«Der Täter wollte den Tod seines Bruders rächen»

Aktualisiert

Bluttat in Moschee«Der Täter wollte den Tod seines Bruders rächen»

Während des Freitagsgebets wurde heute in einer St. Galler Moschee ein Mann erschossen. Der Täter soll Blutrache für den Tod seines Bruders geübt haben.

pwe/vro/lgh/tso/lüs
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In der El-Hidaje-Moschee im Stadtteil Winkeln in St. Gallen wurde am Freitag geschossen - ein Mann starb. Die Kantonspolizei informierte über den Mord. Bei der Stadtpolizei sei die Meldung eingegangen, dass in der Moschee Schüsse gefallen seien. Eine Patrouille, die Minuten später vor Ort ankam, traf auf einen Mann mit einer Faustfeuerwaffe, sagt Kapo-Sprecher Gian Andrea Rezzoli. Im Gebetsraum wurde schliesslich eine männliche Leiche entdeckt. Eine Person musste von Sanitätern behandelt werden.

Es seien weitere Personen vor Ort gewesen. Einer davon hat die Moschee fünf Minuten vor der Schiesserei verlassen, wie er 20 Minuten erklärt. Seine Familie sei jedoch drin geblieben. «Ich habe Angst, dass es sich beim Toten um einen meiner Angehörigen handelt», sagt er. Im Innern seien 300 Leute beim Freitagsgebet gewesen. «Dass so etwas ausgerechnet in einer Moschee passiert ist, ist sehr schade.»

Es ging um eine 18 Jahre zurückliegende Tat

Laut Aussagen von mehreren Mitgliedern der Moscheegemeinde soll es sich beim Motiv um Blutrache handeln. Das bestätigt auch Fehim Dragusha, der bis vor wenigen Jahren Imam der El-Hidaje-Moschee war. Er sagt zu 20 Minuten: «Ich habe gehört, dass der Täter sich für eine Bluttat gerächt hat, die der Bruder des Opfers vor 18 Jahren begangen hat.»

Dragusha hat im Jahr 2011 in seiner damaligen Funktion als Imam der El-Hidaje-Gemeinde die Familie des heutigen Opfers in ihrem Zuhause in St. Gallen besucht. «Er war ein ruhiger Mann - dass ihnen die Blutrache droht, wusste ich nicht.» Der Täter sei seines Wissens kein Mitglied der El-Hidaje-Gemeinde und lebe auch nicht in der Stadt St. Gallen.

Kanun schreibt Rache vor

Kanun, das seit Jahrhunderten überlieferte albanische Gewohnheitsrecht, schreibe vor, dass man die Tötung eines Familienmitglieds an der Familie des Täters rächen müsse, so Dragusha. «Aber wir müssen den Kanun vergessen, er schafft nur Probleme. Und wir dürfen diese Probleme aus dem Heimatland nicht in die Schweiz tragen.»

Noch mehr als die Tat selber schockiert Dragusha die Tatsache, dass es in einer Moschee passierte: «Dorthin geht man, um zu beten, und man nimmt keine Waffe mit.» Bei einem Freitagsgebet seien zudem auch Frauen und Kinder anwesend. Man müsse nun gemeinsam mit der Polizei klären, was für Massnahmen ergriffen werden könnten, um solche Taten zu verhindern. «Nach diesem Vorfall hätte ich in der Moschee, in der ich jetzt tätig bin, am liebsten einen Metalldetektor am Eingang.»

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