Gesundheitsbranche warntDer Schweiz gehen lebensnotwendige Medikamente aus
2019 gab es in der Schweiz einen Versorgungsengpass bei 673 Medikamenten. Bei einem Drittel war die Lage kritisch, weil es keine Ersatzpräparate gab. Corona verstärkt den Mangel.
Darum gehts
Die Schweiz steht für Big Pharma: Roche und Novartis gehören zu den weltweit grössten Pharmamultis. Trotzdem leide man hierzulande an Lieferproblemen – die immer grösser werden, wie Mathias Früh, Leiter Gesundheitspolitik bei Helsana, am Mittwoch bei der Präsentation des 8. Arzneimittelreports sagt.
Erstmals untersuchte die Krankenversicherung die Medi-Lieferprobleme. 2019 herrschte für 673 Produkte ein Versorgungsengpass. Glücklicherweise habe man den Mangel mit anderen Packungsgrössen oder Dosierungsstärken ausgleichen können.
Bei einem Drittel jedoch waren Medikamente betroffen, für die es wenige bis keine Alternativen gab. «Die Zahl der Lieferengpässe nimmt seit Jahren zu und ist zunehmend besorgniserregend», erklärt Helsana-Experte Früh.
Als Auslöser der Lieferprobleme sieht Helsana einen weltweiten Rückgang der Hersteller und die dadurch resultierende Konzentration der Produktion auf nur wenige Standorte. Bei einem Ausfall etwa durch einen Fabrikbrand triffts dann die gesamte globale Lieferkette.
Corona hat die Lieferprobleme noch verstärkt
Seit Corona wurden die Lieferprobleme laut Früh noch sichtbarer. Es brauche darum eine Auslegeordnung, um der globalen Herausforderung angemessen zu begegnen. Es muss laut Früh etwa diskutiert werden, ob Liefergarantieren oder die Lagerhaltung optimiert werden müssen.
Zudem brauche es mehr Medikamentenvielfalt im Land. Denn bei den Nachahmerpräparaten hinkt die Schweiz hinterher. 23 Prozent beträgt die Schweizer Generika-Quote, in Deutschland sinds rund 80 Prozent. So gibt es etwa für das Blutdrucksenkmittel Isoptin hierzulande keine Generika, in Deutschland aber vier.
Ärzte sollen nicht mehr automatisch die teuersten Medis abgeben
«Der Schweizer Markt ist zu klein und bevorzugt Originalmedikamente», sagt Früh. Deshalb sei den Generika-Herstellern der Aufwand für einen hiesigen Markteintritt zu gross und sie würden gar nicht erst eine Zulassung in der Schweiz beantragen.
Der Bundesrat müsse Anreize für die Generika-Hersteller schaffen, indem er die geltende Margenverordnung bei Medikamenten neu regelt. Ärzteschaft und Spitäler sollen nicht mehr wie bisher einen Prozentsatz des Medikamentenpreises bei der Abgabe an Patientinnen und Patienten erhalten, sondern einen fixen Betrag. Dann würde die Wahl nicht mehr automatisch auf das teuerste Medikament mit der höchsten Marge fallen.
Hunderte Millionen Franken Einsparpotenzial pro Jahr
Mit mehr Anbietern soll nicht nur die Versorgung verstärkt werden. Helsana-Experte Früh glaubt, dass sich so auch die steigenden Kosten im Gesundheitswesen um mehrere Hundert Millionen Franken im Jahr einsparen lassen.
Eine breite Allianz aus Versicherern und Leistungserbringern setze sich beim Bundesrat für eine Änderung der Margenordnung ein. Comparis-Experte Felix Schneuwly unterstützt die Forderung. Allerdings reiche das nicht aus. «Es braucht ein Massnahmenpaket, um die Medikamentenversorgung sicherzustellen», sagt er (siehe Interview).