Prozess gegen P. F.«Eine bedingte Strafe wäre ein Freipass, weitere Menschen zu töten»
Am Dienstag findet der Berufungsprozess gegen P. F. statt. Weil er bekifft Auto gefahren ist, kollidierte er 2017 bei Domat/Ems mit dem Roller von Larissa Caviezel, die dabei getötet wurde. Larissas Familie hofft, dass F. ins Gefängnis muss.

Larissa Caviezel starb mit 26 Jahren, weil ein mehrfach vorbestrafter Autofahrer bekifft beim Überholen frontal mit ihr kollidiert war.
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2017 wollte P. F. bekifft zwei Autos überholen. Dabei prallte er in den Roller von Larissa Caviezel, damals 26 Jahre alt.
Larissa erlag noch am Unfallort ihren Verletzungen.
F. wurde erstinstanzlich zu sechs Jahren unbedingter Freiheitsstrafe verurteilt. Dagegen hat er Berufung eingelegt.
Am kommenden Dienstag kommt es erneut zum Prozess. Larissas Familie schildert, wie sie die Zeit erlebt hat und welche Erwartungen sie an das Justizsystem der Schweiz haben.
Mit der dreifachen Menge der erlaubten THC-Konzentration im Blut fuhr P. F.* am 18. Januar 2017 bei Domat/Ems frontal in den Roller von Larissa Caviezel. Die damals 26-Jährige wurde 43 Meter weggeschleudert und erlag noch am Unfallort ihren Verletzungen. Es war nicht der erste Unfall von F. mit tödlichen Folgen für andere: F. musste bereits viermal sein Billett abgeben. Seit 1997 verursachte der Italiener drei Verkehrsunfälle und einen Beinahe-Unfall, für die er verurteilt wurde. Bei einem der Unfälle verstarb eine Person. Mehrere wurden verletzt.
Wegen Tötung mit Eventualvorsatz wurde F. im April 2019 zu einer unbedingten sechsjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Gegen diese hat er Berufung eingelegt. Gemäss der Berufungserklärung fordert F., dass seine Haftstrafe von sechs Jahren auf 16 Monate reduziert wird – bedingt. Dies würde bedeuten, dass er seine Haftstrafe nicht antreten müsste.
«F. hat sich nie entschuldigt»
Am Prozess anwesend sein werden auch Larissas Vater Heinz Caviezel, Anita Caviezel und ihre ältere Schwester Michaela Schloz-Caviezel. «Meine Schwester fehlt mir seit viereinhalb Jahren jeden Tag. Wenn ein Mensch plötzlich aus dem Leben gerissen wird, der vorher immer da war, kann man damit nie ganz abschliessen», sagt Schloz-Caviezel. Dennoch hoffe sie, dass am Dienstag zumindest ein Kapitel dieser Geschichte abgeschlossen werden könne: «Die erstinstanzliche Strafe von sechs Jahren unbedingt ist die Mindeststrafe. Ich hoffe, dass diese Strafe am Dienstag nicht abgeschwächt wird.»
Das Verhalten von F. kann Schloz-Caviezel nicht nachvollziehen: «Wenn ich mit meinem Auto zwei Menschen getötet und dafür meine gerechte Strafe erhalten hätte, würde ich mich dieser Strafe nicht zu entziehen versuchen, indem ich das Urteil anfechte.» F. habe sich während des ganzen Prozesses nie bei Larissas Familie entschuldigt. «Er zeigt keine Reue und ich glaube, er sieht auch nicht ein, dass es seine Schuld war. Auch wenn er sich jetzt noch entschuldigen würde, könnte ich das nicht mehr ernst nehmen», sagt Schloz-Caviezel.
«Niemand kann etwas am Tod meiner Schwester ändern»
Die letzten viereinhalb Jahre seien für die Familie schwierig gewesen: «Meine Schwester ist tot und niemand kann daran etwas ändern. Doch zu wissen, dass der Täter noch jahrelang frei herumläuft und sein Leben ganz normal weiterlebt, war für uns nicht einfach», sagt Schloz-Caviezel. Auch, dass F. den Prozess um zweieinhalb Jahre verschieben konnte, indem er das erstinstanzliche Urteil angefochten hatte, stört sie.
Die Familie hofft jetzt, dass das Kantonsgericht den Schuldspruch bestätigt und F. ins Gefängnis muss: «Sollte es zu einem abgemilderten Urteil oder sogar zu einer Freiheitsstrafe auf Bewährung kommen, wäre das ein Freipass für F., weitere Menschen zu töten. Raser können Leben zerstören und ihre Autos sind dabei die Waffen. Davor muss die Gesellschaft geschützt werden, indem mit aller Härte des Gesetzes gegen Raser vorgegangen wird», sagt Schloz-Caviezel.
«Wir möchten dieses Kapitel abschliessen»
Auch Vater Heinz versteht nicht, weshalb der Täter nicht zu seinem Vergehen steht und die Strafe akzeptiert: «Natürlich ist es grundsätzlich legitim, dass er versucht, eine möglichst milde Strafe zu erhalten. Doch die Schuldfrage ist zweifelsfrei bewiesen. Unter einem moralisch korrekten Verhalten stelle ich mir etwas anderes vor.»
«Nichts bringt mir meine Tochter zurück. Aber wenn die eigene Tochter im Strassenverkehr völlig unschuldig getötet wird, fragt man sich schon, was denn in der Schweiz der Preis für ein Menschenleben ist.» Die Öffentlichkeit solle auf die Gefahr und oft tödlichen Folgen von Raserdelikten aufmerksam gemacht werden. Caviezel hofft jetzt, dass die Strafe am Dienstag bestätigt wird. «Auch wenn unser Schmerz nie ganz weg gehen wird. So hätten wir wenigstens die Bestätigung, dass unser Justizsystem einigermassen funktioniert und ein solcher Wiederholungstäter nicht noch geschützt wird. Gerechtigkeit kann es in diesem Zusammenhang für uns nicht geben. Der Täter hat Larissa das Leben und damit ihre Zukunft genommen.»
* Name der Redaktion bekannt
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