Sturm aufs US-CapitolDas machten die Anhänger des «Law and Order»-Präsidenten mit Polizisten
Millionen Menschen erlebten die Szenen der Gewalt beim Angriff auf das Washingtoner Capitol live im TV mit. Aber erst Tage später wird das volle Ausmass des Aufstandes offenbar – und der Gewalt, die der Polizei entgegenschlug.
Neue Videoaufnahmen vom 6. Januar zeigen, welche Gewalt den Polizisten am Capitol entgegenschlug.
Darum gehts
Was sich am 6. Januar auf dem Washingtoner Capitol abspielte, war ein düsteres Kapitel der US-Geschichte.
Dank zahlreicher Handy-Videos und Augenzeugenberichte wird das volle Ausmass der Gewalt beim Sturm auf das Capitol deutlich und werden immer mehr Details bekannt.
Im Zuge des Angriffes vom 6. Januar wurden in den sozialen Medien Anhänger aufgerufen, «dem Plan zu vertrauen» und «die Front zu halten».
Was genau der Plan war, steht im Mittelpunkt der derzeitigen Ermittlungen.
Das FBI untersucht auch, ob manche der Angreifer Kongressmitglieder entführen und als Geiseln benutzen wollten – oder vielleicht sogar noch Schlimmeres.
Unter Kampfbannern mit Donald Trumps Namen klemmen die Angreifer auf dem Capitol einen Polizisten an einer Eingangstür ein, «Hilfe!» schreit er, sein Gesicht schmerzverzerrt, seine Zähne blutig, wie man später in einem Video sehen kann. Ein anderer Polizeibeamter wird zu Tode geschlagen, offenbar mit einem Feuerlöscher.
Ein dritter versucht die Menge beim Eingang des Capitols abzuwehren. Er verliert das Gleichgewicht und wird von der tobenden Menschenmasse regelrecht hineingesogen. «USA! USA! USA!», brüllt diese. Ein Mann lässt eine Stange mit amerikanischer Flagge auf den am Boden liegenden Polizisten krachen, während dieser von der Menge am Boden entlang geschleift wird.

Dieser Polizist stand Todesangst aus, als ihn die Meute attackierte.
Screenshot Instagram Video @JRobertson.nycDank zahlreicher Handy-Videos und Augenzeugenberichte wird das volle Ausmass der Bösartigkeit dieses Anschlages offenbar – und die Planung, die dahinterstand.
«Leute, die Schaden zufügen wollen»
Denn es war nicht nur eine Ansammlung von demonstrierenden Trump-Unterstützern, die sich von ihrer Wut über die Wahlniederlage des Präsidenten hin- und mitreissen liessen – eine Erkenntnis, die den demokratischen Abgeordneten Jim McGovern in Echtzeit traf, als der brüllende prügelnde Mob den Sitzungssaal des Repräsentantenhauses erreichte. «Ich sah diese Menge von Leuten schreiend auf das Glas einhämmern», schilderte er später der Nachrichtenagentur AP. «Als ich ihre Gesichter sah, dämmerte es mir, dass sie nicht Demonstranten sind, sondern Leute, die Schaden zufügen wollen. Was ich vor mir sah, war im Grunde einheimischer Faschismus ausser Kontrolle.»

Auch Nancy Pelosi, die Vorsitzende des Abgeordnetenhauses sprach von einer «gut geplanten, organisierten Gruppe mit Führungspersonen und Anleitung. Und die Anleitung war, Leuten an den Kragen zu gehen».

Nutzer der sozialen Medien am rechten Rand hatten bereits seit Wochen offen angedeutet, dass es an jenem Tag Chaos im Kongress geben werde, wenn dieser zwecks Bestätigung des Wahlergebnisses zusammentreten werde. Im Zuge des Angriffes vom 6. Januar ermutigten sie Anhänger, «dem Plan zu vertrauen» und «die Front zu halten».
Was genau der Plan war, steht im Mittelpunkt der derzeitigen Ermittlungen. Das FBI untersucht, ob manche der Angreifer Kongressmitglieder entführen und als Geiseln benutzen wollten – oder vielleicht sogar noch Schlimmeres. Einige trugen Plastikhandfesseln bei sich.

