Leben im FreienMediterraner Lebensstil bringt Städte an Grenzen
Das Leben der Schweizer findet zunehmend draussen statt. Doch viele Städte haben ihre Kapazitätsgrenzen erreicht.
Openairs, Kinoabende unter freiem Himmel, Food Festivals, Grillieren am See: In den letzten 15 Jahren hat sich das Leben der Schweizer verstärkt nach draussen verlagert. Öffentliche Plätze sind bei schönem Wetter überlaufen, ebenso die Aussenbereiche der Restaurants und Bars. In der Stadt Zürich hat sich die Zahl der Aussenbestuhlungen auf öffentlichem Grund in den letzten 20 Jahren mit einer Anzahl von 700 fast verdoppelt – Tendenz steigend. Diese Entwicklung hat einen Namen. Man spricht von der «Mediterranisierung des öffentlichen Raums».
Die Gründe dafür sind der gesellschaftliche Wandel, die Zuwanderung und die steigenden Temperaturen (siehe Box). Wolfgang Kaschuba, Metropolen-Forscher der Berliner Humboldt-Universität, spricht von einem «Ausbruch der Menschen aus der Fernseh- und Sofa-Kultur der 80er-Jahre»: «Joggen und Essen, Konzert oder Urban Gardening. Das gemeinsame Draussensitzen und Flanieren mit Bier-, Weinflaschen oder Sektkelchen an Flussufern, in Strassen und in Parks: Das sind intensive Formen öffentlichen Lebens, die wir früher nicht hatten», sagte Kaschube zum Berliner Kurier. Städter wollten alle Bedürfnisse gleichzeitig erfüllt haben: Erlebnis und Entspannung, Kultur und Natur. Statt nur Wohn- und Produktionsstätte zu sein, sollen die Städte heute ein hochattraktives Lebensumfeld bieten. Doch dieses Bedürfnis bringt Schweizer Städte an ihre Grenzen:
Stadt Bern: «An gewissen Orten wird es schwierig für den Fussverkehr»
Die Beanspruchung von öffentlichen Plätzen habe spürbar zugenommen, sagt Sabine Gresch von der Stadtplanung Bern, an einigen Orten sehr stark. Mittlerweile stosse man an Grenzen. «In der Stadt Bern ist der öffentliche Raum zurzeit ein grosses Thema – auch in der Politik. Wir begleiten die Entwicklung und arbeiten an Lösungen», sagt Gresch und erklärt: «An gewissen Orten wird es schwierig für den Fussverkehr, etwa durch viele Events im öffentlichen Raum.» Ein Beispiel hierfür ist der Kornhausplatz. Es bestehe ein politischer Auftrag, ein Nutzungskonzept für die Innenstadt zu erarbeiten, um möglichst alle Nutzungen und Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen. «Wichtig ist, dass der öffentliche Raum allen hindernisfrei zur Verfügung steht und nicht kommerzialisiert wird.»
Stadt Zürich: Mehr Polizei-Einsätze
Das Bedürfnis der Leute, draussen zu sein, spürt auch die Stadtpolizei Zürich. «In den letzten Jahren mussten wir am Wochenende die Belegschaft verstärken», erklärt Polizeisprecher Marco Cortesi. Leute kämen aus der ganzen Schweiz, um das Stadtleben in Zürich zu geniessen und in den Ausgang zu gehen.
Streit ist auch über die Nutzung des Sechseläutenplatzes beim Opernhaus entbrannt. Eine Initiative fordert, dass der Sechseläutenplatz mindestens 300 Tage im Jahr vollständig frei zugänglich ist. «Ziel unserer Initiative ist es, dass der wunderbar gestaltete Sechseläutenplatz so oft wie möglich von den Menschen frei genutzt werden kann», steht auf ihrer Website. Zurzeit werde der Platz zu oft für Events und Veranstaltungen beansprucht.
