«Ich würde die KV-Lehre sogar gratis machen»

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16-Jährige verliert Lehrstelle wegen Corona«Ich würde die KV-Lehre sogar gratis machen»

Für eine Lehrstelle würden manche Eltern oder Kinder alles tun. Eine 16-jährige Sekschülerin verlor wegen Corona ihren Lehrvertrag. Jetzt ist sie verzweifelt.

Die Zürcher Sek-A-Schülerin N. T.* verlor aufgrund der Corona-Krise ihre KV-Lehrstelle. «Um im August doch noch eine KV-Lehre anfangen zu können, würde ich diese auch unbezahlt machen», sagt die 16-Jährige.
Für Gewerkschaften steht fest, dass die Lehrbetriebe ihre Lernenden zu entlöhnen haben. «Lernende bringen eine reale Leistung in den Betrieb. Diese muss abgegolten werden», sagt Serge Gnos, Leiter Kommunikation bei der Gewerkschaft Unia.
Laut Laura Perret Ducommun, stellvertretende Sekretariatsleiterin des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB), verschärft die Coronakrise das Matching-Problem. «Einige Volksschulabgänger haben Mühe mit der Lehrstellensuche, weil eine Stelle in ihrem Traumberuf dieses Jahr mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht zur Verfügung steht.»
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Die Zürcher Sek-A-Schülerin N. T.* verlor aufgrund der Corona-Krise ihre KV-Lehrstelle. «Um im August doch noch eine KV-Lehre anfangen zu können, würde ich diese auch unbezahlt machen», sagt die 16-Jährige.

Darum gehts

  • Ein Tessiner Vater wäre bereit, den Lehrlingslohn seiner Tochter zu übernehmen.
  • Auch N. T.* (16) würde alles tun, um eine Lehre machen zu können. Selbst eine unentgeltliche Anstellung wäre für sie denkbar.
  • Für Gewerkschaften steht fest, dass die Lehrbetriebe ihre Lernenden zu entlöhnen haben.
  • Gleichzeitig gibt es aber auch Lehrbetriebe, die verzweifelt Lernende suchen.

Vater D. D.* aus Lugano geht in seiner Verzweiflung bis zum Äussersten. Weil seine 18-jährige Tochter schon lange Zeit erfolglos eine Lehrstelle als Kleinkinderbetreuerin sucht, erklärte er sich gegenüber Lehrbetrieben bereit, den Lehrlingslohn seiner Tochter im Falle einer Anstellung aus dem eigenen Sack zu bezahlen. «Meine Tochter schrieb unzählige Bewerbungen und ist jetzt ziemlich deprimiert», so der Vater. Seien die Behörden nicht fähig, dem Nachwuchs eine Ausbildung anzubieten, müssten sich die Eltern darum kümmern, sagt der 42-Jährige.

Auch andere Lehrstellensuchende würden alles für einen Ausbildungsplatz tun. Die Zürcher Sek-A-Schülerin N. T.* verlor aufgrund der Corona-Krise ihre KV-Lehrstelle. «Um im August doch noch eine KV-Lehre anfangen zu können, würde ich diese auch unbezahlt machen», sagt die 16-Jährige. Lieber als ein zehntes Schuljahr anzuhängen, wolle sie in die Lehre gehen.

«Bei der Lehre geht es mir nicht ums Geld, sondern um meine Ausbildung. Daher habe ich kein Problem damit, dafür nicht bezahlt zu werden», so N.T. Da sie noch bei ihren Eltern wohne, habe sie ein Dach über dem Kopf, Essen und Kleider. Sie empfinde es auch für Betriebe ungerecht, wenn diese aufgrund der Corona-Krise auf Lehrlinge verzichten müssten.

«Lehrstelle kann man sich nicht einkaufen»

Laut Laura Perret Ducommun, stellvertretender Sekretariatsleiterin des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB), verschärft die Corona-Krise das Matching-Problem. «Einige Volksschulabgänger haben Mühe mit der Lehrstellensuche, weil eine Stelle in ihrem Traumberuf dieses Jahr mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht zur Verfügung steht.» Daher könnten einige Jugendliche verzweifelt reagieren und für ihre Traumstelle bereit sein, alles zu tun.

Für die Gewerkschaften steht fest, dass die Lehrbetriebe ihre Lernenden zu entlöhnen haben. «Lernende bringen eine reale Leistung in den Betrieb. Diese muss abgegolten werden», sagt Serge Gnos, Leiter Kommunikation bei der Gewerkschaft Unia. Es sei daher undenkbar, dass Lernende für ihre Ausbildung zahlen müssten. Bund und Kantone müssten trotz Corona-Krise für die Sicherung und Schaffung von Lehrstellen sorgen.

Auch Andrea Ruckstuhl, Leiter des Mentoringprogramms Job Caddie in Zürich, sagt: «Eine Lehrstelle kann man sich nicht einkaufen oder kreieren.» Betriebe, die Lernende ausbilden wollten, brauchten eine Ausbildungsbewilligung des zuständigen Kantons. «Dann wird die Anzahl der Lehrstellen ausgewiesen. Entweder gibt es die Lehrstelle oder nicht.» Es sei klar geregelt, dass die Ausbildung eines Lernenden nichts kosten dürfe (siehe Box).

Hilferufe von Betrieben

Während einige Schulabgänger für eine Lehrstelle zu grossen Opfern bereit sind, kämpfen andere Betriebe um Lernende. «Es gibt Lehrbetriebe, etwa Detailhändler oder Schreiner, die sich mit richtigen Hilferufen an uns wenden», sagt Michael Raaflaub, Geschäftsführer des Lehrstellennetzes Köniz im Kanton Bern.

Zwei Nachrichten liegen 20 Minuten vor. Man suche auf August 2020 «verzweifelt» Lernende für ihre Lehrstellen Kaufmann/-frau EFZ und Detailhandelsfachmann/-frau EFZ, schrieb eine Modeboutique. Der Schreinermeisterverband Bern schrieb: «Schreinereibetriebe im Kanton Bern haben ein Problem. Es fehlen Lernende, welche noch diesen Sommer 2020 die Lehre beginnen.» Rund 60 Lehrstellen seien nicht besetzt. Ende August organisiert das Lehrstellennetz laut Raaflaub eine Börse, um Jugendliche unterzubringen, die bisher noch keine Stelle gefunden haben.

* Name der Redaktion bekannt.

Lohn

Laut dem Schweizer Obligationenrecht verpflichtet sich der Arbeitgeber, die lernende
Person für eine bestimmte Berufstätigkeit fachgemäss zu bilden. Explizit ist der Lohn im Gesetz in Bezug auf Lernende im Gegensatz zum normalen Einzelarbeitsvertrag nicht aufgeführt. Setzt ein anwendbarer GAV keinen Lohn fest, könnte theoretisch ein solcher schriftlich ausgeschlossen werden.

Arbeitslosigkeit

Die Jugendarbeitslosigkeit (15- bis 24-Jährige) erhöhte sich laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) um 567 Personen (+3,3%) auf 17’758. Im Vergleich zum Vorjahresmonat entspricht dies einem Anstieg um 7’709 Personen (+76,7%).

Ende Mai registrierte das Seco über alle Alterskategorien hinweg 155’998 Arbeitslose bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV). Das sind 2’585 mehr als im Vormonat. Die Arbeitslosenquote stieg damit von 3,3 Prozent im April 2020 auf 3,4 Prozent im Berichtsmonat. Gegenüber dem Vorjahresmonat erhöhte sich die Arbeitslosigkeit um 54’628 Personen (+53,9%).

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