Mami oder Krippe: Wie parteitreu leben Politiker?

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FamilienmodelleMami oder Krippe: Wie parteitreu leben Politiker?

Sind alle SVP-Politiker mit Hausfrauen verheiratet und alle Linken mit Karrierefrauen? Mitnichten. Zahlreiche Politiker leben nicht das Familienmodell, das ihre Partei propagiert.

Désirée Pomper
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Désirée Pomper

Die Diskussion rund um die SVP-Familieninitiative ist längst zu einer Diskussion über das richtige und falsche Familienmodell geworden. Geradezu gehässig ist der Ton zwischen den Gegnern und Befürwortern: Während Erstere Letzteren vorwerfen, das traditionelle Familienmodell zu bevorzugen und die Frau wieder zurück an den Herd bringen zu wollen, schimpfen rechte Exponenten über Krippen und Karrieremamis.

So stellt sich doch die Frage: Nach welchem Familienmodell leben eigentlich unsere Politiker? Teilen sich alle Linken mit ihrer Partnerin vorbildlich Job, Haushalt und Kinderbetreuung? Und steht hinter jedem rechten Politiker eine genügsame Hausfrau, die ihrem Mann den Rücken freihält?

«Weiter Horizont dank Berufstätigkeit»

Einer, der trotz seiner Parteizugehörigkeit nicht das traditionelle Familienmodell gelebt hat, ist der SVP-Haudegen Hans Fehr. Der 66-Jährige ist mit Ursula Fehr verheiratet, ihres Zeichens SVP-Gemeindepräsidentin in Eglisau und nebenamtliche Bezirksrichterin. Auch als ihre beiden Kinder noch klein waren, habe seine Frau fünfzig Prozent als Logopädin gearbeitet. Später war sie als Journalistin tätig, unter anderem beim «Blick für die Frau». Für die Kinderbetreuung zuständig war – wie man heute sagen würde - eine Nanny. «Eine Nachbarin hat zu unseren Kindern geschaut», erzählt Fehr.

Zwar sei ein «schöner Teil des Einkommens» für die Kinderbetreuung draufgegangen, aber «wir sind nie dem Staat auf der Tasche gelegen». Ein schlechtes Gewissen, dass man die Kinder nicht selber betreut habe, hätten er und seine Frau keines gehabt: «Schliesslich waren die Kinder ja im eigenen Haus - und die Kinder hatten die Betreuerin gerne.» Ausserdem habe er sich dank seiner flexiblen Arbeitszeiten als Lehrer zwischendurch auch selber als Hausmann betätigt.

Dann singt Fehr gar ein Loblied auf die berufstätige Frau: «Durch ihre Berufstätigkeit war meine Frau für mich noch interessanter, da es so neben den Kindern noch viele andere Themen gab, worüber sie Bescheid wusste. Ihr weiter Horizont war sehr befruchtend.»

Diesen Satz würde wohl auch SVP-Parteipräsident Toni Brunner unterschreiben, der mit einer studierten Politikwissenschaftlerin in wilder Ehe lebt. Oder der Ex-SVP-Nationalrat Peter Spuhler: Seine Frau Daniela Spuhler-Hoffmann, mit der er ein Kind hat, ist Inhaberin und Geschäftsführerin der beiden Bauunternehmen Esslinger und Barizzi in Zürich. Auch Silvia Brand, die Frau von Heinz Brand (SVP, GR), ist keine Hausfrau, sondern Inhaberin der Vereina Apotheke in Klosters.

Eine beruflich erfolgreiche Ehefrau hat auch SVP-Nationalrat Gregor Rutz, dessen Frau Beatrix im Kader der Sulzer-Vorsorgeeinrichtung sitzt. Zuvor war sie bei der Bank Sarasin tätig. Eigene Kinder hat das Karrierepaar zwar keine, aber: «Hier in Zürich ist es völlig normal, dass man Kinder in die Krippe gibt, so wie es auch viele unserer Bekannten machen.» Wichtig sei, dass jeder selber entscheiden könne.

Papi bleibt zu Hause

Und dann gibt es da auch noch SVP-Frauen, die trotz Kinder ihre politische Karriere nicht an den Nagel gehängt haben – im Gegensatz etwa zur Ex-Nationalrätin Jasmin Hutter, die davon schwärmte, es sei das Schönste auf Erden, beim Kind zu sein. Andrea Geissbühler (SVP, BE) etwa, Mutter der einjährigen Zoe, politisiert munter weiter. Auch dank einem modernen Mann an ihrer Seite. «Wenn ich während der Session in Bern bin, nimmt mein Mann frei und kümmert sich um die Kleine», sagt Geissbühler.

Zoe habe eine «solche Freude am Papi», man sehe, wie wichtig der Vater für das Kind sei. Ausserdem merke der Vater auch, wie anstrengend Kinderbetreuung überhaupt sei. Dann aber räumt Geissbühler ein: «Hätte er beruflich nicht kürzertreten wollen, dann hätte ich mit der Politik aufgehört. Kinder haben Priorität.»

Und wie sieht es bei den Linken aus, wo man nicht müde wird, die Rolle des engagierten Vaters zu proklamieren und Matthias Aebischer – SP-Nationalrat, Hausmann und dreifacher Vater – als Vorzeigepapi schlechthin gilt?

Krippe? Nein, danke

SP-Nationalrat Thomas Hardegger und seine Frau, Eltern von inzwischen drei erwachsenen Kindern, wählten damals das traditionelle Familienmodell. «Es hat sich halt so ergeben», sagt Hardegger. Damals habe es schliesslich keine Krippe oder einen Mittagstisch gegeben. Immerhin habe er sich aber zeitlich so organisieren können, dass seine Frau ein bisschen arbeiten und kleinere Tätigkeiten in der Gemeindeblibiothek erledigen konnte. Geschäftsführer Hardegger betont, dass er neben seinem 100-Prozent-Pensum aber durchaus auch seinen Beitrag geleistet habe in Haushalt und Kinderbetreuung.

Fremdbetreuung war auch für Andy Tschümperlin, Vizepräsident der SP-Fraktion, nie ein Thema. «Für uns war es immer klar, dass wir das selber machen wollten», sagt der Vater von vier Kindern zwischen 16 und 24. In Schwyz habe es damals und auch heute kaum Kinderkrippen gegeben. Dass seine Frau beruflich kürzergetreten sei, habe hauptsächlich ökonomische Gründe gehabt: «Als Reallehrer hatte ich den besseren Verdienst als meine Frau, die als Primarlehrerin arbeitete.»

So arbeitete Tschümperlin anfänglich hundert Prozent und seine Frau zwanzig. Mit den Jahren habe sie ihr Pensum schrittweise erhöht und er seines etwas reduziert. Erst als Tschümperlin in den Nationalrat gewählt wurde, stellte sich das Paar die Frage: «Wie machen wir jetzt das?» Man entschied sich dazu, einen Koch und eine Putzfrau anzuheuern.

Auch für Corrado Pardinis Ehefrau (SP, BE) war es wichtig, die Kinderbetreuung selber zu übernehmen: «Die Krippe war für uns keine Option.» Zwei Jahre sei seine Frau zu Hause bei Oriana (15) und Alessandro (19) geblieben, obwohl sie zuvor mehr verdient hatte als er. Als sie ihr Pensum auf 20 Prozent erhöhte, seien die Grosseltern eingesprungen. «Dank meiner Frau konnte ich eine politische Karriere machen», sagt Pardini.

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