Scheidungskinder: «Wenn es lässig war bei Vater, konnte ich es Mutter nicht sagen»

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Scheidungskinder«Wenn es lässig war bei Vater, konnte ich es Mutter nicht sagen»

Jedes zehnte Trennungskind in der Schweiz verliert den Kontakt zu Vater oder Mutter. Betroffene erzählen.

Etwa in jedem zehnten Fall verlieren Trennungskinder den Kontakt zu Vater oder Mutter. Das geht aus dem Familienbericht des Bundesamts für Statistik hervor. Davon betroffen war auch Sven (55). Er sagt: «Irgendwann ging ich nicht mehr zum Vater. Der Druck war zu gross.» (Themenbild)
Es kommt aber auch vor, dass Mütter den Kontakt zu ihren Kindern verlieren. Nikolina (40) ist in einer solchen Situation. Sie sagt: «Mein Ex-Mann und seine neue Frau haben gewonnen. Es war ihr Ziel, dass sie zu mir keinen Kontakt mehr haben müssen.» (Themenbild)
Olivia (41) war elf, als ihre Eltern sich trennten. Sie hat den Kontakt zum Vater nicht verloren, doch unter Eltern-Kind-Entfremdung kann sie sich etwas vorstellen. «Man ist als Scheidungskind oft unter Druck oder in einem Loyalitätskonflikt.» (Themenbild)
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Etwa in jedem zehnten Fall verlieren Trennungskinder den Kontakt zu Vater oder Mutter. Das geht aus dem Familienbericht des Bundesamts für Statistik hervor. Davon betroffen war auch Sven (55). Er sagt: «Irgendwann ging ich nicht mehr zum Vater. Der Druck war zu gross.» (Themenbild)

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Darum gehts

  • In jedem zehnten Fall verlieren Trennungskinder den Kontakt zu Vater oder Mutter.

  • Manchmal bricht der Kontakt für Jahrzehnte ab.

  • Betroffene erzählen aus Vater-, Mutter- oder aus Kinder-Perspektive.

Etwa in jedem zehnten Fall verlieren Trennungskinder den Kontakt zu Vater oder Mutter. Das geht aus dem Familienbericht des Bundesamts für Statistik hervor. Betroffen sind rund 13’000 Kinder in der Schweiz. 20 Minuten hat mit Personen gesprochen, die selber den Kontakt zu ihren Eltern oder Kindern verloren haben.

Sven (55): «Mit 24 merkte ich, dass es nicht in Ordnung war»
Eltern-Kind-Entfremdung: Sven weiss, was das ist. Er war elf, als seine Eltern sich trennten. Zunächst besuchten er und sein jüngerer Bruder den Vater regelmässig, irgendwann seltener, dann gar nicht mehr. Der Druck sei zu gross gewesen, erzählt Sven. Die Eltern waren fest zerstritten, die Mutter habe nicht gewollt, dass die Kinder zum Vater gehen. Sie habe ihn Versager genannt und alles Schlimme. Wenn es lässig war beim Vater, konnten sie es der Mutter nicht erzählen, sagt Sven. Er war 13, als der Kontakt abbrach, und 24, als er merkte, dass es nicht in Ordnung ist, was geschehen war. «Mag sein, dass mein Vater viele Schwächen hat. Doch ich hätte diese Erfahrung selber machen wollen.» Nach dem Studium nahm er den Kontakt wieder auf, doch die Familie ist bis heute zerrüttet. Auch gewisse Erlebnisse prägen Sven bis heute. «Ich habe immer noch ein Sommerferien-Trauma.» Da waren diese schrecklichen Übergaben in der Mitte der Sommerferien, irgendwo auf einem Parkplatz. Die Eltern stellten das Auto in möglichst weiter Distanz zueinander ab, die Buben verabschiedeten sich von einem Elternteil und liefen allein über den Parkplatz zum anderen. «Es war absurd», sagt Sven. «Eltern sollten nie, egal, was passiert, Druck auf die Kinder ausüben und sie im Kontakt zum anderen Elternteil behindern.»

