Tausende Zettel an Kirche«Jeder einzelne Streifen steht für ein Menschenleben»
Heute ist Weltflüchtlingstag. Beim Versuch Europa zu erreichen, sterben jährlich tausende Menschen auf der Flucht. An der St. Laurenzenkirche in St. Gallen symbolisieren über 20’000 Stoffstreifen die Schicksale der einzelnen Flüchtlinge.
Darum gehts
Zum Weltflüchtlingstag finden in verschiedenen Schweizer Städten Gedenkaktionen statt.
In St. Gallen wurden an der St. Laurenzenkirche über 20’000 Stoffstreifen aufgehängt, die von einzelnen Flüchtlingsschicksalen erzählen.
Theologe und Seelsorger Chika Uzor erklärt, mit dieser Aktion jeden einzelnen Flüchtling würdigen zu wollen und für die Problematik ein Bewusstsein zu schaffen.
Bereits seit 2001 wird jeweils am 20. Juni der Weltflüchtlingstag begangen. Auch in der Schweiz finden in verschiedenen Städten Protestaktionen statt. Diese werden von der Gedenk- und Traueraktion «Beim Namen nennen» organisiert. So auch in St. Gallen. An der St. Laurenzenkirche hängen seit Anfang Juni tausende Stoffstreifen, die den verstorbenen Flüchtlingen gedenken sollen.
Chika Uzor, Theologe und Seelsorger für Flüchtlinge und Migrant*innen bei der Katholischen Kirche St. Gallen, zur Aktion Beim Namen nennen: «Jeder einzelne Streifen steht für ein Menschenleben, das beim Versuch nach Europa zu flüchten, ausgelöscht wurde.» Seit 1993 seien über 44’000 dokumentierte Frauen, Männer, Jugendliche, Kinder und Babys auf der Flucht gestorben, erklärt Uzor weiter. Die meisten seien ertrunken, erstickt oder erschossen.
Vom Boot gestossen
Auf einem Streifen steht geschrieben: «8.7.2000, Negmiye Beraj (10 Monate, Baby), Kosovo: Von vor der Polizei flüchtenden Schleppern an der italienischen Küste zurückgelassen und gestorben.» Ein anderer Streifen erzählt die Geschichte von der schwangeren Mary Ipishbe (27) aus Nigeria, am 25.05.2017 ertrunken bei Tripoli, Lybien. Sie wurde vom Boot gestossen, als ein Rettungsboot auftauchte und in Palermo (IT) begraben.
«Über 20’000 Streifen von Hand beschriftet»
«Unser Ziel ist es, mit dieser Aktion jeden einzelnen Flüchtling beim Namen zu nennen, als Mensch darzustellen und ihn damit zu würdigen.» Ausserdem diene die Protestaktion dazu auf die unmenschliche Situation von flüchtenden Menschen hinzuweisen und ein Bewusstsein dafür zu schärfen. Für das Beschriften der Stoffstreifen mit Namen von diesen Verstorbenen seien Freiwillige am Werk gewesen, sagt Uzor: «Die Anteilnahme war riesig. Wir haben in kürzester Zeit um die 20’000 Streifen von Hand beschriftet.» Die Teilnehmenden seien so in die Biografie der einzelnen Flüchtlinge eingetaucht und wären sichtlich betroffen gewesen von der jeweiligen Tragik der einzelnen Schicksale.
«Man müsste mehr machen können»
Ein Passant sagt zu 20 Minuten: «Es ist schon verrückt irgendwie: Wir ärgern uns über Reiseeinschränkungen wegen Corona und das Maskentragen, während gleichzeitig tausende Menschen jährlich auf der Flucht sterben und von einer solchen Freiheit wie bei uns nur träumen können.» Auch eine ältere Dame, die gegenüber der Kirche wohnt, befürwortet die Aktion: «Es müsste viel mehr solche Aktionen geben. Wir vergessen oft, wie gut es uns geht.» Albert (17) findet es auch super, dass man den verstorbenen Flüchtlingen gedenkt, aber: «Man müsste mehr machen können, als nur symbolisch Streifen aufhängen. Leider rettet diese Aktion keine Leben.»
«Asyl in den Schweizer Botschaften müsste ermöglicht werden»
Dass man mehr machen muss in der Flüchtlingsfrage, davon ist auch Uzor überzeugt: «Mein Wunsch ist es, dass wir durch solche Aktionen auch die Politik dazu ermuntern, Projekte zu unterstützen, die Flüchtlingen sichere legale Fluchtwege ermöglichen.» Damit Menschen einen derart gefährlichen Weg gar nicht erst antreten müssten. Nur weil die Menschen keine legalen Möglichkeiten hätten, nach Europa zu flüchten, würden sie dieses Risiko auf sich nehmen, um Schutz für sich und ihre Familie zu finden. «Es müsste ermöglicht werden, dass Flüchtlinge direkt in den jeweiligen Schweizer Botschaften Asyl beantragen könnten», ist Seelsorger Uzor überzeugt.
An der St. Laurenzenkirche werden die Streifen am Montag wieder abgenommen und für nächstes Jahr aufbewahrt. Uzor erklärt: «Unser Ziel ist es, beim nächsten Weltflüchtlingstag die restlichen Schicksale der Verstorbenen aufzuschreiben. Wir hoffen, dass die Zahl der toten Flüchtlinge bis dahin nicht massiv steigen wird.»
Hast du oder hat jemand, den du kennst, Fragen oder Probleme im Bereich Migration/Asylverfahren?
Hier findest du Hilfe:
Schweizerische Flüchtlingshilfe, Tel. 031 370 75 75
Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer SRK, Tel. 058 400 47 77
Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration, Tel. 044 436 90 00
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