PflegepersonalJetzt reden die Impfverweigerer
Die Impfung soll eine Rückkehr in die Normalität bringen, doch beträchtlicher Teil des Pflegepersonals will sich nicht impfen lassen. Drei Pflegende legen ihre Beweggründe dar.
Darum gehts:
Das Pflegepersonal steht wegen seiner Impfskepsis in der Kritik.
Drei Pfleger erzählen, wieso sie eine Corona-Impfung ablehnen.
Yvonne Ribi vom Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner sagt, wieso sie von einer Impfpflicht nichts wissen will.
Die Zurückhaltung des Pflegepersonals gegenüber der Corona-Impfung ist teils immer noch gross, wie 20 Minuten am Montag berichtete. Die kritische Einstellung der Pflegerinnen und Pfleger überrascht zahlreiche Politiker. SVP-Nationalrätin Therese Schläpfer etwa sieht ohne Durchimpfung der Risikogruppen und ihrer Kontaktpersonen Lockerungen der Corona-Massnahmen in weite Ferne rücken: «Wir können nicht ewig in den Lockdown und alle anderen strafen, nur weil sich Senioren und Pflegende nicht impfen lassen wollen.» Andere wollen nun ein Impfobligatorium für Pflegeberufe.
Bei 20 Minuten haben sich zahlreiche Leserinnen und Leser gemeldet, die im Pflegebereich tätig sind. Die erklären ihre kritische Haltung gegenüber der Corona-Impfung. Altenpflegerin T. P.* (22) zum Beispiel ist überzeugt: «Ich liebe meinen Job, doch ich werde mich sicher nicht gegen Corona impfen lassen. Dafür würde ich auch eine Entlassung in Kauf nehmen.» Sie habe den Eindruck, die Diskussion um die Impfung sei viel zu emotionalisiert und zugespitzt.
Laut P. müssten zuerst alle Leute die grundsätzlichen Hygiene- und Schutzregeln lernen, bevor man sich unbekannte Impfstoffe injiziere. Denn das könne auch dazu führen, dass man wegen Nebenwirkungen von der Arbeit ausfalle, was beim schon überforderten Pflegepersonal zu ernsthaften Probleme führte. Zudem müsse man sehen, dass man neben Corona auch eine andere Krankheit an den Arbeitsplatz mitschleppen könne. «Ich mag meine Patienten sehr, doch man muss halt sehen, auch wenn die Mortalitätsrate bei Corona hoch ist: Wenn meine Patienten nicht an Corona sterben, dann sterben sie halt an einem anderen Virus.» Es sei also wichtig, den Impfstoff zuerst genau auf seine Wirkungen und Langzeitfolgen zu untersuchen.
Pflegende befürchten Langzeitschäden
Viele Pfleger sorgen sich , weil sie Langzeitschäden der Corona-Impfung befürchten. Pfleger J.W.* (26): «Wir haben jeden Tag mit Medikamenten zu tun und kennen die Nebenwirkungen. Da wir bei der Corona-Impfung die Langzeitschäden noch nicht kennen, würde ich mich nie dagegen impfen lassen. Sogar meine Vorgesetzte ist da skeptisch.» Pfleger B.L.* (21) vom Unispital Zürich sagt dazu: «Schlussendlich muss das Pflegepersonal das dann ausbaden und nicht die Leute, die über uns bestimmen. Man sollte uns doch offenlassen, ob wir das wollen oder nicht.» Sollte es zu einem Impfzwang kommen, würde der Pfleger aber mitmachen. «Dann haben wir ja keine Wahl mehr.»
«Viele unserer Freunde zeigen kein Verständnis»
Im Gegensatz zu seinen Arbeitskollegen ist für Pflegefachmann R. W.* (25) klar: Er will sich so bald wie möglich impfen lassen. Er habe sich über die Impfung informiert und sei für sich zum Schluss gekommen, dass die Impfung sicher sei. Das sagt auch S. B.* (33). Sie arbeitet in einem Pflege- und Altersheim und hat sich bereits für die Corona-Impfung angemeldet. Von den Reaktionen aus ihrem Umfeld wurde die Pflegerin aber überrascht. «Viele unserer Freunde zeigten gar kein Verständnis dafür. In der Arbeit sprechen auch einige nicht mehr mit mir, seit sie wissen, dass ich mich gegen Corona impfen lasse.» B.* kann sich die negativen Reaktionen nicht erklären. «Bei uns im Altersheim wird darüber aber auch nicht gesprochen, niemand weiss, was uns in den nächsten Wochen und Monaten erwartet.»
