Intergeschlechtliche Kinder«Ich war ein gesundes Mädchen mit Hoden im Bauch»
Viele Kinder mit nicht eindeutigen Geschlechtsmerkmalen werden operiert. Auch Audrey musste einen solchen Eingriff über sich ergehen lassen – ihre Eltern bereuen es zutiefst. Eine Motion soll diese OPs verbieten.
Darum gehts
«Dass ich intergeschlechtlich bin, weiss ich erst seit ein paar Jahren. Zuvor hatte ich mein Leben lang gedacht, ich sei krank», sagt die 29-jährige Audrey. Sie gehört zu den 1,7 Prozent Menschen weltweit, die mit körperlichen Geschlechtsmerkmalen, die sich nicht als rein männlich oder weiblich einordnen lassen, auf die Welt gekommen sind. Audrey wurde ihr Geschlecht durch eine umstrittene Operation im Kindesalter «neu zugewiesen».
Was ist Intergeschlechtlichkeit?
Eine Vorgehensweise, die FDP-Ständerat Matthias Michel kritisiert: «Mit dieser Operation zwingt man das Kind in eine Kategorie und nimmt ihm die Entscheidungsfreiheit. Das ist eine Vergewaltigung am Körper und am Menschen selbst.» Der Zuger Politiker fordert ein strafrechtliches Verbot von geschlechtsverändernden Eingriffen an Kindern mit einer angeborenen Variation der Geschlechtsmerkmale und hat eine entsprechende Motion eingereicht.
In Genf hat der Grosse Rat bereits 2019 zwei Motionen angenommen, die nicht lebensnotwendige chirurgische Eingriffe an intergeschlechtlichen Kindern auf kantonaler Ebene verbieten sollen. Nun soll die gesamte Schweiz nachziehen. «Ich bin zuversichtlich, dass der Praxis ein Riegel vorgeschoben wird. Entweder über Kindesschutzregelungen im Zivilgesetzbuch oder mit einem strafrechtlichen Verbot», sagt Michel.
«Ich hatte sehr viel Wut in mir»
Audrey wurde als gesundes Mädchen geboren. Gesund und intergeschlechtlich. Sie hatte Hoden im Bauch und einen XY-Chromosomensatz – beides sei jedoch nicht lebensbedrohlich gewesen. Sie hätte genauso weiterleben können, wie sie selbst sagt. Obwohl sie gesund war, haben sich ihre Eltern und Ärzt*innen entschieden, dass sie als Achtjährige operiert werden müsse. Eine Entscheidung mit schwerwiegenden Folgen: Heute leidet Audrey deswegen an einer Knochenschwäche. «Mich zu operieren, war falsch. Hätte ich die Wahl gehabt, hätte ich anders entschieden, aber ich gebe meinen Eltern keine Schuld – sie wussten es ja nicht besser. Die Medizin hätte sie unterstützen sollen.»
Dass FDP-Politiker Michel die Motion für ein Verbot in Auftrag gegeben hat, begrüsst Audrey. Auch sie selbst hat sich bereits engagiert, indem sie den Verein «Interaction» gegründet hat: «Ich hatte sehr viel Wut in mir, weil man mich hat krank fühlen lassen, nur weil ich anders war als gesellschaftlich akzeptiert.» Man habe ihr das Recht auf Selbstbestimmung genommen und das solle so künftig nicht mehr passieren. «Die nächsten Generationen von intergeschlechtlichen Kindern sollen geschützt werden, damit sie nicht die gleiche medizinische Gewalt erleiden müssen wie ich.»
«Es war die falsche Entscheidung»
«Ihr Mädchen» operieren zu lassen, sei keine einfache Entscheidung gewesen, sagt Audreys Mutter Elisabeth. «Wir wussten, dass egal, wie wir uns entscheiden, es falsch sein würde», sagt die 62-Jährige. Heute würden sie es anders machen. Im Jahr 1992 sei Intergeschlechtlichkeit noch kein Thema gewesen, selbst die Ärzt*innen seien nicht gut informiert gewesen.
«Keiner konnte uns so richtig helfen, wir waren aufgeschmissen», erzählt Elisabeth. Sie hätten sich mehr Hilfe erhofft, auch von anderen betroffenen Eltern, um abzuwägen, welche Möglichkeiten sie hatten. Die Entscheidung, ihre Tochter zu operieren, bereuen die Eltern heute, wie Vater Pascal betont: «Es war ganz falsch. Warum ein gesundes Kind operieren? Audrey war gesund und jetzt ist sie krank – wegen uns. Wir fühlen uns schuldig. Wir haben Glück, dass sie uns keine Vorwürfe macht, aber sie könnte. Sie hat jedes Recht dazu.»
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