Migranten stehen unter hoher psychischer Belastung

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MigrationsbiographieMigration beeinflusst die psychische Gesundheit

Menschen mit Migrationshintergrund stehen in der Schweiz häufig unter einer hohen psychischen Belastung. Wieso das so ist und was dagegen helfen könnte.

Schweizerinnen und Schweizer nehmen häufiger psychische Hilfe in Anspruch.
Menschen mit Migrationshintergrund stehen jedoch häufiger unter hoher psychischer Belastung.
Das zeigen Zahlen vom Bundesamt für Statistik.
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Schweizerinnen und Schweizer nehmen häufiger psychische Hilfe in Anspruch.

20min/Matthias Spicher

Darum gehts

  • Zahlen zeigen: Migrantinnen und Migranten in der Schweiz fühlen sich psychisch stärker belastet als Schweizerinnen und Schweizer.

  • Trotzdem nehmen sie seltener psychologische Hilfe in Anspruch.

  • Zwei Expertinnen erläutern die Gründe.

Wer Wurzeln im Ausland hat, steht häufiger unter psychischer Belastung, ist aber seltener deswegen in Behandlung als Schweizerinnen und Schweizer (siehe Grafik). Das zeigen Zahlen vom Bundesamt für Statistik.

Bei einer Strassenumfrage von 20 Minuten bestätigt sich dieses Bild. «Psychische Gesundheit ist bei uns zu Hause kein Thema», erzählt Davide (16). Damit ist er nicht alleine: Mehrere junge Erwachsene mit Migrationshintergrund sprechen im Video darüber, dass psychische Erkrankungen ein Tabu seien.

Wir haben mit zwei Expertinnen über die möglichen Gründe und Lösungsansätze gesprochen.

*Die Skala wurde mit einer weiteren ergänzt und ist nur bedingt mit den Vorjahren vergleichbar.
**Die Gruppe ist sehr klein und daher mit statistischer Unsicherheit behaftet.

Fehlendes Wissen

«Meine Mutter ist manchmal auch traurig, aber sie kann es nicht identifizieren», sagt erzählt Sam (23). Die Soziologin und Medizinethnologin Amina Trevisan erklärt: «Menschen mit Migrationsbiographie erkennen psychisches Leiden oftmals nicht als solches.» Haben die Eltern kein Bewusstsein für mentale Gesundheit, ist dies laut Soziologin Denise Efionayi auch für die Kinder schwieriger.

Die Expertinnen

Denise Efionayi-Mäder ist Projektleiterin und Vizedirektorin am Schweizerischen Forum für Migrations- und Bevölkerungsstudien SFM der Universität Neuchâtel.

Amina Trevisan hat ihre soziologische Doktorarbeit zum Thema «Migration Depression und Biographie. Krankheitserfahrungen migrierter Frauen in der Schweiz» verfasst. Ausserdem ist sie Gründerin und Geschäftsleiterin von Prosalute. Das Kompetenzzentrum setzt sich für gesundheitliche Chancengleichheit und für einen chancengerechten Zugang zur Gesundheitsversorgung für Migrierte und Geflüchtete ein. Sie ist ausserdem SP-Grossrätin in Basel-Stadt.

Scham

«Migration macht nicht per se psychisch krank», betont Trevisan. «Aber die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Migrierte leben, können krank machen.» Es gebe Faktoren wie Rassismus, finanzielle Sorgen, erschwerten Zugang zum Arbeitsmarkt oder fehlende soziale Unterstützung, die Depressionen begünstigten. «In unseren Beratungen haben wir festgestellt, dass es den Betroffenen hilft, wenn sie lernen, dass soziale Faktoren, für die sie nichts können, Depressionen verursachen können.» Oftmals sei eine psychische Erkrankung stark schambehaftet. «Das Wissen, dass Depressionserkrankung nicht nur in einem individuellen, sondern auch in einem gesellschaftlichen Kontext zu verorten ist, hilft. Dadurch empfinden Betroffene weniger Schuld für ihre Erkrankung.»

Vorurteile

Beide Expertinnen betonen, dass es eine Rolle spielt, woher jemand stammt. «Es gibt nicht ‹die Migration›, sondern grosse Unterschiede, was die Kultur der migrierten Menschen anbelangt», sagt Efionayi-Mäder. «Es gibt zum Beispiel Länder in Afrika, wo ein Psychologie-Studium schlicht nicht existiert. Die Menschen haben andere Bewältigungsstrategien und finden etwa Hilfe in der Religion oder Gemeinschaft.»

Redest du mit deiner Familie über deine psychische Gesundheit?

Trevisan sagt: «Wenn der Zugang zur psychischen Gesundheitsversorgung im Herkunftsland schwierig ist oder im Fall einer psychischen Erkrankung eher nicht-psychiatrische Einrichtungen aufgesucht werden, haben migrierte Menschen oft auch wenig Vertrauen in das hiesige Behandlungsangebot.»

Fehlender Zugang zu Informationen

«Die Chancen auf Gesundheit sind in der Schweizer Bevölkerung ungleich verteilt. Verglichen mit weniger vulnerablen Gruppen verzichten vulnerable drei- bis viermal häufiger auf medizinische Leistungen, nehmen seltener gesundheitsfördernde und präventive Angebote in Anspruch und sind schwerer erreichbar», so Trevisan. Und Soziologin Efionayi-Mäder sagt: «Die administrativen Fragen unseres Gesundheitssystems können eine Herausforderung darstellen – umso mehr, wenn man die Sprache nicht versteht.»

Lösungsvorschläge

Sowohl Denise Efionayi-Mäder als auch Amina Trevisan sind der Meinung, dass es niederschwellige Angebote braucht. «Auch hier sind die Migrationsgeschichten sehr unterschiedlich, weshalb es eine breite Palette von Angeboten braucht», sagt Efionayi-Mäder.

«Psychische Erkrankungen werden von Fachpersonen und Laien immer wieder falsch oder nicht erkannt», so Trevisan. Darum brauche es mehr niederschwellige, mehrsprachige Beratungsangebote für Migrierte und Geflüchtete. «Ein frühes Angebot wirkt sich präventiv und positiv auf die psychische und physische Gesundheit migrierter Menschen aus», ist Trevisan überzeugt.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, eine psychische Erkrankung?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Kinderseele Schweiz, Beratung für psychisch belastete Eltern und ihre Angehörigen

Verein Postpartale Depression, Tel. 044 720 25 55

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Stand by you Schweiz, Helpline für Angehörige, Tel. 0800 840 400

Psyfinder, qualifizierte Fachpersonen in deiner Nähe

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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