10 Tage frei: Männer verzichten aus Angst vor Kündigung auf Vaterschaftsurlaub

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10 Tage freiMänner verzichten aus Angst vor Kündigung auf Vaterschaftsurlaub

Bis zu 25 Prozent der Väter verzichten auf den Vaterschaftsurlaub. Laut Travailsuisse machen die Vorgesetzten Druck. Das stimme so nicht, sagt der Schweizerische KMU-Verband.

Seit Anfang 2021 haben frischgebackene Väter in der Schweiz, die 100 Prozent arbeiten, Anspruch auf zehn Tage Vaterschaftsurlaub.
Laut dem Bundesamt für Sozialversicherungen wird die Erwerbsersatzordnung für Geburten des Jahres 2021 voraussichtlich Vaterschaftsentschädigungen im Umfang von 153 Millionen Franken auszahlen.
Väter müssen die Papizeit innerhalb der ersten sechs Monate nach der Geburt des Kindes beziehen.
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Seit Anfang 2021 haben frischgebackene Väter in der Schweiz, die 100 Prozent arbeiten, Anspruch auf zehn Tage Vaterschaftsurlaub.

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Darum gehts

Erwerbstätige Väter in der Schweiz können seit 2021 zwei Wochen Vaterschaftsurlaub beziehen. Für die zehn Urlaubstage erhalten sie 14 Taggelder, die wie beim Mutterschaftsurlaub eine Entschädigung von 80 Prozent des Erwerbseinkommens bringen, aber höchstens 196 Franken pro Tag betragen.

Laut dem Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) wird die Erwerbsersatzordnung für Geburten des Jahres 2021 voraussichtlich 65’300 Vaterschaftsentschädigungen im Umfang von 153 Millionen Franken auszahlen. Insgesamt nutzen rund 70 Prozent der frischgebackenen Väter in der Schweiz das freiwillige Angebot.

Ein Teil der restlichen 30 Prozent erfüllt die Voraussetzungen für den Vaterschaftsurlaub nicht. Laut dem BSV bleiben rund 15 bis 25 Prozent der Väter übrig, die den Vaterschaftsurlaub nicht beziehen. Warum? Und welche Branchen zögern? Diese Fragen konnte das Bundesamt der Redaktion nicht beantworten.

«Die Frau ist ja sowieso zuhause»

Der Dachverband der Arbeitnehmenden Travailsuisse sagt, dass beim Start des Vaterschaftsurlaubs grosse Verunsicherung geherrscht habe. Man habe über 80 Telefonate von Arbeitnehmern erhalten, die sich beim Verband informierten: Habe ich Anspruch auf die freien Tage? Kann der Arbeitgeber den Urlaub ablehnen? Und wer entscheidet, wann ich die Freitage einsetzen darf? Das seien die wichtigsten Fragen gewesen.

Der Grund für die Verunsicherung sei gewesen, dass die Arbeitgeber schlecht über den Vaterschaftsurlaub informierten. Viele Arbeitgeber hätten den Vätern sogar gesagt, dass es den Vaterschaftsurlaub gar nicht brauche, da «die Frau ja sowieso zuhause sei» oder weil man sich das gar nicht leisten könne.

Angst vor der Kündigung

Fast alle Anrufer berichteten laut Travailsuisse von Vorgesetzten, die gegen den Vaterschaftsurlaub sind und Druck ausüben, darauf zu verzichten. Und fast alle hätten gesagt, dass sie Angst vor der Kündigung haben, wenn sie die Tage beziehen. Sie müssten es sich gut überlegen, ob zwei Wochen frei es wert sei, den Job zu verlieren. Das Problem trete vor allem in KMU auf, die wenig Personal haben, so der Verband.

«Es ist erfreulich, dass 70 Prozent der Väter den Urlaub beziehen», sagt Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungs- und Vereinbarkeitspolitik, beim Verband. «Nun müssen wir dafür sorgen, dass auch der Rest zu seinem Recht kommt und nicht aus Angst vor einer Kündigung oder wegen Nichtwissens darauf verzichtet.»

Der Bericht «Barometer Gute Arbeit» habe im September gezeigt, dass die Arbeitgebenden über die Hälfte der Arbeitnehmenden bis 45 Jahre nicht über den Vaterschaftsurlaub informiert haben. Es gebe zudem keinen Kündigungsschutz für junge Väter und keinen Anspruch auf Vaterschaftsurlaub beim Tod des Kindes.

«Das ist eine Holschuld der Männer»

«Dass KMU nicht genug über den Vaterschaftsurlaub informiert haben, stimmt definitiv nicht», sagt Roland M. Rupp, der Präsident des Schweizerischen KMU-Verbands. Gerade von Kleinbetrieben mit bloss drei bis fünf Mitarbeitenden könne man nicht erwarten, dass sie über alle gesetzlichen Änderungen informieren. 

Willst du den Vaterschaftsurlaub beziehen, wenn du Vater wirst?

Es eine Holschuld der Männer, sich über den Vaterschaftsurlaub zu informieren – und nicht Aufgabe der KMU. Informationen dazu finde man in wenigen Sekunden im Internet. Dass KMU Druck auf Männer ausüben, den Vaterschaftsurlaub nicht zu nehmen, habe er noch nie gehört. Schliesslich sei dieser in der Schweiz gesetzlich verankert.

Rund 88 Prozent der Schweizer KMU hätten weniger als zehn Mitarbeiter, und für diese sei der Vaterschaftsurlaub halt oft nicht realistisch. Das gleiche gelte für Selbstständigerwerbende oder Ein-Mann-Betriebe. Sie könnten sich die zehn freien Tage gar nicht leisten. Denn dann stehe die Firma oft still.

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