«Ich war der kleine Rote in der Ecke»

Aktualisiert

Eis go zieh mit... Jean Christophe Schwaab«Ich war der kleine Rote in der Ecke»

Jean Christophe Schwaab bezeichnet sich als «Geek» und fordert ein Mail-Verbot nach Feierabend. Er ist in der SP und vertritt Banker. Warum, erzählt er bei einem Bier.

J. Büchi
von
J. Büchi
Jean Christophe Schwaab in seiner früheren Stammbeiz, der Brasserie Lorraine in Bern.
Wenn nicht gerade Session ist, verbringt Schwaab seine Zeit in den Weinbergen von Lavaux, wo er mit seiner Familie lebt.
Dunkle Rollkragenpullover unter dem schwarzen Jackett sind sein Markenzeichen.
1 / 5

Jean Christophe Schwaab in seiner früheren Stammbeiz, der Brasserie Lorraine in Bern.

20 Minuten/ jbu

Es ist ein Ort wie geschaffen für Jean-Christophe Schwaab: Die Brasserie Lorraine, die er für das Treffen vorgeschlagen hat, wird selbst verwaltet und im Kollektiv geführt – alle Mitarbeitenden verdienen gleich viel. Die Einrichtung ist schnörkellos: massive Theke, ein alter Holzboden, Tische aus Holz.

Während seiner Studentenzeit in Bern kam Schwaab oft hierher – er wohnte in dem Quartier. Heute reicht es dem Romand nur selten für einen Besuch in seiner alten Stammbeiz, vier Busstationen vom Bundeshaus entfernt. Als Gewerkschafter, Nationalrat und Vater zweier Kinder hat der 35-Jährige alle Hände voll zu tun. Auch während der Session versucht er, mindestens einmal unter der Woche nach Hause ins Waadtland zu fahren, um dem 4,5-jährigen Sohn und dem 1,5-jährigen Töchterchen die Gutenachtgeschichte vorlesen zu können.

«Ich schaue, dass ich meine Abendeinsätze strikt limitieren kann, lehne Einladungen oft ab», so Schwaab. Für 20 Minuten macht er eine Ausnahme: An diesem Abend reicht die Zeit für ein Bier. «Obwohl ich ja eigentlich Weisswein trinken müsste», lacht Schwaab. Er wohnt mit seiner Familie in den Weinbergen von Lavaux: «Ich liebe die Landschaft und die Stimmung dort».

«Leute brauchen freie Zeitfenster»

Trotz minutiöser Planung lassen sich unregelmässige Arbeitszeiten und Einsätze an den Wochenenden nicht vermeiden – etwas, was er als Gewerkschafter bekämpft. Schwaab ist ein erbitterter Gegner von liberalisierten Ladenöffnungszeiten, Sonntags- und Nachtarbeit. «Im Gegensatz zu mir haben die Angestellten im Detailhandel oft keine Wahl», gibt er zu bedenken.

Schwaab kritisiert, unregelmässige Arbeitszeiten seien insbesondere gegenüber Alleinerziehenden unfair. Auch für die Gesellschaft stellten sie eine Belastungsprobe dar: «Es ist wichtig, dass die Menschen auch in Zukunft noch genügend Zeitfenster haben, in denen sie gemeinsam einen Fussballmatch schauen, an ein Familienfest gehen oder einfach einmal nichts tun können.» Ginge es nach Schwaab, müsste Angestellten der Zugang zum Mailkonto in den Ferien und am Abend automatisch gesperrt werden.

Kiffen zur Provokation gab es bei ihm nicht

Das sagt einer, der sich selber als «kleinen Geek» bezeichnet. Seine ausgeprägte Affinität für alles, was mit Technik zu tun hat, zeigt sich auch in der Liste seiner parlamentarischen Vorstösse: Die Risiken der Online-Währung Bitcoin und von E-Voting, Richtlinien für den «digitalen Tod» und das Recht auf Vergessen im Internet – das sind Themen, die Schwaab beschäftigen. Auch der Datenschutz gehört zu seinen Steckenpferden. Als Journalisten einmal einen Hacker auf ihn angesetzt hätten, habe dieser nicht einmal die Namen seiner Kinder herausgefunden, erzählt Schwaab mit einem schelmischen Lachen.