Olivia (41): «Man ist als Scheidungskind oft in einem Loyalitätskonflikt»
Auch sie ist elf, als ihre Eltern sich trennen. Der Vater zieht in ein Zimmer, Olivia und ihr kleiner Bruder verbringen dort die Besuchszeiten oft mit TV-Konsum und nächtelangen Diskussionen. Der Vater hat das Bedürfnis, seine Enttäuschung zu verarbeiten. «Das Schwierigste waren die neuen Rollen der Eltern», sagt Olivia. Der Vater, auf einmal hilflos, weinte plötzlich mitten in der Stadt. Weinte beim Abschied von den Kindern. Die Mutter hatte sich einen Panzer aus Sarkasmus zugelegt, zu verletzt, um Liebe wieder zuzulassen. «Als Kind siehst du deine Eltern als Einheit. Wenn etwas ist, wissen sie, was zu tun ist. Für Scheidungskinder zerfällt diese Illusion früh.» Der Kontakt zum Vater ist nie abgebrochen. Doch Olivia weiss, wovon die Rede ist, wenn sie von Eltern-Kind-Entfremdung hört. «Man ist als Scheidungskind oft unter Druck und in einem Loyalitätskonflikt. Manchmal wurde mir erst im Nachhinein bewusst, wie die Interessen der Eltern eingeflossen sind.» Da war zum Beispiel die Party bei der Freundin an einem Vater-Wochenende. Olivia wollte dem Vater nicht absagen, sie wollte ihn nicht enttäuschen. Die Mutter meinte, sie solle dem Vater absagen, sie dürfe sich von ihm emanzipieren. «Doch das ist nicht so einfach, wenn du weisst, dass sich dann niemand mehr um ihn kümmert.»

Thomas (65): «Auf Linkedin sehe ich, dass meine Tochter ihr Studium abgeschlossen hat»
Er googelt seine Kinder manchmal und erfährt dann etwa, dass seine Tochter geheiratet und einen Sohn hat, dass sie jetzt anders heisst. Auf Linkedin sieht er, dass sie ihr Studium abgeschlossen und einen guten Job hat. Thomas hat alle Daten im Kopf: Am 18. Dezember 1997 war es, als seine Ex-Frau Bedenken äusserte, er könnte pädophil werden. «Dann habe ich mich zurückgezogen. Die Kinder haben am Besuchswochenende nur noch im Haus meiner Geschwister übernachtet. Ferien machte ich mit den Kindern keine mehr. Ich hatte Angst, dass man mir etwas unterstellen würde.» Damals war die jüngste Tochter vier, die älteste zehn Jahre alt. Heute sind alle längst erwachsen, den Kontakt zum Vater haben sie abgebrochen. Der letzte Kontakt war am 4. Januar 2009 im Rahmen einer Mediation. Warum ging es schief? «Meine Ex-Frau hat die Kinder von mir wegerzogen», sagt Thomas. Sie sei mit ihnen 150 Kilometer weit weggezogen. Er habe hohe Alimente zahlen müssen, habe am Existenzminimum gelebt, das jahrelange Scheidungsverfahren habe ihn zermürbt. Schliesslich sei er arbeitsunfähig geworden. «Meine Ex-Frau und Ex-Schwiegermutter hingegen machten den Töchtern ein tolles Programm. Die Kinder merken irgendwann, wo es ihnen besser gefällt. Die Mutter macht das Bett, hilft bei den Aufgaben, räumt die Wohnung auf, das Essen steht auf dem Tisch. Dort hatten sie alles.» Über eine gemeinsame Bekannte hat Thomas versucht, die Töchter nach Jahren wieder zu kontaktieren. Die Antwort kam dieser Tage: «Die Töchter schreiben mir, dass sie mich nicht sehen wollen. Eine schreibt, das bringe ihr nichts.»

Nikolina (40): «Beim Vater haben sie eine grosse Familie, bei mir nicht»
Im Sommer hat Nikolina ihre Tochter das letzte Mal gesehen, im Rahmen einer Mediation bei der Kesb. Das Gespräch sei völlig ausgeartet, erzählt Nikolina, die Tochter habe geweint. Sie wolle die Tochter nicht weiter unter Druck setzen. Nun finden keine Gespräche bei der Kesb mehr statt. Vor neun Jahren haben sich Nikolina und ihr Mann getrennt, die Kinder, damals neun und drei Jahre alt, blieben bei der Mutter und besuchten den Vater regelmässig. So wie es in den meisten Scheidungsfamilien der Fall ist. Doch dann hätten sich die Kinder immer mehr in Richtung Vater entwickelt. Dieser hatte wieder eine Frau und mit ihr weitere Kinder. «Dort haben sie eine grosse Familie, bei mir nicht.» Sie sei tolerant gewesen und habe die Kinder ziehen lassen. «Vielleicht hätte ich strenger sein sollen», sagt Nikolina heute. Irgendwann zogen sie zum Vater und besuchten die Mutter, und schliesslich besuchten sie die Mutter nicht mehr. Nikolina sagt: «Mein Ex-Mann und seine neue Frau haben gewonnen. Es war ihr Ziel, dass sie zu mir keinen Kontakt mehr haben müssen.» Die Leute sagen zu Nikolina: «Wenigstens weisst du, dass es deinen Kindern gutgeht.» Sie kann es nicht mehr hören. Die Leute haben keine Ahnung. Lebensfreude empfinde sie keine mehr, den Kontakt zu Freunden habe sie abgebrochen, sagt Nikolina. Manchmal schreibt sie der Tochter ein SMS, etwa kürzlich zum Geburtstag. Sie schrieb: «Ich habe Dich lieb. Dein Mami.» Die Tochter antwortete, das stimme gar nicht. 

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