«In der Schweiz könnte ein Aufstand passieren»

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Nach Sturm auf das Capitol«In der Schweiz könnte ein Aufstand passieren»

Am Mittwoch wurde das Capitol in Washington von militanten Trump-Anhängern gestürmt. «Ohne Verschwörungstheorien wäre es nicht dazu gekommen», sagt Experte Marko Kovic. Er ist besorgt, dass Radikale das Bundeshaus stürmen könnten.

Das «Q» steht für die Verschwörungstheoretiker von QAnon, die Trump seit Jahren unterstützen.
Am Mittwoch hielt Trump eine Rede, in der er seine Anhänger aufforderte, zum Capitol zu ziehen.
Seine Anhänger nahmen ihr Idol beim Wort: Sie stürmten das Gebäude und lieferten sich Scharmützel mit der Polizei.
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Das «Q» steht für die Verschwörungstheoretiker von QAnon, die Trump seit Jahren unterstützen.

AFP

Darum gehts

  • Am Dienstag wurde das Capitol in Washington gewalttätig besetzt.

  • An vorderster Front waren auch Anhänger der QAnon-Verschwörungstheorie.

  • Marko Kovic ist Experte für Verschwörungstheorien und befürchtet auch für die Schweiz ähnliche Szenarien.

Herr Kovic, inwiefern spielten Verschwörungstheorien beim Aufstand in Washington eine Rolle?

Ohne Verschwörungstheorien wäre es nicht zum Aufstand gekommen. In den USA leben Millionen Menschen in einer Parallelwelt, die von Verschwörungstheorien geprägt ist, in denen Trump der «Messias» der Welt ist. Die Lage spitzt sich seit 2017 zu. Trump befeuerte in den letzten Monaten diese wilden Theorien stark, indem er behauptet, die Wahl gewonnen zu habe. Seine Rede vom Mittwoch, in dem er seine Anhänger aufforderte, zum Capitol zu ziehen, brachte das Fass zum Überlaufen.

Nutzt Trump die Verschwörungstheorien strategisch?

Das bezweifle ich. Trump scheint mir dazu nicht fähig zu sein. In den letzten Jahren merkte er jedoch, dass genau diese Leute ihn anhimmeln und er konnte es sich so leisten, seine Lügen weiterzuverbreiten. Dabei erhielt er nicht nur vom Volk, sondern auch von vielen Kongressabgeordneten Unterstützung.

Wie aber bringen Verschwörungstheorien Menschen dazu, das Capitol zu stürmen und gewaltsam zu besetzen?

Das, woran wir glauben, bewegt uns. Und anscheinend gibt es genug Leute, die den Theorien von «Q» glauben (siehe Box unten). Diese Trump-Anhänger haben in ihrer Wahrnehmung mit dem Sturm aufs Capitol die Demokratie und ihr Land retten wollen.
Wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass sich so viele Menschen mit solchen Weltanschauungen verbunden fühlen?

Man kann sagen: Wenn mir etwas in der Welt nicht passt, dann baue ich mir eine Verschwörung.

Und was «passt» in den USA denn konkret nicht?

Die Leute sind verunsichert durch die Fake News, die unter anderem durch den Nachrichtensender «Fox News» oder die Webseite «Daily Wire» verbreitet wurden. Das war auch schon vor Trump der Fall. Trump inszenierte sich dann als Erlöser.

Wie ist ihm das gelungen?

Er ist ein begabter Demagoge, seine leidenschaftlichen Reden ziehen die Leute in einen Bann. Er ist die perfekte Verschwörungsfigur.

Verschwörungstheorien scheinen sich von ihrem Nischendasein verabschiedet zu haben.

Aus der Forschung weiss man: Verschwörungstheorien waren nie ein Randphänomen. Jeweils ein Drittel der Bevölkerung glaubt an eine. Dazu kommt, dass das Internet gewisse Theorien viral gehen lässt und somit so viele Menschen wie noch nie erreicht. Es ist eine Pandemie von Verschwörungstheorien.

Beunruhigt Sie das?

Ich mache mir grosse Sorgen. Man empört sich nicht mehr über Verschwörungstheorien, sie sind salonfähig und normal geworden. Aber sie sind nicht normal! Der Sturm aufs Capitol zeigt, wie zerbrechlich eine Gesellschaft ist.

Ist auch die Schweizer Gesellschaft zerbrechlich?