Nicht nur die Namen, auch Fotos seiner Kinder sind für die Öffentlichkeit tabu. Mit Ferienbildern oder medienwirksamen Aktionen Schlagzeilen zu generieren, entspricht nicht dem Stil des Politikers. Auch zu Juso-Zeiten gehörte er nicht zu denen, die um der Provokation willen einen Joint anzündeten. Das liege wohl daran, dass er schon mit 20 ins Gemeindeparlament eines «ziemlich bürgerlichen» Dorfs gewählt worden sei – als einziger SPler. «Ich war der kleine Rote in der Ecke. Wenn ich ernst genommen werden wollte, musste ich gut argumentieren und nicht provozieren.»

«Schwabi und Gabi»

Heute nennen ihn manche Parlamentskollegen den «Man in Black». Dunkle Rollkragenpullover oder Hemden unter dem schwarzen Jackett sind sein Markenzeichen. Eine Krawatte trägt Schwaab nur, wenn es unbedingt sein muss: zur Vereidigung, oder wenn er vor einer Ständeratskommission antraben muss. Die Berichterstattung vor einer Kommission zusammen mit FDP-Fraktionschefin Gabi Huber hat ihm seinen zweiten Übernamen im Parlament eingebracht: «Schwabi und Gabi» – ein unschlagbares Duo.

Berührungsängste gegenüber Andersgesinnten hat Schwaab keine. Davon zeugt auch sein berufliches Engagement: Nach einer Karriere bei Unia und Gewerkschaftsbund wechselte der studierte Jurist in die Geschäftsleitung des Bankpersonalverbands. Ein Sozialist, der Banker vertritt? Das gab zu reden.

Alle Arbeitnehmer bräuchten eine Vertretung, begründet Schwaab die ungewöhnliche Konstellation. Es gelte, das Klischee zu bekämpfen, dass alle Bankangestellten «Banksters» seien: «Wenn die CS oder die UBS etwas verbocken, stehen gleich alle Mitarbeiter in einem schlechten Licht. Bei der Migros oder Coop käme niemand auf die Idee, die Schuld an einem Fehlentscheid den Kassiererinnen zu geben.»

Freude am Diskutieren vom Vater geerbt

Eine gerechtere Gesellschaft – nichts Geringeres ist das Ziel von Schwaab. Als Sohn des ehemaligen SP-Nationalrats Jean Jacques Schwaab kam er früh mit den Begriffen «soziale Verantwortung» und «Umverteilung» in Kontakt. «Von meinem Vater habe ich die Freude am Diskutieren und am Wahlkampf geerbt», so der Jungpolitiker. Eine «Obama-Kampagne» könne und wolle er sich jedoch nicht leisten. Anstatt teure Inserate zu schalten, trinke er lieber ein Bier oder ein Glas Weisswein mit den Leuten. «Meine Wahlkampfspesen betragen – inklusive Fahrtkosten – rund 500 Franken.»

Fünf Fragen an Jean Christophe Schwaab

Welche Schlagzeile würden Sie gerne über sich lesen?

Schwaab gegen Google – 1:0

Was wären Sie gerne geworden?

Profi-Segler

Ihr erster Job?

Weinleser mit circa 10 Jahren. In einem Winzlerdorf wie Riex bei Epesses ist das ziemlich üblich.

Das letzte Mal betrunken?

Vor etwa 2 Wochen... an einer Weindegustation.

Wer macht bei Ihnen zuhause die Hausarbeit?

Ausserhalb der Session teile ich mir die Hausarbeit 50/50 mit meiner Frau. Leider klappt das während der Session nicht.

«Eis go zieh mit...»

Während den Parlamentssessionen trifft sich 20 Minuten jeweils mit bekannten und weniger bekannten Politikern verschiedener Parteien auf ein Bier. Oder auch auf ein Glas Wein, einen Kaffee oder einen Himbeersirup. Hauptsache, es entstehen spannende Gespräche, die auch einen Einblick in die Persönlichkeiten hinter der politischen Arbeit erlauben.

Deine Meinung zählt