Innerhalb des FBIs gab es nach einem Bericht der «Washington Post» eine Warnung vor einer solchen Eskalation. Extremisten hätten demnach gepostet, man solle sich bei der Reise nach Washington auf «Krieg» einstellen. «Der Kongress muss hören, wie Glas zerbricht, wie Türen eingetreten werden und wie das Blut ihrer BLM (Black Lives Matter)- und Antifa-Sklavensoldaten vergossen wird», hiess es laut dem Blatt in einem der Postings.
Der Aufstand begann mit einer Kundgebung, auf der Trump und führende Gefolgsleute wie sein Anwalt Rudy Giuliani die anschwellende Menge noch einmal richtig anheizten und zum Kampf aufforderten – kurz vor Beginn der Sitzung von Abgeordneten und Senatoren zur traditionellen offiziellen Auszählung der Stimmen des Wahlleute-Gremiums, die dem Demokraten Joe Biden bereits zuvor den Sieg bei der Präsidentenwahl im November bescheinigt hatten.
«Hängt Pence!» -Vizepräsident als Hauptziel
Es waren Tausende, die das Capitol stürmten. Sie überrannten vor dem Gebäude die – zahlenmässig völlig unterlegenen – Polizisten und Metallbarrieren. Kurz nach 14 Uhr Ortszeit rief die Polizei im Capitol Mitarbeiter in einem Bürogebäude im Capitolkomplex auf, sich in einem Untergrund-Tunnelsystem in Sicherheit zu bringen, Minuten später wurde Vizepräsident Mike Pence an einen geheimen Ort auf dem Gelände gebracht: Er hatte sich Trumps Aufforderung widersetzt, Biden den Wahlsieg nicht zu bescheinigen und war damit neben Pelosi zu einem Hauptziel der Angreifer geworden.

«Hängt Pence!» ruft der Mob in Sprechchören, als er ins Capitol vordringt, mit Rohren auf Polizisten einschlägt, um sich einen Weg zu bahnen. Die Meute will auch wissen, wo Nancy Pelosi steckt, die Vorsitzende des Abgeordnetenhauses, und überhaupt, wo sich all die Parlamentarier aufhalten: «Wo sind sie?», gellen Schreie. Draussen hat man einen Galgen errichtet, komplett mit hölzernen Stufen und einer Schlinge. Schusswaffen und Rohrbomben sind in der Nähe versteckt.

Pelosi wollte sich nicht verstecken
Um 14.15 wurden die Türen des Saales der Abgeordnetenkammer verbarrikadiert und Parlamentariern drinnen wurde geraten, sich hinter ihren Stühlen zu ducken oder sich in Schränken zu verstecken.

Pelosi weigerte sich nach eigenen Angaben zunächst, sich von der Polizei in Sicherheit bringen zu lassen, auch noch, als der Mob bereits vor den gesperrten Türen zur Kammer stand, gab dann aber schliesslich nach.
«Der Held aus dem Capitol»
Der Polizist Eugene Goodman wird als «Held aus dem Capitol» gefeiert, denn er rettete am 6. Januar vermutlich Leben. Auf sich alleine gestellt, lockte er den Mob weg vom Sitzungssaal des Senats, wo sich zu dem Zeitpunkt noch viele Senatoren befanden.
Um 14.44 Uhr, als die Vorbereitungen zur Evakuierung des gesamten Saales liefen, war ein Schuss direkt vor einer Tür zu hören, wie man später erfuhr, hatte ein Polizist auf eine vordringende Angreiferin gefeuert und sie getötet.
Im Sitzungssaal des Senats auf der anderen Seite des Capitols waren zeitweise 200 Menschen verbarrikadiert. Ein schwer bewaffneter Polizist stand beschützend in der Nähe der Fraktionschefs der Republikaner und Demokraten, Mitch McConnell, der sich ebenfalls Trumps Willen widersetzt hatte, und Chuck Schumer. Der Saal wurde dann wenig später ebenfalls evakuiert, bevor der Mob eindrang. Draussen vor der Kammer suchten Angreifer derweil weiter nach Parlamentariern, riefen: «Wo sind sie?»

Eine ähnliche Frage stellten sich andere: Wo blieben die erhofften, mittlerweile angeforderten Verstärkungen für die Polizei? Erst um 17.30 Uhr, nachdem schliesslich die Nationalgarde angerückt war, begann eine breit angelegte Offensive, die Angreifer aus dem Capitol zu vertreiben.
Schwer bewaffnete Sicherheitskräfte setzten Tränengas gegen die Menge ein und durchkämmten dann die Flure, um nach möglichen Nachzüglern zu suchen. Als es zu dunkeln begann, drängten Beamte in Kampfausrüstung den Mob Meter für Meter vom Kongressgebäude weg, inmitten von Tränengaswolken und dem Lärm von Granaten.


Nicht lange danach setzten Abgeordnete und Senatoren ihre Arbeit fort, bestätigten am frühen Morgen des 7. Januar Bidens Wahlsieg, immer noch völlig schockiert von dem Aufstand – und dem katastrophalen Versagen des Sicherheitsapparates.
