GeschlechterJunge Frauen sind in Bezug auf das Geschlecht flexibel
Mann oder Frau sind soziale Etiketten, die man ablegen kann. Das ist die Vorstellung vieler junger Frauen. Junge Männer sehen das anders.
Darum gehts
Gibt es neben den Kategorien Mann und Frau noch weitere Formen der Geschlechtsidentität? Die Mehrheit der Befragten einer Studie von Sotomo sagt: Ja. Nur 18 Prozent sind der Ansicht, dass es ausschliesslich Mann und Frau gibt, 20 Prozent hingegen anerkennen das biologische Geschlecht gar nicht, sondern sehen dieses als gesellschaftliches Konstrukt.
Die Studie zeigt auch, dass insbesondere junge Frauen in Bezug auf das Geschlecht flexibel sind. Für die Hälfte der 18- bis 25-jährigen Frauen gibt es keine scharfe Abgrenzung zwischen Mann und Frau. Ebenso für 57 Prozent der 26- bis 35-jährigen Frauen.
Junge Männer sehen das ganz anders. 76 Prozent beziehungsweise 73 Prozent dieser Alterskategorien sind der Ansicht, dass es meistens oder immer nur Mann und Frau gebe.
«Die Frauen laufen deshalb nicht in Männerkleidern herum»
«Junge Frauen finden mehrheitlich, dass man das Geschlecht wechseln und mit Geschlechterrollen spielen kann. Sie sehen das Geschlecht als etwas Flexibles, Wandelbares», sagt Studienautor Michael Hermann. Diese Ansicht beziehe sich eher auf die Werthaltung als auf das reale Leben. «Die wenigsten dieser Frauen laufen deshalb in Männerkleidern herum.»
Viele Männer hingegen irritiere diese Haltung und grenzten sich davon ab, sagt Hermann. Das Mannsein sei wichtig für diese Altersgruppe. Sie lehne es ab, dass die Geschlechterkategorien verwischt werden. Auffällig viele junge Männer wollten sich ihrer Identität gewiss sein.
Hermann interpretiert das Studienresultat so: «Viele junge Leute propagieren heute ein diverses, queeres Weltbild. Dann gibt es die Gegenbewegung jener, die sich davon provoziert fühlen. Sie sind mitunter homophob und gewaltbereit, was sich bei Gewalteskalationen im Ausgang zeigen kann.» In vielen Ländern Osteuropas sei diese Gegenreaktion aber noch deutlich stärker ausgeprägt.
Das Geschlecht zu ändern, erfordert Mut
Interessant ist die Studie auch im Hinblick auf eine Gesetzesänderung, die am 1. Januar in Kraft tritt. Neu können Personen ihr eingetragenes Geschlecht und ihren Vornamen beim Zivilstandsamt rasch und unbürokratisch ändern lassen.
Doch viele Betroffene werden sich schämen, dies zu tun, meint Michael Hermann. Denn die Studienteilnehmenden sind mehrheitlich der Ansicht, dass nichts so viel Mut brauche wie eine Geschlechtsänderung.
52 Prozent finden, dass eine Geschlechtsänderung besonders viel Mut erfordere. Andere Entscheidungen wie Heiraten, Kinderkriegen, Scheidung, Umzug oder Jobkündigung betrachten viel weniger Teilnehmende als Mutprobe.
«Eine Geschlechtsänderung ist zwar mittlerweile akzeptiert, irritiert aber immer noch viele Leute», sagt Michael Hermann. Es bestehe die Angst vor Ablehnung und Isolation. Er gehe davon aus, dass deshalb nur wenige sich zu diesem Schritt entschliessen könnten. 0,4 Prozent der 2700 Personen, die im Oktober 2021 befragt worden seien, hätten angegeben, dass sie sich weder als Mann noch als Frau sähen.