«Ich trug bei der Arbeit in der Fabrik eine Windel»

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Missstände in Industrie«Ich trug bei der Arbeit in der Fabrik eine Windel»

In US-Geflügel-Fabriken dürfen die Angestellten während acht Stunden nur zweimal aufs Klo. Einige von ihnen greifen zu radikalen Massnahmen.

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Kaum Pinkelpausen für die Angestellten: Die US-Geflügelindustrie sieht sich mit schweren Vorwürfen konfrontiert (Symbolbild).

Kaum Pinkelpausen für die Angestellten: Die US-Geflügelindustrie sieht sich mit schweren Vorwürfen konfrontiert (Symbolbild).

Keystone/Martin Ruetschi

Ein am Mittwoch veröffentlichter Bericht der britischen Entwicklungs-NGO Oxfam deckt miserable hygienische Missstände in der Geflügelindustrie in den USA auf.

Mitarbeiter der vier grössten Hühnerfabriken des Landes gaben an, dass ihnen während der Arbeitszeit der Gang auf die Toilette verweigert werde. «Ich musste eine Windel tragen. Und viele meiner Arbeitskollegen tun das regelmässig», erzählte ein Angestellter einem Oxfam-Mitarbeiter. Viele Arbeiter hätten sich zu dieser radikalen Lösung entschieden, nachdem es einige Male passiert sei, dass sie in die Hose pinkelten oder den Stuhlgang nicht mehr halten konnten.

Laut dem Oxfam-Bericht ignorierten die Vorgesetzten die Bedürfnisse der Fabrikarbeiter. Bekommen die Angestellten eine WC-Pause, dann hätten sie maximal 10 Minuten Zeit. Das Problem: Es gehen alle gleichzeitig und müssten darum lange Zeit Schlange stehen. Viele würden daher auf Essen und Trinken während der Arbeitszeit verzichten. Einige sagten, dies sei ihnen von den Vorgesetzten nahegelegt worden.

Die Firmen dementieren die Vorwürfe

Der Oxfam-Bericht macht auf die gesundheitlichen Folgen für die Fabrikarbeiter aufmerksam. Das lange Zurückhalten von Urin könne besonders bei schwangeren und menstruierenden Frauen Blasenentzündungen hervorrufen.

Die Vorwürfe der Hilfsorganisation werden von drei der vier Unternehmen «empört» zurückgewiesen. Sollten sich die beschriebenen Zustände als wahr herausstellen, sei das «eine klare Verletzung der Unternehmenspolitik, die zu Disziplinarmassnahmen führen» werde, meinte der Sprecher der Firma Pilgrim's Pride.

Pause ja, aber wann?

Der Mediensprecher der Hühnerfabrik Tyson zweifelte den Wahrheitsgehalt der Aussagen der im Bericht zitierten, anonymen Quellen an. «Wir schätzen unsere Arbeiter und stellen sicher, dass ihre Bedürfnisse erfüllt werden.»

Auch die Sprecherin der Firma Perdue erklärte, die Fabrikarbeiter bekämen während des achtstündigen Arbeitstages zweimal eine 30 Minuten lange Pause, um aufs WC zu gehen. Wer eine weitere Pause benötige, erhalte die Erlaubnis des Vorgesetzten, insofern ein anderer Mitarbeiter für ihn am Laufband einspringen könne.

Die Aussage dieser Sprecherin wird jedoch im Oxfam-Bericht relativiert. Einige Mitarbeiter hatten angegeben, dass sie oft über eine Stunde auf ihren Ersatz warten müssten, wenn sie eine WC-Pause verlangen.

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