Stadt Basel: Littering und Uringestank
In Basel wird der öffentliche Raum verstärkt genutzt, wie Roland Frank von der Stadtentwicklungbestätigt. Es gebe mehr Getränkestände, gewisse Regionen würden umgestaltet, etwa das Rheinufer.Dieses werde immer stärker beansprucht.
Doch das sorgt bei den Anwohnern für Ärger. Laute Musik, Littering, Gestank nach Urin und Grillgut sind ihnen ein Dorn im Auge. Die Stadt hat daher die Kampagne #Rhylax gestartet, die für ein respektvolles Zusammenleben sorgen soll.
Stadt St. Gallen: Openair nach drinnen verlegt
In St. Gallen gibt es laut Stadtplaner Florian Kessler immer mehr Veranstaltungen und Aussenlokale in der Innenstadt, was zu Interessenkonflikten führt. Viele Anwohner hätten sich am Lärm gestört. Das hat dazu geführt, dass die Jugendarbeit verstärkt wurde. Und man ging noch einen Schritt weiter: Wegen Lärmbedenken wurde dieses Jahr das Weihern-Festival, ein Openairkonzert, nach drinnen in eine Halle verlegt.
Nachtrag: Das Weihern-Festival findet nun doch draussen statt.
Stadt Luzern: Keine Konflikte
In Luzern werden vor allem die Bereiche am See- und Flussufer stärker beansprucht, wie Dominik Frei von der Stadtplanung feststellt. Zudem hätten Restaurants ihre Aussenbestuhlung auf öffentlichem Grund stark vergrössert. Es würden auch viel mehr öffentliche Events stattfinden. Ein Problem sieht man darin jedoch bisher nicht. Im Gegenteil: Die Juso-Fraktion hat vor kurzem ein Postulat eingereicht, in dem gefordert wird, dass kleine Gastro-Unternehmen mehr öffentliche Plätze nutzen können.
«Mediterranisierung macht Städte attraktiver»
Architekt und Stadtplaner Patrick Gmür sieht in der Mediterranisierung eine Herausforderung für die Schweizer Städte: «Unsere Städte werden dichter. Somit werden Freiräume wichtiger, aber auch stärker beansprucht.» Dennoch findet Stefan Kurath, Professor im Bereich Städtebau an der ZHAW, die Entwicklung positiv. Der öffentliche Raum sei das, was eine Stadt ausmache: «Die Aufwertung und Belebung öffentlicher Plätze macht die Städte attraktiver für ihre Bewohner, Touristen und internationale Arbeitgeber.»
Fast Food, Klima und Zuwanderung
Fast Food, Klima und Zuwanderung
Das Leben der Schweizer spielt sich zunehmend im Freien ab. Das sind die Gründe:
Gesellschaftliche Liberalisierung: Essen und Getränke sind heutzutage überall erhältlich. Es gibt viel mehr Fastfood, das im öffentlichen Raum gegessen wird. «Allgemein wird mehr auswärts gegessen und getrunken», sagt Stadtplaner Patrick Gmür. Eine Rolle spiele auch der wachsende Wohlstand und das sich verändernde Ausgehverhalten. Und: «Wegen der Digitalisierung sucht man wieder mehr den direkten sozialen Kontakt. Der findet eher draussen statt.»
Klima: Die Durchschnittstemperatur in der Schweiz war in den letzten 20 Jahren höher als in den dreissig Jahren zuvor.
Zuwanderung: Die Mediterranisierung der Schweiz sei auch eine Folge der Zuwanderung. In der Schweiz haben fast eine Million Personen einen Pass aus Italien, Spanien, Portugal, Griechenland oder aus dem Balkan. Dazu kommen noch die Einwohner mit einem entsprechenden Migrationshintergrund.
Ferien im Süden: Für einen weiteren Grund hält Stadtplaner Patrick Gmür die positiven Erfahrungen, welche die Schweizer im Süden gemacht haben. Die Schweizer begannen diesen Ferien-Lebensstil auch zuhause zu leben.