haben alles ausgereizt.»
Paradoxer Erfolg
Von schweren Verletzungen blieb der achtfache Schweizer Meister Zeit seiner Karriere verschont, nach 15 Jahren Sport spürt er keine Verschleisserscheinungen. Und doch bleibt längst nicht alles in positiver Erinnerung. Erstaunlicherweise gehört die sportlich erfolgreichste Zeit in diese Kategorie. Heuscher erzählt davon, wie die Olympia-Medaille in Athen «ein absolutes Highlight» war, der Gewinn dieser Auszeichnung aber allein gefeiert wurde. Die internen Differenzen wurden quasi unter Verschluss gehalten. «Wir haben uns nie wirklich verstanden und wollten gleichwohl erfolgreich sein. Auf dem Court hat das funktioniert, aber es war für beide extrem anstrengend», resümierte Heuscher.
Zu sagen, Heuscher sei sich ab und zu auch selber im Weg gestanden, ist gewiss keine Lüge. Der Thurgauer, der einst von sich gesagt hatte, vor allem vor 2008 manchmal ein Träumer gewesen zu sein, gilt als sehr sensibler Mensch. Einer, der sehr selbstkritisch war und viel nachdachte. «Oft zu viel», wie Heuscher anfügt. «Ich bin weit davon entfernt zu glauben, dass ich je ein einfacher Spieler war. Weder für meine Partner, für den Verband, für Gegenspieler oder für meine Partnerin.»
Finanzen und Tennis
Statt auf den Beachvolleyball-Courts wird Heuscher vielleicht bald Spuren im Finanzsektor hinterlassen. Schon bald reist er nach Hongkong, um bei einem ehemaligen Schulkollegen zu hospitieren und sich so gewissermassen seine Sporen abzuverdienen. Der Frauenfelder, mittlerweile im autofreien Kehrsiten am Vierwaldstättersee wohnhaft, will sich einen tiefen Einblick verschaffen, wie Finanz und Weltpolitik zusammenhängen. Beachvolleyball dürfte, so hat er es zumindest geplant, künftig eine eher marginale Rolle in seinem Leben einnehmen. Durch Freundin Tanja Goricanec, die mit Tanja Hüberli ein Gespann bildet, bleibt er dem Sport emotional verbunden, eine Trainer-Laufbahn oder dergleichen schliesst Heuscher nach aktuellem Stand aus. Dafür wird er mit den Jungsenioren des Tennisclubs Stansstad die eine oder andere Interclub-Partie bestreiten. Mit Bällen, die über Netze fliegen (sollten), hat er ja reichlich Erfahrung. (fox/si)