In der Schweiz könnte so ein Aufstand ebenfalls passieren – also dass zum Beispiel Radikale das Bundeshaus stürmen. Denn wir haben dieses aggressive Verschwörungspotential auch bei uns. Das kann sehr schnell gehen: Letztes Jahr gab es in Deutschland einen versuchten Sturm auf den Reichstag.

Was kann man in der Schweiz tun, damit die Verschwörungen weniger werden?

Der Bundesrat darf sich nicht nur via Medien mitteilen. Denn manche Menschen lesen nie Zeitungen und schauen keine Fernsehnachrichten. Diese Leute glauben dann die skurrilen Informationen, die sie via Whatsapp oder soziale Medien von Bekannten zugeschickt bekommen.

Wie müsste der Bundesrat Ihrer Meinung nach kommunizieren?

Er muss direkt mit der Bevölkerung in Kontakt treten, zum Beispiel mit der Zusendung einer Info-Broschüre. Die hätte noch heute eine grosse Wirkung – auch bei der jüngeren Generation. Oder eine offizielle SMS des Bundes. Das funktioniert in den asiatischen Länder gut.

Inwiefern spielt die Pandemie eine Rolle bei der Verbreitung von Verschwörungstheorien?

Sie ist ein Brandbeschleuniger – auch in der Schweiz. In einer Krise sind die Menschen anfälliger für Verschwörungstheorien, denn sie wollen Antworten: Wann ist es vorbei? Wie wird das eigene Leben weitergehen? Die Theorien geben dann einfache Antworten auf komplexe Fragen.

Gibt es den durchschnittlichen Verschwörungstheoretiker?

Ja, meist hat er einen tiefen sozioökonomischen Status. Heisst, er genoss wenig Bildung und in der gesellschaftlichen Hierarchie gehört er eher zur unteren Schicht. Berechtigterweise empfindet er das als unfair.

Und dies macht ihn empfänglicher für Verschwörungstheorien?

Ja, denn die Theorien vermitteln ein Gefühl von Geborgenheit und Kontrolle: Man meint zu wissen, warum gewisse Dinge passieren.

Im Fall von QAnon: Weil es die «pädophile Elite» so will?

Genau. Die Alternative wäre ja, die tief institutionell eingebrannten Probleme mit schwerer Arbeit und Mühe selbst lösen zu versuchen. Dieser Weg ist vielen zu unangenehm und macht ihnen Angst.

Warum wird überhaupt von einer «pädophilen Elite» geredet?

Es sind alte Motive. Seit Jahrtausenden werden antisemitische Verschwörungstheorien weitergegeben, die von Juden erzählen, die sich an Kindern vergehen, sie umbringen und ihr Blut trinken.

Twitter, Facebook, Youtube – sie alle haben 2020 begonnen, Gruppen und Inhalte rund um Verschwörungstheorien zu löschen. Nützt das gegen deren Verbreitung?

Wahrscheinlich. Das Problem hier ist, dass es willkürlich und die Richtlinien nicht demokratisch legitimiert sind: Warum werden Posts über QAnon gelöscht, Inhalte mit Verschwörungstheorien über Impfungen aber nicht? Letztlich ist die Aktion dieser Plattformen heuchlerisch, da sie es nur machen, weil ihre Werbekunden nicht in einem solchen Umfeld werben wollen.

Wie geht man im privaten Umfeld mit Verschwörungstheoretikern um?

Man darf sich über die Personen nicht lustig machen. Wir sollen uns empathisch zeigen und mit ihnen ins Gespräch kommen. Gerade im familiären Umfeld kann das aber auch frustrierend sein.

Können wir im Gegenzug etwas von den Verschwörungstheoretikern lernen?

Ja, sie erkennen die Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten. Sie legen ihre Finger auf die richtige gesellschaftlichen Probleme – ziehen aber die falschen Schlussfolgerungen.

Was ist QAnon?

Laut der QAnon-Verschwörungstheorie beherrscht eine satanistische Elite die Welt. Sie soll einen internationalen Pädophilenring betreiben, in dem Kinder ihren Eltern entrissen, eingesperrt und gefoltert würden. Der Grund sei ein Stoff namens «Adrenochrom», welche der Pädophilen-Ring aus dem Blut der gefangenen Kinder herstelle, um sich selbst zu verjüngen.

US-Präsident Donald Trump soll laut der Verschwörungstheorie gegen diesen Ring kämpfen. Er gilt bei den Anhängern der Theorie deshalb als Held. Beweise für die Behauptungen gibt es keine.

Die QAnon-Bewegung löste 2017 ein User namens «Q» aus, der im Internetportal «4chan» über bevorstehende Massenverhaftungen in den USA schrieb.

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