Frau Ribi, wieso sind Sie gegen ein Impfobligatorium?
Yvonne Ribi ist seit 2013 Geschäftsführerin des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK. Mit seinen rund 25 000 Mitgliedern ist er einer der grössten Berufsverbände im Gesundheitswesen. Sie nimmt Stellung zur Impf-Kontroverse.

Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK
SBKFrau Ribi, wie erklären Sie es sich, dass das Pflegepersonal so kritisch gegenüber der Impfung ist?
Ich glaube, dass immer noch viel Unsicherheit da ist. Die Impfung ist etwas Neues und man kennt die Langzeitfolgen noch nicht. Zudem ist es etwas sehr persönliches, denn man spritzt sich etwas in seinen eigenen Körper, was man nicht wirklich kennt. Doch wir vertrauen auf die Zulassungsbehörden, dem Bundesamt für Gesundheit und der eidgenössischen Komission für Impffragen, dass der Impfstoff sicher und wirksam ist. Mit guter Information und Aufklärung über die Impfung kann man sicher viele Unsicherheiten aus dem Weg räumen. Unser Verband arbeitet auch mit dem BAG zusammen. Zurzeit läuft auch eine gemeinsame Kampagne, die über die Impfung aufklärt.
Reicht das? Warum lehnen sie denn ein Impfobligatorium ab?
Wir finden es wichtig, dass die Leute selber und freiwillig, gestützt auf fundierte Erkenntnisse, ihre Entscheidungen fällen. Dann gilt es aber, jeden Entscheid zu akzeptieren. Ein Obligatorium kommt also nicht infrage, wäre nicht verhältnismässig und ist aktuell auch kein Thema.
Kritiker sagen: «Verweigern Risikogruppen und ihre Betreuungspersonen die Impfung, kommen wir nie aus dem Lockdown raus.»
Die Impfung ist ein Puzzlestein in der Bekämpfung der Pandemie, schwere Krankheitsverläufe werden bei Geimpften zu 95 Prozent verhindert. Das Pflegepersonal setzt seit einem Jahr alles daran, Risikogruppen zu schützen, das wird es auch weiterhin tun. Wichtig ist, dass die Fallzahlen rapide sinken, dass die Gefahr einer Ansteckung wieder reduziert wird.
Könnte man mit einem Impfobligatorium für das Pflegepersonal nicht mehr Risikopatienten schützen?
Es ist wichtig zu sehen, dass die Impfung nicht nur die einzige Massnahme ist im Kampf gegen die Pandemie. Mit der Impfung können wir schwere Krankheitsverläufe verhindern. Doch wir müssen uns alle weiterhin an die geltenden Schutz- und Hygienemassnahmen halten, die einen grossen Einfluss auf die Verbreitung des Virus haben.
Unter Pflegenden geht zudem das Gerücht um, dass die Corona-Impfung Frauen unfruchtbar machen kann.
Davon habe ich keine Kenntnisse. Wichtig ist, dass man die Informationen bei offiziellen Stellen bezieht, wo man die Quellen der Information auch verifizieren kann.
So sicher ist die Impfung
Gemäss den Impfstoffherstellern Moderna und Pfizer/BioNTech gibt es bisher keine Sicherheitsbedenken. Der Impfstoff sei gut verträglich. Unterstützung bekommt die Impfung zudem unter anderem von der Unia und dem Schweizerischem Berufsverband für Pflegefachpersonal. In ihrem Positionspapier weisen sie darauf hin, dass der Impfstoff aufgrund der Daten wirksam, sicher und von guter Qualität ist. Sie verweisen dabei auf das Zulassungsverfahren von Swissmedic, den Empfehlungen des BAG und der Eidgenössischen Kommission für Impffragen (EKIF).
Hast du oder jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?
Hier findest du Hilfe:
BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00
Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona
Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige
Hotline bei Angststörungen und Panik, 0848 801 109
Pro Juventute, Tel. 147
Dargebotene Hand, Tel. 143