Fangewalt in der Schweizer Super League: Gewaltexperte ordnet ein

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Fussball-Ultras«Wir befinden uns in einer Eskalationsspirale»

Gewaltbereite Fussballfans sorgen derzeit wieder für Negativschlagzeilen. Gestern Abend kam es in Schwamendingen beispielsweise zu wüsten Szenen zwischen GC- und FCZ-Anhängern. Der Gewaltexperte Dirk Baier ordnet die aktuelle Lage zur Fangewalt ein. 

Am Samstagabend griffen mehrere Dutzend Unbekannte, vermutlich FCZ-Fans, das Tram voller GC-Fans an. 

TeleZüri/ZüriToday

Darum gehts

  • Fussball-Ultras sorgen wieder für Negativschlagzeilen.

  • Am Samstagabend kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen GC- und FCZ-Ultras.

  • Der Gewaltexperte Dirk Baier ordnet die aktuelle Lage ein.

Die Rückrunde der Super League läuft seit dem 20. Januar. Seither produziert vor allem die Gewalt von Vereinsanhängern in und um die Stadien Negativschlagzeilen.

So kam es beispielsweise beim Spiel FC Zürich gegen FC Basel am 21. Januar zu massiven Ausschreitungen. Am Samstagabend gerieten noch vor dem Stadtzürcher Derby (findet heute Sonntag statt) GC- und FCZ-Anhänger aneinander.

Der Gewaltexperte Dirk Baier ordnet die aktuelle Fangewalt im Schweizer Fussball ein und sagt, dass auch die Vereine in der Pflicht stehen, wenn es ausserhalb der Stadien zu Ausschreitungen kommt.

Herr Baier, erneut kam es zu heftigen Schlägereien, die Allgemeinheit leidet unter Fussball-Chaoten. Was läuft falsch?

Dirk Baier: Es sind sicher zwei Entwicklungen zu beachten: Erstens befinden wir uns derzeit in einer Art Eskalationsspirale. Es gibt Provokationen vonseiten der Fangruppen. Darauf wird mit Sanktionen durch Sicherheitsbehörden reagiert. 

Zudem werden verschärfte Regelungen wie personalisierte Tickets, Punktabzüge oder Geisterspiele diskutiert und zum Teil umgesetzt. Wir wissen aber, dass Kollektivstrafen enormen Unmut bei den Fans auslösen, was wiederum zu Protesten auf Seiten der Fans führt, worauf wiederum die Sicherheitsbehörden gefordert sind.

Zweitens gibt es eine zunehmende Gewaltbereitschaft gerade unter jungen Menschen. Fan- und insbesondere Hooligangruppen ziehen solche gewaltbereiten jungen Menschen an. 

Zu Gewalt kommt es vor allem ausserhalb der Stadien. Wie kann dies bekämpft werden?

Obwohl die Gewalt ausserhalb von Stadien erfolgt, wird sie doch von Personen ausgeführt, die sich als Fans eines bestimmten Vereins sehen. Wenn auch kein direkter Bezug zum Stadion gegeben ist, so ist doch ein direkter Bezug zum Verein gegeben.

Am Samstagabend kam es zu einem grossen Polizeieinsatz aufgrund FCZ- und GC-Chaoten in Schwamendingen. 
FCZ-Anhänger schlugen die Scheiben eines Trams ein, in dem sich GC-Fans befanden.
Einige der GC-Fans wurden von der Polizei bereits im Vorfeld kontrolliert. Dabei konnten die Polizistinnen und Polizisten Stangen, Schlagstöcke und Messer sicherstellen.
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Am Samstagabend kam es zu einem grossen Polizeieinsatz aufgrund FCZ- und GC-Chaoten in Schwamendingen. 

20Min/News-Scout

Die Vereine stehen also in der Pflicht?

Es braucht in jedem Fall die Vereine, um die Gewaltprobleme zu lösen. Dabei sind klare Botschaften des Vereins nötig, in denen er zur Gewaltlosigkeit aufruft. Auch braucht es die vereinsfinanzierte Fanarbeit, mithilfe derer Beziehungen zu den gewalttätigen Szenen aufrechterhalten werden können.

Die Vereine sollen Beziehungen zu gewalttätigen Gruppen pflegen?

Ihre Verantwortung darf nicht unterschätzt werden. Mir ist bewusst, dass Vereine Sozialisationsdefizite junger Menschen, die zu deren Gewaltbereitschaft führen, nicht vollständig beheben können. Ein Vergleich zeigt, dass Vereinen eine Aufgabe bei der Gewaltprävention zukommt: Heutzutage ist es Konsens, dass Schulen einen Beitrag zur Gewaltprävention junger Menschen leisten müssen, auch wenn sie die Gewaltbereitschaft nicht zu verantworten haben. Genauso müssen Vereine sich um die Prävention von Gewalt kümmern.

Wie sieht die Arbeit mit den Fans im Optimalfall aus?

Wir müssen differenzieren: Ein Grossteil der Fans braucht keine Massnahmen, weil sich diese absolut friedlich verhalten.

Massnahmen sind für einen sehr kleinen Teil der Fans nötig. Dabei ist es schwierig, in einmal etablierten Hooligan-Gruppen Fanarbeit zu machen. Für diese Gruppen braucht es Repression, das heisst Strafverfolgung. 

Daher muss die Fanarbeit viel früher ansetzen, bereits im Jugendbereich. Sie muss Beziehungen knüpfen zu Fangruppen, die noch nicht gewalttätig sind, und dort ansprechbar und präsent sein. Es gilt also, die Entstehung gewalttätiger Gruppierungen zu verhindern.

Lässt sich das Problem überhaupt ganz lösen?

Nein. Das Niveau liesse sich jedoch verringern. Die Frage ist dann nur, zu welchem Preis.

Können Sie das erläutern?

Wenn repressive Kollektivstrafen umgesetzt werden, kann dies den Fussball unattraktiver machen und er verliert seinen gesellschaftlichen Stellenwert. Und die wenigen gewalttätigen Personen suchen sich einen neuen Bereich, in dem sie ihrer Gewaltneigung nachgehen.

Wichtig scheint mir, dass wir in diesem Bereich nachhaltig arbeiten, also nicht erst sprechen, wenn die Gewalt überhandnimmt. Ausserdem braucht es je nach Verein eine Problemanalyse und ein gemeinsam geteiltes Vorgehen wie bei den Stadionallianzen.

Was meinen Sie mit Stadionallianzen?

Die gibt es in Deutschland seit einiger Zeit. Im Rahmen dieser Stadionallianzen arbeiten die Vereine, Fanprojekte, städtische Behörden und Polizei zusammen, beurteilen gemeinsam die Lage, diskutieren gemeinsam Massnahmen. Dies zeigt, dass es nur gemeinsam möglich ist, Fangewalt zu bekämpfen, und dass die Perspektive dieser verschiedenen Player gleich wichtig ist.

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