ETH-Professorin«Immer wieder kritisieren andere, dass ich trotz Kindern voll arbeite»
Rachael Garrett arbeitet in einem 100-Prozent-Pensum. Gerade Frauen werfen ihr vor, die hohe Arbeitsbelastung sei schlecht für ihre Kinder. Über diese Haltung zeigt sich Claudine Esseiva vom Frauenverband BPW verärgert.
Darum gehts
«Seit dem Kindergarten-Start meiner Tochter im August wurde mir mehrmals gesagt, dass ich nicht zu 100 Prozent arbeiten sollte, weil ich mich so nicht gut genug um meine Kinder kümmern könne»: Rachael Garrett, Professorin für Umweltpolitik an der ETH Zürich, äussert sich in einem Tweet über ihre Erfahrungen als arbeitstätige Mutter. «Obwohl meine Kinder super happy mit der Situation sind, werden mir Vorwürfe gemacht.»
Auf die Frage, ob es anderen Personen ähnlich ergehe, erhält sie zahlreiche Antworten: «Ich bin mir ziemlich sicher, dass niemand von einem Vater verlangen würde, nicht 100 Prozent zu arbeiten», schreibt ein User. Es seien immer die Frauen, die sich um Familie und Karriere kümmern müssten, nie die Männer. «Viele Leute in der Schweiz denken immer noch, dass die Berufstätigkeit der Mütter Kindern schadet. Es ist unglaublich frustrierend, solche Kommentare zu lesen», so eine Userin. Die Ansichten darüber änderten sich, aber nur sehr langsam.
Keine Kommentare gegenüber dem Vater
Den Tweet habe sie nach einem Gespräch mit einer Kindergartenlehrerin ihrer Tochter (5) abgesetzt, sagt Garrett. «Dass sie als berufstätige Frau mir sagte, ich soll weniger arbeiten, da die Situation für mich und die Kinder belastend sei, hat mich sehr frustriert.» Ähnliche Kommentare gegenüber ihrem arbeitstätigen Mann seien nie gefallen.
Seit ihrem Zuzug in die Schweiz vor drei Jahren habe sie immer wieder ähnliche Kommentare anhören müssen, sagt Garrett. «Obwohl mein Mann von zu Hause aus arbeitet, erhielt ich alle zwei Wochen Anrufe, dass ich unsere Tochter um 13 oder 14 Uhr aus dem Hort abholen sollte, da ein Kind nicht täglich im Hort sein sollte.» Auf ihre Replik, dass sie arbeite, werde oft mit Unverständnis reagiert. Den Spruch «Sie arbeiten zu 100 Prozent? Oh, aber das ist aber zu viel, das tut dem Kind nicht gut!», höre sie oft, so Garrett.
Belastende Vorwürfe
Die Anschuldigungen entbehrten jeder Grundlage: «Ich wache mit ihnen um 6 Uhr morgens auf, schicke sie zur Schule, hole sie ab, bin jeden Abend um 18 Uhr zu Hause, bringe sie ins Bett und mache tausend andere Dinge mit ihnen», so Garrett. Auch das ganze Wochenende verbringe sie mit den Kindern. «Auch als berufstätige Mutter kann man sich gut um die Kinder kümmern.» Die ständigen Vorwürfe seien aber sehr belastend und kämen zum anspruchsvollen Job, der Haushaltsführung und zur Erziehung der Kinder dazu.
«Ich zweifle an mir selbst und daran, ob ich arbeiten sollte. Ich frage mich, ob meine Tochter wirklich glücklich ist», sagt Garrett. Sie habe den Eindruck, dass in der Schweiz von Frauen erwartet werde, dass sie sich hauptsächlich um die Kinder kümmerten und immer zu Hause erreichbar seien. Die Antworten auf ihren Tweet machen ihr jedoch Mut: «Ich war überrascht, dass so viele Schweizer Männer und Frauen ähnliche Erfahrungen wie ich machten und mir zustimmten, dass die Äusserungen veraltet und unangemessen sind.»
Andere Frauen als die härtesten Kritikerinnen
Das Bild der Mutter, die zuhause bleibt und sich um die Kinder kümmert, sei vor allem in der deutschsprachigen Schweiz «unglaublich stark» in den Köpfen verhaftet, sagt Claudine Esseiva, Co-Präsidentin des Verbands von Business and Professional Women Schweiz (BPW Switzerland). «Das habe ich selbst auch schon zigmal gehört.» Was dabei sehr bitter sei: «Meist werden die Vorwürfe von anderen Frauen geäussert, auch von Lehrerinnen oder Betreuerinnen.»
Um das gängige Bild zu durchbrechen, brauche es neben einem gesunden Selbstbewusstsein arbeitstätiger Mütter auch grundlegende Diskussionen über Geschlechterrollen, sagt Esseiva. Auch bei der Erziehung der Kinder müssten Eltern die Thematik aufnehmen. «Man muss aufhören, Jungs und Mädchen in Schubladen zu stecken.» Von einem gesellschaftlichen Diskurs profitierten auch die Männer, die nicht mehr in die festgefahrenen Rollenbilder von früher passten, so Esseiva. Im 21. Jahrhundert sollte klar sein: «Man kann auch Mutter sein und Karriere machen.»
Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht? Wurden Ihnen aufgrund Ihres Arbeitspensums auch Vorwürfe gemacht? Dann melden Sie sich:
Wirst du oder wird jemand, den du kennst, aufgrund der Geschlechtsidentität diskriminiert?
Hier findest du Hilfe:
Gleichstellungsbüros nach Region
Gleichstellungsgesetz.ch, Datenbank der Fälle aus Deutschschweizer Kantonen
Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann