Gipfel in LibyenDie Geduld der Araber mit Israel ist am Ende
Die arabischen Staaten sind vom Westen enttäuscht und wollen bei der Lösung des Nahostkonflikts künftig auf die Zusammenarbeit mit Nachbarn wie der Türkei und Iran setzen.

Die arabischen Führer und ihre Delegation unmittelbar vor der Eröffnung des Gipfels in Sirte (Libyen).
Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Amr Mussa, forderte die Mitgliedsstaaten auf, eine Alternative zu den jetzigen Nahost- Friedengesprächen zu entwickeln. «Wir müssen die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass der Friedensprozess komplett scheitern könnte», sagte Mussa am Samstag in seiner Eröffnungsrede zu dem zweitägigen Gipfeltreffen in der libyschen Stadt Sirte.
«Wir müssen Alternativpläne erstellen, denn die Situation hat einen Wendepunkt erreicht,» sagte Mussa. Bislang habe die Liga den Einsatz von Vermittlern und einen Friedensprozess mit offenem Ausgang akzeptiert. «Aber dadurch ging Zeit verloren», sagte der Generalsekretär. «Wir haben nichts erreicht, und das hat es Israel erlaubt, 20 Jahre lang seine Politik zu verfolgen.»
Die arabischen Staaten müssten jetzt schnell agieren, da Israel versuche, durch den Bau jüdischer Siedlungen im arabischen Ostteil von Jerusalem und andere Massnahmen Fakten zu schaffen, die später nur noch schwer aus dem Weg zu räumen seien.
Mussa sprach sich für eine stärkere Rolle der Nachbarstaaten Türkei und Iran aus. «Wir wollen einen Dialog mit den Nachbarstaaten, in dem die Türkei eine führende Rolle spielen kann», sagte Mussa.
Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, der ebenfalls zu dem Gipfel eingeladen worden war, erklärte: «Heute ist nicht der Tag, um untätig zu trauern, sondern wir müssen dagegen etwas unternehmen.»
Gaddafi hätte gern mehr Macht
Der sonst für seine aufrührerischen Reden berühmte Gastgeber des Gipfels, Libyens Oberst Muammar Gaddafi, hielt sich diesmal zurück.
Gaddafi, der in der Liga nun für ein Jahr den Vorsitz hat, sagte, es sei bedauerlich, «dass man in dieser Position keine echten Machtbefugnisse hat».
Acht Staatschefs blieben dem Gipfeltreffen fern, zum Teil wegen alter Konflikte mit Gaddafi. Der ägyptische Präsident Husni Mubarak, der sich nach einer Gallenblasenoperation noch schonen muss, hatte Ministerpräsident Ahmed Nazif nach Sirte geschickt.
Am Sonntag wollen die Liga-Staaten eine gemeinsame Erklärung verabschieden, in der es vor allem um die Lage der Palästinenser und den Schutz von Ostjerusalem gehen soll.
Selbstkritik aus Katar
Der Emir von Katar, Scheich Hamad bin Chalifa al-Thani, forderte die arabischen Staaten zur Selbstkritik auf. Er sagte: «Die Meinungsverschiedenheiten zwischen den arabischen Staaten haben in den vergangenen Jahren eine erfolgreiche gemeinsame Politik verhindert.»
Dies müsse sich ändern. Es dürfe nicht sein, dass die Araber nicht einmal in der Lage seien, die Blockade des palästinensischen Gazastreifens zu beenden. (sda)
Araber gefährden US-Strategie
Nach Ansicht arabischer Beobachter könnte die Strategie der USA, die den Iran isolieren und mit weiteren Sanktionen zu Zugeständnissen im Atomstreit bewegen wollen, durch die mögliche Neuausrichtung der arabischen Politik behindert werden. Gleichzeitig sinken auch die Chancen auf eine Verständigung zwischen Israel und den Arabern.
Die Nahost-Friedensgespräche kommen seit Monaten nicht voran. Israel ist zuletzt auch von seinem engen Verbündeten USA für Pläne scharf kritisiert worden, neue jüdische Siedlungen im Westjordanland nahe Ost-Jerusalem zu bauen. Am Freitag kam es zu heftigen Gefechten zwischen radikalen Islamisten und israelischen Soldaten im Gazastreifen.