«Gimpft»-Bändeli«Man grenzt sich bewusst von den Ungeimpften ab»
Ein neongrünes Armband mit «Gimpft»-Schriftzug soll laut dem Initianten und Trägern Diskussionen fördern – könnte laut Soziologen aber genau das Gegenteil bewirken.
Was denkt die Community über die Armbändeli? Wir haben nachgefragt.
20 MinutenDarum gehts
Mit einem grellgrünen Armband mit «Gimpft»-Schriftzug kann man öffentlich auf seinen Impfstatus hinweisen.
Gemäss des Initianten und Käufern soll dies Diskussionen über das Thema Impfen fördern.
Doch es gibt auch kritische Stimmen: «Alle Menschen müssen gleich behandelt werden», sagt Nicolas Rimoldi, von «Mass-voll!».
Es entstehe eine negative Stigmatisierung der Ungeimpften – egal ob diese sich nicht impfen lassen wollten oder konnten, sagt Soziologin Katja Rost.
«Du findest Impfungen wichtig? Dann zeige es!» So wird im Internet für ein neongrünes Plastik-Armband geworben, auf dem in schwarzen Buchstaben das Wort «gimpft» prangt. Das Accessoire kann man für fünf Franken online kaufen.
Initiant der Aktion ist Martin Fussen. Die Idee sei ihm gekommen, als ihm auf Social Media immer mehr Posts aufgefallen seien, in denen sich Leute für die Impfung ausgesprochen haben. «In der realen Welt sind solche Statements aber selten. Mit den Armbändern will ich das ändern», sagt Fussen. Sie seien wie «Fanartikel für die Impfung.» Aber auch die sachliche Diskussion soll gefördert werden, so Fussen: «Unsicheren Ungeimpften soll es Mut für die Spritze geben, wenn sie sehen, wer in ihrem Umfeld Vertrauen in die Impfung hat.»
Bändeli verkörpern «Naziideologie», schreiben Social-Media-Nutzer
Seit dem Start der Seite im vergangenen Januar habe er knapp 2000 Bänder verkauft. «Meine ganze Familie trägt das Bändeli», sagt Käufer Cédric S. (30) aus Basel. «Es ist für mich ein Zeichen der Solidarität. Und ich bekenne damit Farbe für etwas, worauf ich stolz bin», so S. Durch das Statement an seinem Handgelenk erhofft er sich zudem, Impfzögerer zum Impfen zu bringen. Aus gleichem Grund trägt auch Laurenz Hüsler aus Egg ZH das Accessoire. Denn: Es komme nicht auf 100-prozentigen Schutz der Impfung an - sondern darauf, dass möglichst viele Personen geimpft würden. «Tue Gutes und sprich davon», sagt Christian Siegenthaler (42), Leiter Pflege und Betreuung der Stiftung VitaTertia in Gossau SG dazu. Durch das Armband könne er einfacher mit anderen in Dialog treten und sie von der Impfung überzeugen.
Fussens «Gimpft»-Bändeli sorgen für heftige Reaktionen: «Naziideologie», kommentieren User auf Twitter seine Fotos. Als «gesellschaftsspalterische Idee», «eine Geldmacheridee» und eine «perfide Form von Faschismus» wird sein Produkt bezeichnet. Auch er persönlich werde teilweise angegriffen, sagt Fussen. «Impfgegner wünschten mir, dass ich doch mit meinen Bändern verrecken sollte.» Dabei sei es nicht sein Ziel, mit den Bändern Ungeimpfte auszugrenzen. Ihm sei es wichtig, dass die Impfung ein freier individueller Entscheid bleibe: «Ich bin gegen eine Impfpflicht.»
Nicolas Rimoldi, Co-Präsident der Jugendbewegung «Mass-voll!» findet es «sonderbar», dass manche Menschen das Bedürfnis hätten, ihren Impfstatus zu präsentieren. Die eigene Gesundheit gehe niemanden etwas an. «Alle Menschen müssen gleich behandelt werden, ob man geimpft ist oder nicht, darf keine Rolle spielen», so Rimoldi. Laut dem Luzerner Jungpolitiker erhöhen Aktionen wie diese den Druck auf Ungeimpfte und führen weiter zur Spaltung der Gesellschaft.
«Das ist gefährlich»
Mit den Bändeli soll ein Zusammengehörigkeitsgefühl geschaffen werden, sagt Soziologin Katja Rost, Professorin an der Universität Zürich. «Es wird der Status ‘Geimpft’ zur Schau gestellt und man grenzt sich bewusst von der Gruppe der Ungeimpften ab.» Daraus entstehe aber auch eine negative Stigmatisierung der Ungeimpften – egal ob diese sich nicht impfen lassen wollten oder konnten, sagt Rost. «Das ist gefährlich und führt dazu, dass Menschen aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden.» Im Gegensatz zu einem Fan-T-Shirt zum Musikgeschmack, welches ebenfalls Status zur Schau stellt und Eigen- und Fremdgruppe schafft, überwiegen bei Impfbändeli laut Rost die negativen Effekte.
Der Extremismusforscher Dirk Baier findet das Impf-Thema zurzeit zu kontrovers, als dass ein Impf-Armband hilfreich sein könne. «Mit dem Band signalisiert man unverkennbar, zu welcher Seite man gehört. Das führt zu Gruppenbildungen, die wiederum schnell mit Abwertungen, Provokationen oder Aggressionen einhergehen», so Baier. Er finde die Impfdiskussion im persönlichen Umfeld gut und wichtig, aber um für das Impfen zu werben, brauche es vertrauensvolle Gespräche.
Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) betont auf Anfrage, dass die Covid-19-Impfung ein individueller Entscheid sei: «Wir prüfen laufend Massnahmen, um die Impfbereitschaft zu erhöhen» Statt auf Give-Aways, werde derzeit aber auf Information und Aufklärung gesetzt.
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