Ivica Kostelic, der Überflieger

Aktualisiert

Sieben Rennen, vier SiegeIvica Kostelic, der Überflieger

Ivica Kostelic dominiert den Ski-Weltcup momentan nach Belieben. Sein Erfolgsrezept ist dabei sehr einfach.

Reto Fehr
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Reto Fehr

Ivica Kostelic nach den Rennen von Wengen über den Gesamtweltcup.

«Nur Siege», sammle Ivica Kostelic gemäss eigener Aussage auf seiner Homepage. Dies unterstreicht er in diesem Jahr bisher eindrücklich. Sieben Rennen wurden ausgetragen, viermal gewann er. Dazu kommt ein 2. Rang, ein 5. Platz und als kleiner «Abschiffer» Rang 12 in der Abfahrt von Wengen. Damit hat sich der Kroate in den vergangenen zwei Wochen zum absoluten Favoriten auf den Gesamtweltcup gemausert. Von den letzten 700 möglichen Punkte, sicherte er sich deren 547. Der Zweitplatzierte Aksel Lund Svindal liegt schon über 200 Punkte – oder zwei Siege – hinter dem Kroaten.

Noch am Jahreswechsel sah das ganz anders aus. Silvan Zurbriggen totalisierte nach dem zweiten Rang in der Abfahrt von Bormio 394 Punkte und lag 215 Zähler vor Kostelic. Zurbriggen liess danach den Parallelslalom in München aus und holte in den letzten sechs Rennen lediglich noch 75 Punkte, sein bestes Resultat war Rang 10 im Slalom von Adelboden. Damit hat sich der Schweizer praktisch aus dem Rennen um die grosse Kristallkugel verabschiedet.

Der «kleine Bruder» von Janica

Doch auch Kostelic will nach den Rennen im Berner Oberland noch nichts vom Gesamtweltcup wissen: «Ich bin da in Führung, weil ich mich nicht auf den Gesamtweltcup konzentriere. Ich habe einfach nur auf das nächste Rennen geschaut.» Nicht aussergewöhnlich, dass sich der 31-Jährige so den Druck nehmen will. Schon in der Vergangenheit haben Skifahrer immer wieder betont, dass sie erst zum Saisonende hin auf diese Wertung schauen wollen. Zumindest sagen sie dies öffentlich so.

Bei Kostelic ist jedoch schon länger bekannt, dass er die grosse Kristallkugel unbedingt in seiner Sammlung haben will. Als «kleiner Bruder» von Janica feierte er bis zum Rücktritt seiner Schwester 2007 immer wieder Erfolge, konnte Janica aber nie das Wasser reichen. Sie ist vierfache Olympiasiegerin, fünffache Weltmeisterin und holte sich zweimal den Gesamtweltcup. Ivica hat in seiner Sammlung bisher drei silberne Medaillen von Olympia und einen Weltmeistertitel im Slalom von 2003. Doch seit dem Rücktritt von Janica ist der Fokus auf ihn gerichtet. So fehlt seine Schwester und sein Vater, welcher immer sein einziger Trainer war, bei keinem Rennen mehr. Die beiden jubelten jeweils in den Zielräumen von Adelboden und Wengen mit.

Harte Schule

Seit 2008 fährt Kostelic in allen Disziplinen. Im Gesamtweltcup bescherte ihm dies die Ränge 6 (2008), 4 (2009) und 5 (2010). Jetzt soll es endlich mit dem Podest klappen. Dabei fing die Saison mit dem dritten Rang in Levi verheissungsvoll an. In den nächsten neun Rennen, war er dann aber nie besser als Rang 11. Nach Platz 20 im Riesenslalom von Alta Badia liess der Kroate über Weihnachten die Rennen in Bormio aus. Diese Pause war wohl entscheidend für den aktuellen Schub.

Mit Glück soll die Hochform nichts zu tun haben. Kostelic findet nur ein Wort für seine aktuellen und Janicas frühere Erfolge: «Arbeit.» Vater Ante hätte die beiden schon immer viel trainieren lassen. Früher hätten sie wie die Eltern auch Handballer werden sollen. Doch als es nach dem Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien für die Mannschaftssportarten zumindest für den Moment mit der Teilung der Nation nicht mehr gut aussah, sattelten sie aufs Skifahren um – eine Einzelsportart. Einfach war das nicht. Denn Schnee liegt in Kroatien nicht so oft wie in anderen Ländern. So musste Ivica häufig im Freien übernachten, weil die Reisen sonst zu teuer geworden wären. Im Interview mit der «NZZ» erklärt er: «Nur Janica durfte im Auto übernachten. Das tönt spektakulär, war aber in unserer Familie fast normal. Auch auf unserer Sommerinsel haben wir bis heute keine Elektrizität und Wasser nur in Tanks. Wir waren stets sehr naturverbunden. Wenn ich im Freien schlafend manchmal fror, wusste ich: Das muss sein, damit ich morgen Ski fahren kann.» Die harte Schule scheint sich auszuzahlen und Kostelics Hobby, «Siege zu sammeln», dürfte ihm in dieser Saison noch einige Freude bereiten.

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