Erster Kaiserschnitt in Basel endete tödlich

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AusgrabungenErster Kaiserschnitt in Basel endete tödlich

Ausgrabungen im St. Johanns-Park gewähren einen einmaligen Einblick in Basels Unterschicht vor 200 Jahren. Hunger und Elend waren keine Seltenheit.

Matthias Kempf
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Matthias Kempf
Zurzeit finden im St. Johanns Park Rettungsgrabungen statt, da die IWB eine neue Leitung baut. Die Archäologen erhoffen sich einen Einblick in den Alltag der Basler Unterschicht vor 200 Jahren.
Die Gräber werden fein säuberlich dokumentiert. Anhand von historischen Plänen und Krankenakten kann jedes Skelett identifiziert werden.
Zum Trocknen lagern die einzelenen Knochenteile in einem Plastikbehälter.
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Zurzeit finden im St. Johanns Park Rettungsgrabungen statt, da die IWB eine neue Leitung baut. Die Archäologen erhoffen sich einen Einblick in den Alltag der Basler Unterschicht vor 200 Jahren.

Universität Basel / Roland Schmid

Es müssen harte Zeiten für die einfachen Büezer gewesen sein, als 1815 der indonesische Vulkan Tambora ausbrach. Die Folge war ein kühles Klima und eine katastrophale Ernte. Diese wiederum resultierte in Hunger und Verarmung, wie die Archäologen anhand von Skelettproben auf dem ehemaligen Spitalfriedhof des Basler Bürgerspitals herausfanden. 2500 Menschen aus der Unterschicht wurden dort im 19. Jahrhundert bestattet. Dank der erhaltenen Krankenakten und dem Gräberplan können die Skelette eindeutig identifiziert werden. So lassen sich die Geschichten dieser Menschen rekonstruieren.

Die Näherin und Magd Babette Sacher war 25 Jahre alt, als sie am 4. Dezember 1865 mit Wehen ins Spital kam. Aufgrund einer Fehlfunktion der Schilddrüsen war sie nur 122 cm gross und hatte ein zu kleines Becken für eine normale Geburt. «Die Ärzte entschieden sich zu einem damals mutigen Schritt», erzählt die Kantonsarchäologin Andrea Hagendorn. Sie holten das Kind per Kaiserschnitt heraus. Es war der erste dokumentierte Kaiserschnitt in Basel. «Wahrscheinlich übten die Ärzte zuvor an Leichen», so Hagendorn. Das Kind kam gesund auf die Welt und auch Babette Sacher überstand den Eingriff – sie verstarb jedoch einen Tag später an den Folgen einer Lungenembolie.

Einblick in Basels Unterschicht

Die Erkenntnisse des Lebens von Babette Sacher stammen von einer Grabung, die Ende der 80er-Jahre durchgeführt wurde. Da im St. Johanns Park zurzeit eine Hochtemperaturleitung gebaut wird, führt die Archäologische Bodenforschung zusammen mit der Universität Basel eine Rettungsgrabung durch. Bis Ende Monat sollen rund 50 Gräber freigelegt und geborgen werden. «Wir wollen einen detaillierten Einblick in das Leben der Basler Unterschicht vor 200 Jahren erhalten», sagt Gerhard Hotz vom Departement der Umweltwissenschaften der Universität Basel.

Er war bereits bei den Ausgrabungen in den 80er-Jahren dabei und betont die verbesserten Möglichkeiten, die man heute zur Identifikation habe: «Mit den DNA-Proben und einer moderneren Dokumentationstechnik können wir mehr Details über das Leben der Verstorbenen erfahren.» Hotz erhofft sich vor allem neue Erkenntnisse über die Krankheiten und die Krankheitsverläufe vor 200 Jahren. Insbesondere Syphilis, das damals noch für viele Menschen das Todesurteil bedeutete.

Führung durch die Gräber

Im Rahmen der aktuellen Ausgrabungen laden die Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt sowie die Universität Basel die Bevölkerung dazu ein, einen Augenschein zu nehmen. Am Samstag, dem 11. April werden von 10 bis 17 Uhr Kurzführungen zu den Grabungen im St. Johanns Park sowie zum Spitalalltag vor 100 Jahren durchgeführt. «Man wird den Archäologen einen Blick über die Schulter werfen können und lernen, wie alte Krankenakten gelesen und transkribiert werden», erzählt Andrea Hagendorn. Im Pavillon des St. Johanns Park wird eine kleine Ausstellung zu sehen sein, in der Einzelschicksale, wie jenes der Näherin und Magd Babette Sacher, dokumentiert werden.

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