UmweltgiftEwige PFAS-Chemikalien lauern auch in Hotelbetten
Nach einem langen Tag unterwegs ist ein frisch gemachtes Hotelbett ein Segen. Doch unter vielen Leintüchern verbirgt sich eine reale Gefahr für die Umwelt.
Darum gehts
Die Matratzen vieler Hotelbetten stecken in einem Schonbezug, auch Encasing genannt.
Viele Encasings enthalten Stoffe aus der Gruppe der PFAS.
Das Problem: PFAS sind extrem langlebig und werden deshalb «ewige Chemikalien» genannt.
Sie reichern sich in der Umwelt an und können durch Hautkontakt, die Atemwege oder die Nahrung aufgenommen werden.
Bettenexperte Jens Rosenbaum fordert deshalb von den Hotels, auf Encasings zu verzichten.
Chemikalien aus der Gruppe der per- und polyfluorierten Chemikalien, kurz PFAS, sind praktisch, da sie Schmutz und Wasser abweisen. Deshalb kommen sie in vielen Produkten wie Lebensmittelverpackungen, Jacken und Shampoos vor (siehe Box). Doch es gibt ein Problem: Die Chemikalien sind extrem langlebig und reichern sich in der Umwelt an. Ausserdem gelten einige davon als gesundheitsschädlich.
PFAS sind also nichts, mit dem man sich sein Bett teilen will. Doch genau das muss man in vielen Hotels in Kauf nehmen. Schuld sind Schonbezüge, auch Encasings genannt, die Hotels einsetzen, um Matratzen vor menschlichen Ausdünstungen sowie Allergiker vor Hausstaubmilben zu schützen. Das berichtet der Bettenexperte Jens Rosenbaum. In einer Studie kam er zum Schluss, dass bei 90 Prozent aller getesteten Hotelbetten solche Encasings zum Einsatz kommen.
PFAS als Gefahr für die Umwelt
Diese Matratzenschoner sind meist mit einer Membranfunktion ausgestattet, die einen Luftaustausch und so einen angemessenen Schlafkomfort ermöglicht. Erkauft werde diese Eigenschaft oftmals durch den Einsatz von Chemikalien der Gruppe der PFAS in der Textilie, schreibt Rosenbaum: «Es handelt sich dabei meist um einen Cocktail an synthetisch hergestellten, organischen Stoffen, die so in der Natur aber nicht vorkommen.»
Rosenbaum weist darauf hin, dass sich diese als Ewigkeitschemikalien bezeichneten Stoffe in der Umwelt nicht mehr zersetzen. «Die rund 90 Prozent der Hotels, die ein Encasing mit einer entsprechenden Membranfunktion im Einsatz haben, setzen sich, sofern PFAS zum Einsatz gekommen sind, potenziell der Gefahr aus, dadurch nachhaltig die Umwelt zu schädigen», so der Experte.
Gefährliche Stoffe
Zur Gruppe der per- und polyfluorierten Chemikalien, kurz PFAS, gehören mehrere Tausend Chemikalien. Weil sie Schmutz und Wasser abweisen, werden sie unter anderem in Lebensmittelverpackungen wie beispielsweise Pizzakartons eingesetzt, aber auch in Shampoos, Reinigungsmitteln, Farben und Lacken oder beschichteten Pfannen und Jacken. Da PFAS extrem langlebig sind, reichern sie sich in der Umwelt an. Der Mensch nimmt die Chemikalien über die Haut oder die Atemwege sowie über die Nahrung auf. Einige Studien kommen zu dem Schluss, dass PFAS Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit haben oder zu Entwicklungsverzögerungen bei Kindern führen können. Auch ein erhöhtes Risiko für bestimmte Krebsarten wird angeführt.
Bei einer Untersuchung des deutschen Umweltbundesamts im vergangenen Jahr wurden PFAS in zu hohen Mengen im Blut von Kindern und Jugendlichen gefunden. Bei bis zu einem Viertel der Jugendlichen sei die Konzentration im Körper so hoch gewesen, dass «gesundheitliche Wirkungen nicht mehr mit ausreichender Sicherheit ausgeschlossen werden können», hiess es.
Waschbare Matratzen verwenden
Auch in Bezug auf die Hygiene vermögen die Encasings laut Rosenbaum nicht zu überzeugen. Denn die Schmutzeinträge könnten in solch einer dünnen Schicht nicht versickern, sie würden sich konzentrieren, schreibt Rosenbaum auf Hotelinside.ch. Deshalb müssten sie regelmässig gereinigt werden, was aber mancherorts nicht geschehe.
Rosenbaum plädiert dafür, dass Hotels anstelle von möglicherweise mit PFAS belasteten Encasings waschbare Matratzen oder zumindest solche mit abnehmbaren, waschbaren Bezügen verwenden. «Oder Moltons aus Baumwolle, wie früher», ergänzt Rosenbaum im Gespräch mit 20 Minuten. Speziell die Moltons müssten dann aber auch regelmässig gewaschen werden und in Abständen auch die Matratzenbezüge oder gar die Matratzenkerne. Aber wie auch für die Bettwäsche gebe es hier längst Lösungen und Angebote der Zulieferindustrie, doch die Hotellerie scheue die Kosten. «Lieber ein billiges Stück Plastik, welches dann auf den Müll kommt, statt nachhaltiges Handeln», so Rosenbaum.
Das kann ich als Gast tun
Wie muss ich nun als Hotelgast vorgehen, damit ich meine Nacht nicht auf einem möglicherweise PFAS-belasteten Encasing verbringen muss? Rosenbaum erklärt auf Anfrage, dass man am einfachsten beim Hotelmanagement fragt, ob Encasings verwendet werden und wenn ja, aus welchen Materialien sie bestehen. Im besten Fall verwendet ein Hotel schadstoffgeprüfte und Öko-Tex-zertifizierte Materialien.
Rosenbaum selbst prüft im Hotelzimmer jeweils, ob eine Matratze ein Encasing hat und aus welchem Material es gemacht ist. «Ist es ein Plastikschoner, dann nehme ich ihn einfach weg», sagt er. Schliesslich sei niemand verpflichtet, so zu schlafen, wie es das Hotel vorgebe. Für sein Geld sollte man auch anständig schlafen können.
Viele Sterne sind bei einem Hotel laut Rosenbaum übrigens keine Garantie, dass keine oder schadstofffreie Encasings eingesetzt werden. Auch im Luxussektor werde teilweise bei den Betten gespart. Um Hotelgästen eine Entscheidungsgrundlage bezüglich Bettenqualität einzelner Hotels zu geben, erstellt Rosenbaum derzeit zusammen mit der Fachzeitschrift «Cost & Logis» einen Hotelbetten-Report, der aufzeigt, «wo ich für mein Geld den besten Schlaf erhalte».
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